Rezension

Watership Down

von Richard Adams

Deutscher Titel: Unten am Fluss

Penguin Verlag, 472 Seiten

Preis: Hardcover: ab 10,49€, TB: ab 7,99€, eBook: 3,48€

Inhalt

Das junge Kaninchen Fiver ist überzeugt, dass dem Kaninchenbau eine unaussprechliche Gefahr droht, doch niemand will auf ihn hören. Und warum sollten sie auch, wo es doch Frühling ist, das Gras schön saftig und das Leben gut? Nur eine Handvoll Kaninchen lassen sich überzeugen, die Sicherheit des Baus zu verlassen, bevor es zu spät ist. Gejagt von ihren alten Freunden, von Hunden, Füchsen und Menschen, umgeben von zahllosen Gefahren, träumen die Kaninchen von einer neuen Heimat im abgelegenen Watership Down und begeben sich auf das Abenteuer ihres Lebens…

Meine Meinung

Ich hatte mir schon lange überlegt, „Watership Down“ zu lesen. Als Kind habe ich den Film gesehen – fatalerweise ab 6 Jahren freigegeben, obwohl er nicht nur ziemlich gruselig sondern auch wahnsinnig grausam und blutig und ganz generell absolut nichts für Kinder in diesem Alter ist – und hatte danach jahrelang Albträume. Noch im Teenageralter bin ich ab und zu panisch aus einem dieser Träume erwacht und dachte, das – in der deutschen Fassung relativ unmelodisch übersetzte – „schwarze Kaninchen des Todes“ vor mir zu sehen, das in der Kaninchenkultur von Richard Adams‘ Welt eine große Rolle spielt. „Watership Down“ hatte also für mich immer einen ganz furchtbar negativen Stempel, und ich war mir nicht sicher, ob ich das Buch wirklich lesen wollte, obwohl die vielen wahnsinnig positiven Stimmen mich doch neugierig gemacht haben. Ich habe mir nun endlich einen Ruck gegeben und mir das Buch vor unserem einwöchigen Portugalurlaub zugelegt – schließlich kann wirklich niemand bei 30°C am Strand Angst vor irgendwelchen obskuren Kaninchen haben.

Ich bin sehr froh, mich endlich wieder an diese Erzählung herangetraut zu haben, denn sie ist wirklich ganz zauberhaft. „Watership Down“ liest sich wie ein Märchen – nicht nur wegen der sprechenden Tiere sondern auch wegen der weichen, fast fließenden Schreibweise und der Kaninchen-Perspektive, die einem unsere ganz normale Welt plötzlich aus einem komplett anderen, fast magisch anmutenden Blickwinkel zeigt.
Hazel, Fiver, Bigwig & Co. sind mir unheimlich ans Herz gewachsen. Ich hätte wirklich nicht gedacht, mich je so gut in eine Gruppe fiktiver Kaninchen einfühlen zu können, doch Richard Adams schafft es, jedem von ihnen eine eigene Persönlichkeit zu geben. Mein einziger Kritikpunkt in dieser Hinsicht ist, dass es kaum weibliche Kaninchen gibt, die eine Rolle spielen – die meisten von ihnen bekommen nichtmal einen Namen, was ich wirklich sehr schade fand. Die Kaninchen haben aber nicht nur eigene Persönlichkeiten, sondern auch eine komplett eine Kultur, mit eigenen Legenden und einer eigenen Sprache, die ebenfalls wirklich überzeugend rüberkam – nicht zuletzt wahrscheinlich aufgrund der sehr ernsthaft wirkenden Fußnoten, in denen die Aussprache von verschiedenen Namen oder Begriffen erklärt wird. Dabei lässt Adams allerdings auch immer wieder Bemerkungen über Kaninchenverhalten und -biologie einfließen, sodass man bei der Lektüre nicht nur etwas lernt, sondern auch zu keinem Zeitpunkt vergisst, dass es sich tatsächlich um Kaninchen handelt.
Die Geschichte wirbelt einen von Abenteuer zu Abenteuer – umgeben von wilden Raubtieren und -vögeln bis hin zu Menschen mit Gewehren und reißenden Flüssen, aber auch den eigenen Artgenossen, hoppeln die Kaninchen von einer Gefahr in die nächste – sodass ich schon bald gar nicht mehr aufhören konnte, zu lesen. Besonders schön fand ich aber, dass es in dem Buch eben nicht nur um Abenteuer geht, sondern es auch viel deutliche Gesellschaftskritik gibt. Ich denke mir, dass „Watership Down“ deshalb auch ein wirklich tolles Buch für Eltern ist, um es ihren (nicht mehr ganz kleinen) Kindern vorzulesen und ihnen dabei ganz nebenbei soziale und politische Probleme erklären zu können – so ist es wahrscheinlich auch gedacht, denn es entstand eigentlich als Gutenachtgeschichte für Richard Adams‘ Tochter.

Alles in Allem kann ich nur sagen, dass mir „Watership Down“ wirklich unheimlich gut gefallen hat – es ist eine einzigartige Geschichte, die einen mit auf eine weite Reise nimmt und einen dabei die Welt um sich herum komplett vergessen lässt. Eine spannende und mitreißende Erzählung, die gleichzeitig auch sehr sanft und einfach nur wunderschön ist. Das Buch wird mir mit Sicherheit noch lange in Erinnerung bleiben.
Auch den Film habe ich inzwischen übrigens nochmal gesehen und mochte ihn sehr – umso gespannter bin ich jetzt auf die Netflix-Miniserie, die dieses Jahr noch erscheinen soll!

Blogbeitrag

Stephen King Lesemonat 2017

Ein neues Jahr, ein neuer Stephen King Lesemonat – auch diesen Oktober wird es natürlich wieder einen #StephenKingMonth geben! Der Lesemonat hat mir die letzten beiden Jahre so viel Spaß gemacht, dass ich einfach nicht mehr darauf verzichten möchte – natürlich freue ich mich deswegen auch wieder über jeden, der mitlesen möchte! 🙂

Für alle, die die letzten zwei Jahre noch nicht dabei waren, ist hier das Ganze nochmal kurz zusammengefasst:

Was ist der Stephen King Lesemonat?

Wie der Name bereits verrät geht es darum, einen Monat lang gemeinsam Bücher von Stephen King zu lesen – und weil es dafür ja wohl keine passendere Zeit als Halloween gibt, habe ich den Oktober gewählt!

Was mus ich tun, um mitzumachen?

Um teilzunehmen musst du einfach nur etwas von Stephen King lesen – und alles, was du dazu eventuell auf sozialen Netzwerken wie Instagram, Twitter oder Tumblr postest, mit #StephenKingMonth taggen, damit wir es alle sehen können! Es muss ich für den Lesemonat niemand irgendwo anmelden oder sonstwie verpflichten – macht einfach mit, gerne auch spontan!

Welche Bücher soll ich lesen?

Welche oder wie viele Stephen King Bücher du im Oktober liest bleibt komplett dir überlassen. Der Stephen King Lesemonat soll vor allem Spaß machen, ganz ohne Bücherlisten und Deadlines, deshalb gibt es hier weder Druck noch Vorgaben. Ob du dich nun den ganzen Monat lang in deine zehn liebsten 1000-Seiten Wälzer vergräbst oder „nur“ eine seiner Kurzgeschichten auf deine Leseliste für den Oktober setzt ist also egal – Hauptsache, es ist etwas von Stephen King dabei!

Ich lese aber gerne ein Buch zusammen mit anderen. Wird es einen Readalong geben?

Ich persönlich fände das absolut fantastisch, weiß aber natürlich nicht, wer von euch überhaupt Lust auf sowas hätte. Ich habe deshalb dieses Mal eine kleine Umfrage erstellt, in der jeder, der gerne gezielt ein Buch gemeinsam lesen will, seine Stimme für seine(n) Favorite(n) abgeben kann – wenn hier genug Leute zusammenkommen können wir sehr gerne ein Buch gemeinsam lesen! Es muss aber natürlich auch niemand, wie alles am Stephen King Lesemonat ist auch das hier komplett optional.
Wenn ihr Interesse an einem solchen Readalong habt, stimmt am besten gleich einfach für alle Bücher ab, die ihr gerne lesen würdet! Bleibt dabei aber bitte fair und stimmt nicht mehrmals für dasselbe Buch ab. Eigene Ideen könnt ihr unter der Schaltfläche „Other“ hinzufügen. Mit einem Klick auf „Results“ findet ihr außerdem nicht nur das bisherige Abstimmungsergebnisse sondern auch alle bereits von anderen hinzugefügten Bücher!

  • Umfrage:

     

    Which book(s) would you like to read during this year’s #StephenKingMonth? Vote for as many as you like and feel free to add your own ideas by clicking „Other“ – the one with the most votes wins! 🙂

    Salem’s Lot
    Under the Dome
    Duma Key
    Lisey’s Story
    Misery
    IT
    The Talisman
    Other
    Please Specify:

    SurveyMaker

Ich würde gerne mitmachen, weiß aber nicht so recht, welches Buch ich lesen soll!

Keine Sorge, auch das ist natürlich kein Problem – letztes Jahr habe ich nämlich genau aus diesem Grund eine Liste mit ein paar Vorschlägen erstellt.
Außerdem habe ich in den letzten Jahren schon einige von Kings Büchern rezensiert – wenn ihr noch mehr Entscheidungshilfe braucht schaut euch also auch gerne hier mal um:

  • Rezensionen:

    ES (Alle 27 Jahre erwacht „ES“ um zu töten und sich an den Kindern der Kleinstadt Derry sattzuessen. Das Buch spielt in zwei verschiedenen Zeiten, in denen die Protagonisten – einmal als Kinder, einmal 27 Jahre später als Erwachsene – versuchen, „ES“ zu töten. Mein absolutes Liebligsbuch von Stephen King, 5/5 Sterne)
    Desperation (Eine uralte böse Macht wird freigesetzt und nimmt Besitz von den Bewohnern einer Kleinstadt. Eine Handvoll durchreisender Touristen versucht, zu überleben, stark religiöse Anklänge, eines meiner liebsten King Bücher, 5/5 Sterne)
    The Stand – Das letzte Gefecht ((Post-)Apokalypse, sehr lang aber – in der ungekürzten Fassung – wirklich sehr lohnend, 5/5 Sterne)
    Das Attentat (Nach einem langen Koma kann ein Mann in die Zukunft sehen, eher Fantasy als Horror, Teil des Castley Rock Zyklus, 5/5 Sterne)
    Das Spiel (Jessies Mann erleidet beim Sex einen Herzinfarkt und stirbt – sie bleibt alleine ans Bett gefesselt zurück und kann sich nicht befreien. TW: Child Abuse, Rape, 5/5 Sterne)

    Feuerkind (Geboren aus einem unmenschlichen Experiment hat die kleine Charlie übernatürliche Kräfte und setzt Dinge in Brand. Ihr Vater versucht, sie vor der skrupellosen Regierung und dem Militär zu beschützen, 4,5/5 Sterne)
    Dolores (Erzählung einer Frau, die unter Mordverdacht steht, kein Horror, 4/5 Sterne)
    Todesmarsch (Dystopie, für eine Fernsehsendung müssen Jugendliche ohne Pause laufen ohne anzuhalten, wer stehen bleibt stirbt, 4/5 Sterne)
    Mr. Mercedes (1. Band der Bill Hodges Reihe, Detektivroman, 4/5 Sterne)

    Stark. The Dark Half (Das Pseudonym eines Schriftstellers erwacht zum Leben, 3,5/5 Sterne)
    Cujo (Ein Hund erkrankt an Tollwut und terrorisiert eine Stadt, Teil des Castle Rock Zyklus, 3,5/5 Sterne)
    Regulator (Companion-Roman zu „Desperation“, eine Kleinstadt wird von der real gewordenen Fantasie eines kleinen Jungen terrorisiert, problematisch aufgrund der Darstellung von Autismus, 3,5/5 Sterne)
    Revival (Ein Prediger versucht einen Weg zu finden, den Tod zu überwinden, 3,5/5 Sterne)
    Finderlohn (2. Band der Bill Hodges Reihe, Detektivroman mit übernatürlichen Elementen, 3/5 Sterne)

    Der Schwarze Turm (Reihe, sehr durchwachsen, je nach Buch zwischen 2/5 und 4/5 Sterne)

Ich freue mich auf jeden Fall schon sehr auf den Oktober und hoffe, wieder viele von euch begrüßen zu dürfen! Ich hoffe, dieses Jahr nicht nur Bücher zu lesen sondern vielleicht auch ein paar Verfilmungen zu sehen –  „ES“ will ich natürlich am liebsten sofort beim Erscheinen in zwei Wochen sehen, wenn er mir gefällt schaue ich ihn mir im Oktober aber vielleicht einfach nochmal an. Außerdem gibt es auf Netflix eine neue Serie zu Stephen Kings „Der Nebel“, in die ich sehr gerne mal reinschauen möchte. Wenn ihr diesen Oktober auch die ein oder andere Verfilmung von Kings Werken seht, dann scheut euch also nicht, auch diese unter dem Hashtag zu posten! 😀

Gibt es denn schon jemanden, der bereits weiß, dass er mitmachen möchte? Habt ihr euch schon überlegt, was ihr lesen wollt? Wie bereits gesagt freue ich mich natürlich wieder über jeden einzelnen Teilnehmer! Wer noch Fragen oder Anregungen hat darf diese natürlich gerne in den Kommentaren stellen!

Rezension

A Little Life

von Hanya Yanagihara

Deutscher Titel: Ein wenig Leben

Doubleday Verlag, 720 Seiten

Preis: Hardcover: 13,99€ | TB: 7,99€ | eBook: 6,09€

Inhalt

Hanya Yanigahaeas Roman handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe – ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Immer tiefer werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten.
Ein rauschhaftes, mit kaum fasslicher Dringlichkeit erzähltes Epos über Trauma, menschliche Güte und Freundschaft als wahre Liebe, das sich an die dunkelsten Orte, an die Literatur sich wagen kann, begibt, und dabei immer wieder zum hellen Licht durchbricht.

Meine Meinung

Am Ende dieser Rezension findet ihr eine Liste mit Triggerwarnings zum Ausklappen. So wird niemand ungewollt gespoilert, es hat aber jeder die Möglichkeit, sich zunächst über die – unter Umständen wirklich extrem triggernden – Dinge zu informieren, die in diesem Buch behandelt werden, und Retraumatisierungen so zu vermeiden.

Ich hatte „A Little Life“ schon eine ganze Weile auf dem Schirm, allerspätestens aber nachdem die liebe Liesa es letztes Jahr gelesen hat und so wahnsinnig begeistert davon war stand es auf meiner Prioritätenliste ganz, ganz oben. Als ich das Buch dieses Jahr zum Geburtstag bekommen habe, habe ich mich also natürlich gefreut wie sonst was – und habe das Buch dennoch nicht gleich gelesen, weil ich bereits wusste, dass es wohl ein sehr intensives Buch werden würde, und es mir deshalb gerne für die Ferien aufheben wollte, damit ich auch wirklich genug Kraft dafür habe.

Das war eine gute Idee, denn „A Little Life“ ist wirklich wahnsinnig heftig – und das nicht nur stellenweise sondern fast durchgehend. Obwohl ich das bereits erwartet hatte, war ich trotzdem nicht wirklich darauf vorbereitet, wie unglaublich krass es teilweise werden würde. Das Buch nimmt einen gefangen und lässt einem dann absolut keine Atempause mehr – ich habe es von Anfang an geliebt und obwohl die beschriebenen Dinge teilweise so schlimm waren, dass ich gefühlt alle zwei Seiten eine Lesepause einlegen musste, habe ich diesen 720-Seiten Schinken in gerade mal einer Woche gelesen. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören und war so in der Welt von Jude, Willem, Malcom und JB gefangen, dass ich gar nichts mehr mit mir anzufangen wusste, wenn ich das Buch mal zur Seite gelegt hatte – ich musst einfach immerzu darüber nachdenken, und auch jetzt bin ich noch absolut überwältigt.
Es ist sehr schwer, „A Little Life“ zu rezensieren, weil es einfach ein derart großes Buch ist. Man begleitet die Protagonisten des Buches über Jahrzehnte hinweg, lebt, lacht und leidet mit ihnen, als wäre man selbst ein Teil der Gruppe. Es ist spannend, mitreißend und schmerzhaft – und dabei auch noch fantastisch geschrieben. Ein Buch, das einen tief berührt, ein Epos über Freundschaft, über romantische und platonische Liebe und die Punkte, an denen diese Grenze verschwimmt, aber auch eines über unfassbare Gewalt, körperliche wie seelische, und die tiefen Spuren, die sie auf und in einem Menschen hinterlässt – für immer. Es ist ein Buch über das Leben, in all seiner Schönheit aber vor allem auch in all seiner Hässlichkeit, über Leid und Schmerz und Kraft. Ich habe noch nie derart viele schreckliche, schwere Themen in nur einem Buch angetroffen, und doch ist es, was die Glaubwürdigkeit angeht, an keiner Stelle zu viel, was hier feinfühlig aber gleichzeitig auch sehr schonungslos geschildert wird.
In einem Interview mit Dennis Scheck sagte Hanya Yanagihara, sie habe bewusst auf das Foto auf dem Cover („The Orgasmic Man“ von Peter Hujar) bestanden, weil es genau das widerspiegelt, was sie mit ihrem Buch erreichen wollte – irgendetwas zwischen Schmerz und Lust, das zugleich faszinierend und beim Ansehen beinahe unangenehm ist, weil es einem das Gefühl gibt, etwas verboten Intimes beobachtet zu haben. Genau so hat „A Little Life“ sich für mich tatsächlich angefühlt.
Eindringling erzählt Hanya Yanagihara ihre Geschichte aus fünf verschiedenen Perspektiven – jede davon einzigartig und extrem persönlich. Noch nie habe ich mich einer Gruppe von Figuren näher gefühlt. Es ist in jeder Hinsicht wahnsinnig intim und intensiv. Wie ein Mahlstrohm zieht das Buch einen immer weiter hinein in das Auf und Ab, die Wirrungen und Wendungen von vier wirklich dramatischen aber dennoch niemals überzeichneten Leben, während es gleichzeitig auch immer tiefer in Judes grauenvolle Vergangenheit vordringt.
Ich habe jeden der vier Protagonisten auf seine Weise lieben gelernt – vor allem, weil jeder von ihnen so realistisch und dreidimensional war. Niemand ist „nur“ gut oder „nur“ schlecht – jeder von ihnen ist ein kompletter Mensch mit mehr als nur einer Seite. Zudem war ich begeistert davon, wie queer und nicht-weiß das Buch war. Von den vier Protagonisten ist nur ein einziger weiß, und so richtig heterosexuell wohl keiner – und nicht nur das, auch bei den Nebencharakteren wird vor allem Queerness immer mal wieder nebenbei erwähnt, ohne dass weiter darauf eingegangen wird. Dass Menschen nicht cisgender, hetero- oder allosexuell sind, dass sie in Beziehungen sind, zusammenleben, heiraten, ist so absolut normal, dass es keiner weiteren Erklärung bedarf, und auch das hat mir wirklich gefallen. Denn neben allem, was „A Little Life“ behandelt, ist es eben auch ein fundamental queeres Buch, ein Buch über queeres Leiden, queere Liebe, queere Heilung. Der einzige Unterschied zu anderen queeren Büchern ist der, dass dieses komplett ohne die sonst üblichen kollektiven Traumata von Coming-Out und der Aids-Krise auskommt, die – ebenso wie alle anderen größeren politischen und historischen Ereignisse – in diesem Buch schlichtweg keine Erwähnung findet, was dem Ganzen nicht nur einen sehr interessanten, zeitlosen Aspekt verleiht sondern es auf seltsame Art und Weise noch enger und noch intimer macht.

Als ich das Buch beendet hatte wusst ich für einen schrecklichen Moment wirklich gar nicht mehr, was ich nun mit mir selbst anfangen soll – dass man nach der Lektüre eines wirklich guten Buchs fast das Gefühl hat, es hätte einen Teil des eigenen Herzens mit sich genommen, ist ja nicht weiter ungewöhnlich, aber „A Little Life“ ist das erste, bei dem ich das Gefühl hatte, ich hätte ein gewaltiges Stück meines Lebens und meiner Seele bei ihm gelassen. Das hört sich wahnsinnig pathetisch an, aber genau so war es. Ich habe mich noch nie so voll und und gleichzeitig so leer, so ausgehöhlt gefühlt – das Buch hat mir so viel gegeben und mich gleichzeitig einfach nur fertig gemacht.
Es war grausam, es war großartig, es war schrecklich fantastisch – ich habe es geliebt. Ich glaube, es ist ein Buch, mit dem ich von nun an jedes andere Buch, das ich lese, vergleichen werde, und ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals darüber hinweg sein werde. Andererseits habe ich auch das Gefühl, dass ich das vielleicht gar nicht will. „A Little Life“ ist ein einzigartig kraftvolles, beeindruckendes, überwältigendes Buch und ich bin wahnsinnig dankbar dafür, dass ich es lesen durfte.

  • Triggerwarnings:

    Suizid & (graphisch) Suizidalität,
    (sehr graphisch) selbstverletzendes Verhalten,
    (emotionale und körperliche) Kindesmisshandlung,
    (emotionale und körperliche) Misshandlungen in der Beziehung,
    sexueller Missbrauch von Kindern,
    Vergewaltigung,
    Pädophilie,
    Zwangsprostitution,
    Drogenmissbrauch & Sucht,
    (gewalttätiger) Ableismus,
    (graphisch) körperliche Gewalt

Rezension

Der Späher

von Vladimir Nabokov

Originaltitel: Соглядатай (Sogljadataj)

Rowohlt Verlag, 123 Seiten

Preis: gebunden: 14,00€, TB: 6,95€

Inhalt

Nach einem versuchten oder vielleicht auch geglückten Selbstmordversuch verlässt der Progatonist sein Leben und beoabachtet nunmehr in Form eines körperlosen Erzählers eine Gruppe von russischen Emigranten. Vor allem interessiert er sich dabei für einen gewissen Smurov, den zu ergründen sein größtes und einziges Ziel zu werden scheint…

Meine Meinung

Ich habe „Der Späher“ für die Hausarbeit über Obession, sowie das sich daraus ergebende Sehen und Nicht-Sehen in Nabokovs Werken, die ich momentan schreibe, gelesen. Außerdem ist es mein erster Roman für die #RussianReadingChallenge gewesen!

Das Buch ist ziemlich kurz und vor allem aufgrund seiner Erzählperspektive besonders: Der Protagonist tritt auf der Suche nach Smurovs wahrem Wesen manchmal als tatsächliche Figur auf, meistens verschwindet er aber komplett hinter seiner Beobachter- und Erzählerrolle, was wirklich sehr interessant ist.
Auch sonst gewinnt der Roman meiner Meinung nach vor allem auf der Analyse- und Interpretationsebene viel hinzu, denn es gibt – von der Spaltung des Romans bishin zum völligen Verlust des Selbst des Protagonisten in der Jagd nach einem Hirngespinst – viele für Nabokov typische Strukturen und Bilder zu entdecken. Die Geschichte an sich – die unglückliche Liebe Smurovs zur schönen Wanja und die Obsession des Protagonisten damit, herauszufinden, wer er wirklich ist – bleibt auf den gerade mal 120 Seiten natürlich (meiner Meinung nach bewusst) relativ oberflächlich und stereotyp, obwohl sie dennoch nicht langweilig ist. Sie ist zudem natürlich von Nabokov geschrieben, also schlicht und ergreifend wirklich wunderschön erzählt und formuliert – schon allein deshalb liest sie sich einfach gut.
Sehr interessant ist außerdem das Ungewisse der gesamten Erzählung. Man weiß nicht, wer Smurov ist, man weißt nicht, wer der Erzähler ist – an dieser Stelle möchte ich jedem, der das Buch gerne lesen will raten, Rezensionen und Inhaltszusammenfassungen so weit es geht zu vermeiden, da diese oft sehr unglücklich formuliert sind und „Der Späher“ wirklich viel weniger interessant ist, wenn man die Antworten auf diese beiden Fragen bereits im Voraus kennt – man weiß nicht, ob der Selbstmord des Protagonisten nun geglückt ist oder nicht, und ob seine Erlebnisse folglich real oder – wie er selbt annimmt – das Produkt seiner sterbenden Fantasie sind. Diese Unsicherheit, die bis zum Schluss nicht aufgeklärt wird, ist es, die das Buch so besonders macht. Sie fragt nicht nur danach, was Identität und Realität eigentlich ist, sondern vor allem wie die eigene Wahrnehmung, sowie auch die Wahnehmung anderer, beides verändern kann.

Alles in Allem ist „Der Späher“ also ein recht kurzes aber dennoch unterhaltsames Buch, das – obwohl es definitiv keiner von seinen „großen“ Romanen ist – mein Bild von Nabokov als wirklich großartigem Schriftsteller weiter zementiert. Es ist ein Buch, das man nicht aufgrund seiner Handlung liest, sondern aufgrunddessen, was der Autor mit dieser macht. Obwohl „Der Späher“ also vielleicht nicht an „Lolita“ , mein bisher mit Abstand liebstes Buch von ihm, heranreichen mag, hat es mir wirklich gut gefallen und ich freue mich jetzt schon auf meinen nächsten Nabokov!

Rückblick

Mein Lesemonat August

Obwohl ich diesen Monat nur zwei Rezensionen geschrieben habe, habe ich ziemlich viel gelesen – nachdem ich letzten Monat meine Bachelorarbeit abgegeben und alle meine Klausuren geschrieben hatte, hatte ich diesen Monat nämlich endlich Ferien! Zwar habe ich immer noch eine Hausarbeit zu schreiben, aber trotzdem habe ich einfach wieder einmal etwas Zeit für mich, was wirklich schön ist. So habe ich auch endlich mal wieder einen Blogpost geschrieben, der keine Rezension oder ein Monatsrückblick ist – vor drei Wochen habe ich euch meine 5 liebsten Bücher mit queeren Protagonisten vorgestellt. Letzte Woche gab es außerdem zum ersten Mal auch eine Filmrezension von mir, nämlich zum „Der dunkle Turm“ Film!
Und diese Bücher habe ich diesen Monat gelesen:

Glas – Stephen King
Der dunkle Turm #4
(847 Seiten)

Wind – Stephen King
Der dunkle Turm #4.5
(413 Seiten)

Wolfsmond – Stephen King
Der dunkle Turm #5
(939 Seiten)

Susannah – Stephen King
Der dunkle Turm #6
(494 Seiten)

Der Turm – Stephen King
Der dunkle Turm #7
(1009 Seiten)

The Hate U Give – Angie Thomas
(444 Seiten)

Assassin’s Apprentice
Farseer #1
(392 Seiten)

Insgesamt also sieben Bücher und 4538 Seiten – mit Abstand mein bester Lesemonat dieses Jahr! Ich hoffe, dass ich das in den nächsten Monaten ein bisschen weitertragen kann, denn es hat mir wirklich Spaß gemacht, mal wieder „richtig“ zu lesen.

Highlights und Enttäuschungen

Was mein Monatshighlight war kann ich dieses Mal gar nicht so genau sagen. Zum einen wäre da natürlich die „Der dunkle Turm“ Reihe, die ich diesen Monat fertiggelesen habe – ich hätte zu Beginn des Monats nicht damit gerechnet, mehr als eines oder maximal zwei weitere Bücher der Reihe zu lesen, bevor ich den Film sehe, und war dann umso überraschter, doch noch alle geschafft zu haben. Dadurch, dass ich diese doch ziemlich lange Reihe in so kurzer Zeit gelesen habe hatte ich natürlich ein unheimlich intensives Lesseerlebnis – obwohl mir also nicht jedes Buch gleich viel Spaß gemacht hat – tatsächlich würde ich Band vier, „Glas“ sogar als ziemliche Enttäuschung bezeichnen – denke ich, dass „Der dunkle Turm“ mir am stärksten in Erinnerung bleiben wird.

Besonders wichtig war mir im August aber natürlich auch „The Hate U Give“ von Angie Thomas, auf das ich mich schon lange gefreut habe! Das Jugendbuch kann nicht nur mit Lesespaß, sondern vor allem durch seine wichtige und seit Jahren aktuelle Thematik – (Systematischer) Rassismus und Polizeigewalt in den USA – punkten. Es gibt ja seit dem Erscheinen im Februar einen wahnsinnigen Hype um das Buch und der ist – meiner Meinung nach – wirklich mehr als gerechtfertigt!

Auch wirklich, wirklich Spaß gemacht hat mir aber „Assassin’s Apprentice“ , der ersten Band der Farseer-Trilogie von Robin Hobb! Ich hatte das Buch schön länger auf dem Schirm und habe es diesen Monat im Zuge eines Instagram-Readalongs gelesen. Mir hat schon lange kein Fantasybuch mehr so viel Spaß gemacht – tolle Charaktere, eine interessante Welt und vor allem wirklich schön geschrieben. Ich freue mich schon sehr darauf, nächsten Monat den zweiten Band in Angriff zu nehmen!

Erreichte Leseziele

Mit der Erfüllung meiner Leseziele 2017 sieht es – wie eigentlich immer in letzter Zeit – eher mau aus. Von meiner Leseliste war kein Buch dabei, auch kein neues Genre oder ein_e deutsche_r Autor_in. Nur im Hinblick auf die Diversität ist es diesen Monat ganz gut gelaufen – „The Hate U Give“ hat natürlich eine schwarze Protagonistin, aber auch Susannah, eine der Protagonistinnen der „Der dunkle Turm“-Reihe, ist schwarz, und dazu auch noch Rollstuhlfahrerin.

Was ich nächsten Monat lesen möchte

Auf den September freue ich mich ebenfalls schon sehr – zum einen werde ich mit meinem Freund eine Woche zum Campen nach Portugal fahren, was bestimmt ganz fantastisch werden wird, und zum anderen stehen auch wieder einige gute Bücher auf meiner Leseliste! Vor ein paar Tagen habe ich endlich „A Little Life“ von Hanya Yanagihara angefangen und liebe es bisher wahnsinnig – das werde ich auf jeden Fall im September fertig lesen! Außerdem steht wie bereits erwähnt „Royal Assassin“, der zweite Band der „Farseer“ Trilogie an, und in den Urlaub werde ich „The Secret History“ Donna Tartt und „Watership Down“ von Richard Adams mitnehmen. Außerdem werde ich an der Russian Reading Challenge teilnehmen, wofür ich mir „Der Späher“ von Vladimir Nabokov vorgenommen habe – das passt ohnehin sehr gut in die Hausarbeit, an der ich gerade schreibe. Mal sehen, wie viel davon ich tatsächlich lesen werde – gerade im Urlaub überschätzt man sich da ja gerne etwas – ich freue mich aber auf jeden Fall auf jedes davon schon sehr!

Was habt ihr diesen Monat so gelesen und was habt ihr euch für den September vorgenommen? Habt ihr neue Lieblingsbücher für euch entdeckt, oder eines der Bücher, die ich gelesen habe, auch schon gelesen? Lasst es mich in den Kommentare wissen, wenn ihr mögt – auch über Links zu euren eigenen Rückblicks-Posts freue ich mich übrigens immer sehr, falls ihr auch welche schreibt!

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