Rezension

Love Letters to the Dead

von Ava Dellaira

cbt Verlag, 407 Seiten

Preis: 9,99€

Inhalt

Es beginnt mit einer Hausaufgabe für den Englisch-Unterricht: Schreibt einen Brief an eine tote Person, egal, an welche. Laurel wählt Kurt Cobain – er ist jung gestorben, genau wie ihre Schwester May, also versteht er vielleicht, was sie gerade durchmacht. Schon bald schreibt Laurel Briefe an viele tote Personen – Janis Joplin, Heath Ledger, River Phoenix, Amelia Earhart… es ist, als könnte sie gar nicht mehr damit aufhören, und ihrer Lehrerin abgeben wird sie diese Briefe ganz sicher nicht. Sie schreibt über ihr erstes Jahr an der High School, darüber, wie sie neue Freunde findet und sich zum ersten Mal verliebt – und wie zerbrochen ihre Familie ist, seit May tot ist.
Doch die Geister von Laurels Vergangenheit lassen sich nicht zwischen ein paar Zeilen auf einem Blatt Papier einschließen, und früher oder später muss sie sich mit ihrem Leben und dem Schmerz, ihre geliebte Schwester zu verlieren auseinandersetzen. Sie muss erkennen, was es bedeutet, aus deren Schatten  zu treten und erwachsen zu werden – und endlich darüber sprechen, was wirklich geschehen ist, in der Nacht, in der May starb.

Meine Meinung

Ich hatte ehrlich gesagt überhaupt keine hohen Erwartungen an „Love Letters to the Dead“, als ich diese Woche angefangen habe, es zu lesen – ich wollte einfach nur etwas leichtes, schnelles, nachdem Marlen Haushofers „Die Wand“ mich so überwältigt hatte.
Die Rezensionen, die ich zu dem Buch gelesen hatte, waren sehr gemischt – deshalb habe ich ein relativ generisches, nicht wirklich außergewöhnliches Jugendbuch erwartet, da auch der Klappentext vor allem viel High School Drama und Teenager-Verliebtheit versprochen hat. Umso erstaunter war ich, als das Buch mir tatsächlich von Anfang an richtig gut gefallen hat.

Ich mochte Laurel sofort sehr gerne, und obwohl ich mich nicht immer zu hundert Prozent in sie hineinversetzen konnte – sie ist eben doch erst 14 Jahre alt und auch sonst haben wir nicht allzu viel gemeinsam – wollte ich sie doch vor allem immer beschützen. Laurel steht wirklich noch ganz am Anfang ihrer Selbstfindungsphase, und die Tatsache, dass ihre vor kurzem erst verstorbene große Schwester May eine so schillernde, interessante und beliebte Person war, macht ihr das nicht gerade einfacher. Noch dazu fehlt ihr schlicht und ergreifend der Rückhalt ihrer Eltern, die sich in ihrer Trauer um die ältere Tochter eher noch von der jüngeren entfernen, als ihr zur Seite zu stehen. Es war wirklich herzzerreißend, wir verloren Laurel oft war.
Überhaupt ist mir „Love Letters to the Dead“ so, so, so viel näher gegangen, als ich es je erwartet hätte. Die Geschichte ist viel düsterer und direkter, als ich zuerst vermutet hätte, und der Schmerz, den Laurel empfindet, wird so schnell auch der Schmerz des Lesers. Die Beziehung der beiden Schwestern war so liebevoll, lebendig und real geschildert, dass ich tatsächlich oft Tränen in den Augen hatte – und ich bin für gewöhnlich wirklich niemand, der beim Lesen weint.
In dem Buch geht es nicht nur um Mays Tod, aber zumindest für mich hat dieser die Geschichte doch klar dominiert, sodass viele andere Aspekte eher in den Hintergrund gerückt sind. So fand ich die Liebesgeschichte relativ farb- und seelenlos und auch Laurels neue Freundinnen, Hannah und Natalie, sind – obwohl ich die beiden eigentlich sehr gern hatte – für mich eigentlich nur Randfiguren geblieben, die ich erst ganz zum Schluss verlässlich auseinander halten konnte. Tatsächlich war die tote May für mich oft lebendiger als die meisten noch lebenden Figuren des Buches – das hat mich aber nicht groß gestört, da mich die Geschichte rund um Laurels Schwester wie gesagt ohnehin am meisten interessiert hat.
Auf Goodreads wird Ava Dellaira als Stephen Chboskys („The Perks of Being a Wallflower“) Protegé bezeichnet, den sie in ihrer Danksagung auch explizit als Freund und Mentor erwähnt, und ich muss sagen, dass ich jetzt, nachdem ich über diese Verbindung gelesen habe, nicht weiß, wie mir das nicht sofort auffallen konnte.
Es ist nicht nur die generelle Stimmung des Buches, die sehr ähnlich ist, sondern auch zahllose Motive – von den Briefen über die Musik, die gehört wird, bis zu Laurels (für ihr Alter wirklich unangemessenen) Alkoholkonsum, der mir mehr als nur einmal bitter aufgestoßen ist, und noch vielem mehr, das ich aufgrund der eventuellen Spoilergefahr für beide Bücher lieber unerwähnt lasse – tauchen sowohl bei Dellaira als auch bei Chbosky immer wieder auf. Vielleicht hat „Love Letters to the Dead“ mir auch deswegen so gut gefallen – „The Perks of Being a Wallflower“ habe ich nämlich bereits zweimal gelesen und beide Male sehr gemocht.
So erklärt sich auch, warum Ava Dellairas Buch so atmosphärisch und lyrisch ist, dass es stellenweise beinahe abgehoben wirkt, aber gleichzeitig auch so klar und schonungslos auf den Punkt geschrieben ist – hier ähneln die beiden Werke sich ebenfalls. Es ist eine Erzählart, die man einfach entweder mag oder eben nicht – mir hat sie jedenfalls sehr gut gefallen!

Alles in Allem hat „Love Letters to the Dead“ mir also wirklich gut gefallen. Das Ende fand ich leider nicht ganz so gut gelungen – es war mir ein wenig zu einfach und ein wenig zu schnell, gleichzeitig aber auch schon fast wieder langatmig, was eine sehr seltsame Kombination war – und vor allem in Bezug auf Alkohol fand ich das Buch, wie bereits gesagt, stellenweise sehr unangemessen für das Alter der Protagonistin – wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass ich das als Teenie selbst noch anders gesehen hätte – weshalb es dann doch keine fünf Sterne für mich wurden.
Trotzdem hat es mir sehr viel Spaß gemacht – und mich auch oft zu Tränen gerührt! – und ich bin sehr froh, es endlich von meinem SuB befreit zu haben. Das Buch ist sicher nicht für jeden was, und wer „The Perks of Being a Wallflower“ schon langweilig, abgehoben oder unrealistisch fand, der wird hieran vermutlich auch keinen Spaß haben – allen anderen kann ich aber nur empfehlen, das Buch mal auszuprobieren!

Rezension

Die Wand

von Marlen Haushofer

List Verlag, 276 Seiten

Preis: 8,95€

Inhalt

Eine Frau will mit ihrer Kusine und deren Mann ein paar Tage in einem Jagdhaus in den Bergen verbringen. Nach der Ankunft unternimmt das Paar noch einen Gang ins nächste Dorf und kehrt nicht mehr zurück. Am nächsten Morgen stößt die Frau auf eine unüberwindbare Wand – und hinter dieser Wand scheint alles Leben erloschen. Abgeschlossen von der übrigen Welt, richtet sie sich inmittten ihres engumgrenzten Stücks Natur und umgeben von einigen zugelaufenen Tieren aufs Überleben ein.

Meine Meinung

Obwohl „Die Wand“ bereits 1963 veröffentlicht wurde, und somit wirklich kein unbedingt neues Buch ist, hatte ich noch nie etwas davon gehört, bis es innerhalb meines kleinen lesebegeisterten Social Media Kreises im Laufe des letzten Jahres plötzlich durch die Decke ging. Gefühlt jeder schien das Buch zu lesen, zu lieben, und dann sofort weiter zu empfehlen. Klar wurde auch ich da neugierig – und ich muss sagen, die Begeisterung rund um Marlen Haushofers Buch ist absolut berechtigt.

Ich habe „Die Wand“ eigentlich schon gestern beendet, aber obwohl ich am liebsten sofort eine Rezension dazu geschrieben hätte, ist es mir einfach nicht gelungen. Ich war schlicht und ergreifend so absolut überwältigt von dem Buch, dass ich keinen klaren Gedanken dazu mehr zustande gebracht habe – auf diese Art und Weise ist mir das glaube ich bei noch keinem Buch zuvor jemals passiert.
Und das, obwohl in „Die Wand“ nicht einmal besonders viel passiert. Eigentlich verrät der Klappentext tatsächlich bereits den gesamten Inhalt – unsere namenlose Protagonistin findet sich eines Morgens hinter einer unsichtbaren Wand wieder, als – wie es scheint – letzte Überlebende der Menschheit. Sie versucht also, sich innerhalb ihres „Gefängnisses“ ein Leben aufzubauen – ohne andere Menschen, dafür mit einem Hund, einer Kuh und einer alten Katze. „Die Wand“ beschreibt etwa zweieinhalb Jahre, die unsere Protagonistin so verbringt – mit Holz hacken, Heu ernten und Kartoffeln anpflanzen.
Klingt eigentlich nicht besonders spannend, und doch entwickelt das Buch einen Sog, aus dem man sich nur noch mit Mühe befreien kann – und auch das habe ich nur geschafft, wenn ich so absolut überwältigt von der Geschichte war, dass ich einfach nicht mehr weiterlesen konnte. Weil es eben nicht nur darum geht, wie oft die Kuh gemolken wird, oder wann im Wald die Brunftzeit beginnt, sondern um das Leben selbst – um Erinnerung, um die Gesellschaft und deren Regeln und darum, Loszulassen. Es geht um (vermeintliche) Freiheit und worin diese eigentlich liegt, darum, was es bedeutet, Mensch zu sein – und was davon noch wichtig ist, wenn es sonst keine Menschen mehr gibt.
„Die Wand“ ist absolut berauschend, schön und schrecklick zugleich, ruhig und doch so spannend. Es ist nachdenklich, ohne prätentiös zu werden, vielschichtig, atmospährisch, ergreifend und einfach so, so, so viel größer, als es seine geringe Seitenzahl oder eine bloße Zusammenfassung des Inhalts vermuten lassen. Es ist ein Buch, das nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern den Leser selbst verändert – ich hatte beim Lesen das Gefühl, gemeinsam mit der Protagonistin nach und nach meine Menschlichkeit abzulegen und sie gleichzeitig gerade dadurch wiederzufinden.

Ganz gesetzt hat sich „Die Wand“ bei mir immer noch nicht, aber ich glaube jetzt schon zu wissen, dass es ein Buch ist, an das ich auch in sehr langer Zeit noch immer wieder mal denken werde – vielleicht also sogar eines, das sich nie so ganz setzen wird. Auf jeden Fall kann ich das Buch wirklich nur empfehlen! Schon lange hat mich kein Buch mehr auf so wenigen Seiten so begeistert.

Rezension

Aristotle and Dante Discover the Secrets of the Universe

von Benjamin Alire Sáenz

Deutscher Titel: Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums

Simon and Schuster Verlag, 359 Seiten

Preis: 9,99€

Inhalt

Dante kann schwimmen. Ari nicht. Dante kann sich ausdrücken und ist selbstsicher. Ari fallen Worte schwer und er leidet an Selbstzweifeln. Dante geht auf in Poesie und Kunst. Ari verliert sich in Gedanken über seinen älteren Bruder, der im Gefängnis sitzt. Mit seiner offenen und einzigartigen Lebensansicht schafft es Dante, die Mauern einzureißen, die Ari um sich herum gebaut hat.
Ari und Dante werden Freunde. Sie teilen Bücher, Gedanken, Träume und lachen gemeinsam – und beginnen die Welt des jeweils anderen neu zu definieren.

Meine Meinung

Ich habe „Aristotle and Dante Discover the Secrets of the Universe“, wenn ich mich richtig erinnere, zu meinem 18. Geburtstag bekommen, also vor fast vier Jahren. Seit dem stand das Buch in meinem Regal und hat Staub angesetzt, weil ich inzwischen schon so viel überschwängliches Lob dafür gehört hatte, dass ich mich nicht mehr so wirklich an das Buch herangetraut habe – ich hatte einfach Angst, meine Erwartungen wären viel zu hoch und das Buch würde mich deshalb enttäuschen.
Als es dann letzten Monat zum neuen Zwitscherbooks-Buchclub Buch gewählt wurde, habe ich mich deswegen – wie so oft – sehr gefreut, endlich keine Ausrede mehr zu haben, „Aristotle and Dante Discover the Secrets of the Universe“ nicht zu lesen!

Mein erster Eindruck – der sich dann auch tatsächlich das ganze Buch über gehalten hat – war, dass meine Erwartungen vielleicht nicht zu hoch, aber irgendwie falsch gewesen waren. Gerade am Anfang hatte ich deshalb Probleme, mich wirklich in der Geschichte einzufinden – noch dazu kam dann der etwas eigenwillige Schreibstil, mit dem ich zunächst überhaupt nichts anfangen konnte, und den ich erst nach einiger Eingewöhnungszeit wirklich zu schätzen gelernt habe.
„Aristotle and Dante Discover the Secrets of the Universe“ ist komplett aus Aris Sicht und vor allem aus seiner Gefühlswelt heraus geschrieben. Passend zu seiner Art sind sowohl die Sätze als auch die Kapitel deswegen eher kurz gehalten und die Erzählstimme generell recht knapp, was mich zu Beginn sehr irritiert hat. Noch dazu kommen immer wieder Dialoge, die teilweise sehr lang sind, ohne dass zwischendurch markiert wird, welche Aussage zu welchem Sprecher gehört – manche Seiten bestehen komplett nur als untereinander aufgelisteter direkter Rede, was die Gespräche für mich teilweise etwas verwirrend gemacht hat.  Je länger ich das Buch gelesen habe, desto besser hat diese Erzählweise für mich allerdings dazu gepasst.
Ich habe sowohl Ari als auch Dante und ihre jeweiligen Familien im Laufe des Buches sehr lieb gewonnen – es ist definitiv ein Buch, das von seinen Charakteren lebt. Gerade deswegen hat es mich aber wiederrum gestört, wie blass vor allem die weiblichen Nebencharaktere – allen voran Aris Schwestern und seine Schulfreundinnen – dargestellt wurden. In der Diskussion hat unsere Buchclub-Leitung es ziemlich genau auf den Punkt gebracht, als sie sagte „Sogar Legs [Aris Hund] war besser geschrieben als manche weibliche Figur.“ Das fand ich wirklich sehr schade.
Trotzdem ist „Aristotle and Dante Discover the Secrets of the Universe“ nicht nur ein gutes, sondern – und den Preisen nach zu urteilen, die es bekommen hat, sehe das nicht nur ich so – auch ein sehr wichtiges Jugendbuch. Es setzt sich nicht nur mit generellen Jugendbuch-Themen wie dem Erwachsenwerden an sich, der ersten Liebe oder dem Ausbrechen aus familiären Grenzen auseinander, sondern auch mit der Suche nach der eigenen Identität – nicht nur von queeren Jugendlichen sondern auch von Kindern mexikanischer Einwanderer in den USA, und vor allem mit der Suche danach, wie diese beiden Identitäten zusammenpassen. Gerade das hatte ich bisher in noch keinem Jugendbuch so gelesen, und obwohl ich selbst keinen Migrationshintergrund habe und somit nicht wirklich in der Position bin, das zu beurteilen, so hatte ich doch das Gefühl, dass Benjamin Alire Sáenz hier wahnsinnig viel richtiges und wichtiges sagt.
Meine Erwartungen an das Buch waren wie bereits gesagt nicht ganz richtig – ich hatte eine Liebesgeschichte erwartet, und das war es dann irgendwie doch nicht. So wie es war hat es mir aber ohnehin besser gefallen – ich glaube, dass das Buch mir deshalb bei einem Reread, bei dem ich schon weiß, was ich zu erwarten habe, noch viel mehr Spaß machen würde.

Obwohl „Aristotle and Dante Discover the Secrets of the Universe“ also nicht ganz das war, was ich erwartet hatte, und obwohl mich die ein oder andere Sache durchaus gestört hat, so hat es mir doch wahnsinnig gut gefallen – rückblickend sogar noch besser als während des Lesens selbst, weil der Inhalt jetzt noch ein paar Tage nachwirken konnte.
Ich wünsche mir, ich hätte das Buch schon früher gelesen – ich glaube, ich hätte mich als Teenager sehr gut mit Ari identifizieren können und die Geschichte wäre so noch einmal auf eine ganz andere Art und Weise bedeutend für mich gewesen. Das ist aber auch das einzige, was ich in dieser Hinsicht bereue – ich habe „Aristotle and Dante Discover the Secrets of the Universe“ wirklich sehr gerne gelesen und werde es auf jeden Fall irgendwann noch einmal lesen.
Auch wenn es für mich – vermutlich wegen des inzwischen doch recht großen Altersunterschiedes zwischen mir und den Protagonisten – nicht ganz so weltverändernd und bombastisch war wie für viele andere Leser, spreche ich also trotzdem eine ganz klare Empfehlung für dieses wirklich wichtige, einfühlsame und vor allem sehr vielschichtige Jugendbuch aus!

Rückblick

Mein Lesemonat Januar

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Ich muss zugeben, dass der Januar mir irgendwo zwischen Unistress, Prüfungsstress, Lernstress und noch mehr Unistress ein wenig verloren gegangen ist – irgendwie hatte ich immer irgendetwas zu tun und bin zu nichts so wirklich gekommen. Das merkt man an meinem Blog – eigentlich hatte ich mir nämlich für das neue Jahr eine ganze Menge cooler, neuer Ideen ausgedacht, um nicht ständig nur Rezensionen und Monatsrückblicke zu schreiben, was aber diesen Monat komplett untergegangen ist – aber auch schon an den Büchern, die ich gelesen habe selbst, denn auch in dieser Hinsicht habe ich im Januar leider nicht so viel geschafft, wie ich wollte – klägliche drei Stück sind es geworden. Die mochte ich dafür aber zumindest auch alle sehr gerne!
Und um diese Bücher geht es:

Der Report der Magd – Margaret Atwood
(398 Seiten)

Love in the Time of Global Warming – Francesca Lia Block
(230 Seiten)

Naokos Lächeln – Haruki Murakami
(416 Seiten)

Insgesamt sind das 1044 Seiten, was sogar etwas mehr ist, als ich erwartet hätte. Ich hoffe trotzdem, dass das kein Omen für den Rest des Jahres ist – 2016 habe ich ja mit fast 4500 Seiten begonnen, und auch der Rest des Jahres ist dann lesetechnisch sehr erfolgreich geworden.
Mein Highlight diesen Monat war ohne Zweifel „Naokos Lächeln“ von Haruki Murakami. Es war mein erstes Buch von Murakami, aber mit Sicherheit nicht mein letztes – denn „Naokos Lächeln“ hat mich mit seiner grandiosen, atmosphärischen Erzählweise komplett mitgerissen. Es war so ruhig und gleichzeitig so spannend – einfach ein einzigartiges Buch, dem ich mich absolut nicht mehr enziehen konnte.
Auch die anderen beiden Bücher, die ich diesen Monat gelesen habe, mochte ich aber wie gesagt sehr gerne. „Der Report der Magd“ von Margaret Atwood stand schon seit Ewigkeiten auf meiner Leseliste, und ich habe mich sehr gefreut, es zusammen mit dem Zwitscherbooks-Buchclub zu lesen. Der Roman ist nicht nur spannend und gut geschrieben sondern geht auch wirklich unter die Haut und spricht dabei zahllose wichtige, gesellschaftliche Themen an – ohne Zweifel mehr als nur lesenswert. Auch von Margaret Atwood will ich in Zukunft gerne noch mehr lesen!
Auch „Love in the Time of Global Warming“ von Francesca Lia Block hat mich trotz seiner Kürze begeistert. Mit seinem wunderschönen, poetischen Schreibstil, der leichten, fast fließenden, an die Odyssee angelehnten Geschichte, den liebenswerten Charakteren und natürlich der vielen Queerness ist es ein ganz besonderes Buch, das ich gerne irgendwann noch einmal lesen möchte!
Enttäuschungen gab es diesen Monat glücklicherweise keine – nur meine Lesevorsätze konnte ich nicht alle einhalten. Mit „Love in the Time of Global Warming“ hatte ich zwar ein Buch mit einer queeren Protagonistin und mit „Naokos Lächeln“ eines mit einem – natürlich – asiatischen Protagonisten, aber einen deutschen Autor habe ich diesen Monat leider nicht untergebracht. Auch ein neues Genre oder eine neue Buchform habe ich diesen Monat nicht ausprobiert, aber dafür habe ich ja auch noch Zeit – nach den Klausuren dann vielleicht.

Das war er dann auch schon wieder, mein – diesmal etwas kürzerer – Monatsrückblick für den Januar. Ich hoffe, ihr seid gerade alle etwas weniger gestresst als ich und kommt deshalb vielleicht auch etwas häufiger zum Lesen.
Habt ihr im neuen Jahr denn schon einen Schatz entdeckt, den ich unbedingt auf meine Wunschliste setzen oder auf meinem SuB nach oben schieben sollte? Oder habt ihr vielleicht ganz im Gegenteil ein Buch gelesen, das euch maßlos enttäuscht hat, und von dem ich lieber Abstand nehmen sollte? Habt ihr eines der Bücher, die ich diesen Monat gelesen habe, vielleicht auch schon gelesen? Lasst es mich gerne in den Kommentaren wissen!

Rezension

Naokos Lächeln

von Haruki Murakami

Originaltitel: ノルウェイの森 (Noruwei no Mori)

btb Verlag, 416 Seiten

Preis: 10,00€

Inhalt

Tokio in den späten 60er Jahren: Während sich auf der ganzen Welt die Studenten versammeln, um das Establishment zu stürzen, gerät auch das private Leben von Tōru Watanabe in Aufruhr. Mit seiner ersten Liebe Naoko verbindet ihn eine innige Seelenverwandtschaft, doch ihre Beziehung ist belastet durch den tragischen Selbstmord ihres gemeinsamen Freundes Kizuki. Als die temperamentvolle Midori in sein Leben tritt, die all das ist, was Naoko nicht sein kann, muss Tōru sich zwischen Vergangenheit und Zukunft entscheiden …

Meine Meinung

„Naokos Lächeln“ ist der erster Roman, den ich von Haruki Murakami gelesen habe. Ich habe das Buch vor einigen Jahren weniger wegen seines Inhalts – ich muss zugeben, dass der Klappentext an sich nicht besonders ansprechend auf mich wirkt – als wegen seines Autors gekauft, von dem ich schon so viel Gutes gehört hatte. Dementsprechend waren meine Erwartungen an das Buch eher hoch, zugleich hatte ich aber auch ein bisschen Angst, es könnte mir vielleicht doch nicht so gut gefallen wie erwartet und ich würde enttäuscht werden.

Dazu gab es aber glücklicherweise keinen Grund. Ich hatte die erste Seite von „Naokos Lächeln“ noch nicht einmal zu Ende gelesen, da begann ich schon zu begreifen, was die Magie von Haruki Murakamis ausmacht, und warum so viele ihn als Schriftsteller geradezu verehren.
Sehr ruhig, ohne dabei auch nur eine Sekunde langweilig zu sein, sondern einfach nur wahnsinnig atmosphärisch und vor allem auch sehr melancholisch erzählt er hier die Geschichte von Tōru Watanabe, die eigentlich viel mehr die Geschichte seiner ersten großen Liebe Naoko ist. Ich kann das Gefühl, das ich beim Lesen von „Naokos Lächeln“ hatte, gar nicht recht in Worte fassen – ich weiß nur, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie ein Buch gelesen habe, dass etwas ähnliches in mir ausgelöst hat.
Einen Satz, den ich im Bezug auf Murakamis Bücher schon öfter gehört habe ist, dass er in seinen Geschichten ganz gewöhnliche Dinge interessant macht und Alltägliches mit einer Tiefe und einem Facettenreichtum beschreibt, wie sonst niemand. Nachdem ich „Naokos Lächeln“ gelesen habe verstehe ich nun, was damit gemeint ist, und ich bin wirklich begeistert davon. Der fast zynische deutsche Untertitel „Nur eines Liebesgeschichte“ trifft es in dieser Hinsicht eigentlich ganz gut, denn genau das ist „Naokos Lächeln“ – gleichzeitig aber natürlich auch noch so viel mehr.
Würde mich jemand fragen, um was es in dem Buch denn nun wirklich geht, so könnte ich ihm das nicht beantworten – um eine Liebesgeschichte, ja, um das Leben an sich irgendwie auch, aber im Grunde kann ich es so wenig auf den Punkt bringen, dass ich mit der Frage schlichtweg komplett überfordert wäre. Denn eines ist dieses Buch ganz sicher nicht, und zwar auf den Punkt – und trotzdem hat es mich begeistert. Ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen, gleichzeitig war es mir aber auch unmöglich, alles in einem Rutsch durchlesen, weil die Geschichte dafür viel zu dicht und auf wunderschöne Art und Weise zu schwer war – wirklich ein ganz besonderes Buch.
Objektiv gesehen sollte es wohl – vor allem im Bezug auf den Protagonisten, Tōru, den ich eigentlich nicht unbedingt als sympathisch beschreiben würde – einiges geben, das mich an „Naokos Lächeln“ hätte stören sollen, tatsächlich war dem aber überhaupt nicht so.
Ich fand es einfach nur spannend, die Geschichte aus Tōrus doch recht eingeschränkten, eher egozentrischen Sichtweise zu erfahren, und sogar die achtlose Art und Weise wie er mit anderen Menschen – vor allem Frauen – und deren Gefühlen umgeht konnte Haruki Murakami mir so verkaufen, dass es mich nur selten gestört hat. So macht auch Tōrus extreme Teilnahmslosigkeit und sein Desinteresse an der Welt um ihn herum ihn nicht weniger liebenswert – im Gegenteil, es macht ihn irgendwie real und passt einfach nur sehr gut in die Geschichte.
Ich fand es außerdem fantastisch, wie fühlbar das Buch in den 60ern, und natürlich auch in Japan – ein Kulturkreis, aus dem ich zugegebenermaßen bisher noch nicht allzu viel gelesen habe – spielt. So viele Dinge darin waren mir auf den ersten Blick so fremd, dass ich mich beinahe gefühlt habe, als wäre ich in eine andere Welt entführt worden, und doch war ich immer sofort darin zuhause und mitten in der Geschichte drin – auch das ist zweifellos ein Zeichen von Haruki Murakamis fantastischen schriftstellerischen Fähigkeiten.

Um es kurz zu machen – „Naokos Lächeln“ ist ein Buch, das mich auf eine Weise gefesselt hat, wie es mir bisher bei noch keinem Buch passiert ist. Wie ein Spinnennetz hat die bedrückende und doch wunderschöne Atmosphäre mich immer tiefer in sich aufgesogen und einfach nicht mehr losgelassen. Nicht zuletzt aufgrund der vielen losen Enden und Fragen, die die Geschichte offenlässt, werde ich mich Sicherheit noch oft über dieses wirklich besondere Buch nachdenken.
Obwohl es außer mir gefühlt jeder schon gelesen habe, so will ich es also trotzdem von ganzem Herzen weiterempfehlen – nur, wer empfindlich auf Themen wie Suizid oder psychische Erkrankungen reagiert, der sollte das Buch eher vorsichtig angehen.
Auch mit Murakami wird das sicher nicht meine letzte Begegnung gewesen sein – seine fantastisch atmosphärische Art zu Erzählen hat mich restlos überzeugt, sodass ich es gar nicht erwarten kann, mein nächstes Buch von ihm zu lesen. Ein Erfolg auf ganzer Linie!

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