Rezension

The Hate U Give

von Angie Thomas

B+B Verlag, 444 Seiten

Preis: 9,49€

Inhalt

Die 16-jährige Starr lebt in zwei Welten: in dem verarmten Viertel, in dem sie wohnt, und in der Privatschule, an der sie fast die einzige Schwarze ist. Als Starrs bester Freund Khalil vor ihren Augen von einem Polizisten erschossen wird, rückt sie ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Khalil war unbewaffnet. Bald wird landesweit über seinen Tod berichtet; viele stempeln Khalil als Gangmitglied ab, andere gehen in seinem Namen auf die Straße. Die Polizei und ein Drogenboss setzen Starr und ihre Familie unter Druck.  Sie muss sich entscheiden – wird sie über das, was an diesem Abend wirklich passiert ist sprechen, auch wenn es ihr Leben in Gefahr bringt?

Meine Meinung

„The Hate U Give“ war nicht nur für mich eine der meisterwarteten Neuerscheinungen dieses Jahres – das Jugendbuch hat eingeschlagen wie eine Bombe, ist seit Monaten in aller Munde und wurde nun sogar im Rekordtempo ins Deutsche übersetzt. Auch einen Film soll es geben – kurzum, „The Hate U Give“ ist seit seinem Erscheinen im Februar wirklich wahnsinnig erfolgreich und das vollkommen zurecht!

Es gibt so unheimlich viel über das Buch zu sagen und ich weiß nicht, ob ich es schaffe, die richtigen Worte dafür zu finden – nicht zuletzt deshalb, weil ich selbst nunmal weiß bin und das Erzählte in diesem Fall wohl niemals hundertprozentig nachfühlen können werde. Meine Aufgabe als Leserin besteht bei diesem Buch eher aus „zuhören und lernen“ als aus „urteilen und bewerten“ – trotzdem möchte ich zu dem Buch nicht einfach schweigen, denn dazu ist es zu wichtig.
Trotz seiner wirklich schweren Thematik habe ich „The Hate U Give“ in nur drei Tagen verschlungen – ich konnte einfach nicht aufhören zu lesen und habe nur dann Pausen gemacht, wenn ich wirklich musste, um über das, was ich gerade gelesen hatte, nachzudenken. Angie Thomas spricht schonungslose über rassistische Polizeitgewalt in den USA – sie legt den Finger nicht nur so tief in die Wunde, dass es wirklich wehtut, sie schafft es auch, die Angst der schwarzen amerikanischen Bevölkerung so treffend und lebensecht auf’s Papier zu bringen, dass sogar ich als weiße Europäerin sie fühlen konnte. Es ist ein starkes, schmerzhaftes, wichtiges Buch, das kein Blatt vor den Mund nimmt und sich dafür auch nicht entschuldigt – allen voran eine schwarze Stimme für schwarze (und andere nicht-weiße, aber vor allem schwarze) Leser_innen, aber definitiv auch eines, das jede weiße Person auf diesem Planeten lesen sollte, und mag es ihr noch so unangenehm sein. Tatsächlich vielleicht sogar gerade dann – denn jeder, der sich beim Lesen dieses Buches auf die Füße getreten fühlt, sollte sich meiner Meinung nach noch einmal genau mit seiner eigenen Position in Bezug auf Rassismus, seinen Privilegienen und seinen Prioritäten auseinandersetzen.
„The Hate U Give“ ist aber nicht nur ein stark politisches Buch, das sich mit systematischem Rassismus auseinandersetzt, es ist auch ein Buch über Selbstfindung und ganz alltäglichen Rassismus im Kleinen –  die Art von passiven Anfeindungen, verletztenden Witzen, Fetischisierung und generellem Schubladendenken, das den meisten weißen Menschen nicht einmal auffällt. Starr muss ihren Platz  finden und dabei irgendwie ihre beiden Leben vereinen – einmal das eines schwarzen Mädchens in einem vorrangig schwarzen Ghetto, und einmal das einer der wenigen schwarzen Schülerinnen auf einer schicken, hauptsächlich weißen Privatschule. Angie Thomas zeigt diesen kräftezehrenden Spagat meisterhaft – die Art, wie Starr spricht und sich verhält unterscheidet sich von Situation zu Situation, und der Druck dem sie dabei ausgesetzt ist, ist enorm. Auch hier sollten gerade weiße Leser_innen genau hinsehen – denn kaum jemand von Starrs Freunden ist sich tatsächlich bewusst, wie sehr Starr sich für sie verstellen muss, und wie viel Schuld sie selbst daran tragen.
Außerdem wirklich faszinierend fand ich, dass Angie Thomas mich mit „The Hate U Give“ quasi in eine komplett andere Welt entführt hat. So naiv das auch klingen mag – ich glaube, mir war bis zum Lesen dieses Buches nie so richtig bewusst, dass von Armut und Kriminalität regierte Ghettos, wie man sie aus amerikanischen Filmen kennt, tatsächlich existieren und dass dort wirklich Menschen leben. Klar, ich wusste, dass es in den USA solche Wohngegenden gibt, aber trotzdem – ich bin zwar selbst nicht gerade in der allerbesten Gegend großgeworden, aber Zustände wie die in Garden Heights sind hier in Deutschland einfach unvorstellbar. Diese Seite von Amerika wird vor allem in Jugendbüchern kaum gezeigt, und umso wichtiger ist es, dass auch sie hier eine Stimme erhält.

„The Hate U Give“ ist ein wunderbares Buch, das vor allem deshalb aus der Masse heraussticht, weil es eben nicht nur wunderbar sondern außerden auch unheimlich bedeutsam ist. Es spricht laut über Dinge, über die unbedingt endlich auch in der literarischen Welt gesprochen werden muss und ist dabei nicht nur spannend und gut zu lesen sondern auch politisch, stark und schrecklich wichtig. Es ist so viel größer als meine (ehrlich gesagt wirklich ziemlich unzulängliche) Rezension es vermuten lässt – man muss es einfach selbst lesen. Definitiv eines der großartigsten Jugendbücher der letzten Jahre!

Rezension

Verzweiflung

von Vladimir Nabokov

Originaltitel: Отчаяние (Otčajanie) / Despair

Rowohlt Verlag, 307 Seiten

Preis: 9,99€

Inhalt

Die Bluttat als Kunstwerk: In seinem frühen Roman erzählt Vladimir Nabokov, angeregt durch einen spektakulären Kriminalfall im Deutschland der zwanziger Jahre, die Geschichte eines mörderischen Versicherungsbetrugs.
Der etwas dreißigjährige Hermann sucht sich einen Doppelgänger, mit dessen Hilfe er seine eigene Lebensversicherung kassieren will.
Hermann hält sich für weitaus klüger als er ist, er ist bemerkenswert ignorant, geradezu blind anderen Menschen gegenüber, er bastelt sich seine eigene Realität zusammen. Und genau davon handelt der Roman: Wie wird Realität konstruiert?

Meine Meinung

Ich habe „Verzweiflung“ diesen Monat für denselben Unikurs gelesen, für den ich letzten Monta schon „Lolita“ gelesen habe – insgesamt war es auch erst mein zweiter Nabokov, weswegen ich gar nicht anders konnte, als die beiden Bücher ab und zu zu vergleichen. Das bietet sich irgendwie auch fast schon an, stellte doch Nabokov selbst eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Humbert und Hermann, seinen beiden Helden-Schurken fest, die sich gleichen „[…] wie zwei Drachen einander ähnlich sehen, die von demselben Künstler in verschiedenen Abschnitten seines Lebens gemalt wurden.“

Ich habe – ganz anders als bei „Lolita“, das mich von erster Sekunde an in seinen Bann gezogen hat – ein bisschen gebraucht, um wirklich einen Zugang zu „Verzweiflung“ zu finden, und so ging das erste Drittel des Buches für mich eher schleppend voran. Das lag vor allem daran, dass Hermann – ganz anders als Humbert – weder sympathisch noch ein guter Autor ist. Wahnsinnig sprunghaft und komplett durcheinander bringt er seine Geschichte zu Papier – ich glaube ehrlich, wäre „Verzweiflung“ mein erster Nabokov gewesen hätte ich das Buch direkt wieder weggelegt und so bald wahrscheinlich auch keines mehr von ihm angefasst. Dass diese schlechte Autorschaft von Nabokov bewusst so geschaffen wurde, und wie wunderbar alles doch wieder in sich selbst passt, merkt man sonst nämlich erst, wenn man das Buch fertig gelesen hat.
Es ist kein Buch, bei dem man großartig mit irgendwelchen Charakteren mitfiebert oder gar eine enge Bindung zu ihnen aufbaut – dafür ist Hermann selbst zu unsympathisch und alle anderen werden von ihm zu sehr in den Schatten gestellt. Tatsächlich ist es stellenweise auf eine wirklich gute Art und Weise mehr wie der berühmte Autounfall – man weiß, dass alles irgendwie auf eine Katastrophe zusteuert und will eigentlich überhaupt nicht mehr hinsehen, kann aber dann doch nicht anders.
„Verzweiflung“ hat mir vor allem deshalb sehr viel Spaß gemacht, weil ich durch das Seminar, das ich besucht habe, beim Lesen schon über einiges Vorwissen über Nabokovs Motivik und Struktur hatte – eine riesige Welt, in die man wohl jahrelang eintauchen kann, wenn man möchte, denn gerade die Tatsache, dass seine Bücher eben nicht nur auf ein- oder zwei, sondern vielmehr auf vier, fünf, sechs Ebenen funktionieren, machen ihn wohl zu einem so großartigen Autor – und diese, anders als bei „Lolita“, bewusst wahrnehmen konnte. Alles, vom Verlust der eigenen Persönlichkeit, zur Wichtigkeit von Details, der Gefahr von Wahn und Blindheit für seine Umgebung, der Überlagerung von Vergangenheit und Gegenwart, der kompletten Abhängigkeit des Lesers von einem mehr als unzuverlässigen Erzähler bis zur bereits erwähnten Wichtigkeit der schreiberischen Fähigkeiten, wird hier wie auf dem Präsentierteller vor dem Leser ausgebreitet. Obwohl „Verzweiflung“ also natürlich nicht an das Genius von „Lolita“ herankommt, und ich es wohl auch nicht unbedingt als Einstiegslektüre empfehlen würde, ist es in dieser Hinsicht also wohl ein gutes Buch für Nabokov-„Änfänger“ wie mich.

Obwohl ich also einen recht holprigen Start mit dem Buch hatte habe ich es insgesamt wirklich gerne gelesen und war am Ende erneut begeistert von Nabokovs schriftstellerischem Können, welches er in diesem Roman so gekonnt hinter den absolut mangelhaften Fähigkeiten seines Protagonisten in diese Richtung versteckt. Der letzte Twist hat mich auf die beste Art und Weise komplett überrumpelt – „Verzweiflung“ wird auf jeden Fall nicht mein letztes Buch von Vladimir Nabokov gewesen sein!

Rezension

Den Mund voll ungesagter Dinge

von Anne Freytag

Heyne fliegt Verlag, 399 Seiten

Preis: 14,99€

Inhalt

Wenn Sophie es sich aussuchen könnte, wäre ihr Leben simpel. Aber das ist es nicht. Und das war es auch nie. Das fängt damit an, dass ihre Mutter sie direkt nach der Geburt im Stich gelassen hat. Und endet damit, dass Sophies Vater plötzlich beschließt, mit seiner Tochter zu seiner Freundin nach München zu ziehen. Alle sind glücklich, außer Sophie. Bis sie in der neuen Stadt auf Alex trifft. Das Nachbarsmädchen mit der kleinen Lücke zwischen den Zähnen, den grünen Augen und dem ansteckenden Lachen. Zum ersten Mal lässt sich Sophie voll und ganz auf einen anderen Menschen ein. Und plötzlich ist das Leben neu und aufregend. Bis ein Kuss alles verändert.

Meine Meinung

Um „Den Mund voll ungesagter Dinge“ gab es in der Buchblogger-Sphäre in letzter Zeit ja einigen Wirbel. Die meisten Rezensionen sind sehr, sehr positiv ausgefallen, doch daneben wurden auch immer wieder Stimmen laut, die den Roman scharf kritisiert haben – unter anderem auch, weil Sophies Homosexualität angeblich wahnsinnig schlecht dargestellt sein soll, nur als Phase, oder als etwas, wegen dem man sich wahnsinnig schämen muss. Ich bin deshalb erstmal auf Abstand zu dem Buch gegangen, bis mir aufgefallen ist, dass wirklich alle negativen Rezensionen, die ich bisher gelesen habe und die das Thema ansprechen, von heterosexuellen Menschen geschrieben wurden. Als  ich das bemerkt habe wollte ich mir unbedingt doch eine eigene Meinung zu „Den Mund voll ungesagter Dinge“ bilden und die liebe Liesa hat es mir dann geschickt – nochmal vielen Dank dafür!

Gleich zu Beginn kann ich sagen, dass mich an Sophies Umgang mit ihrer neuentdeckten Sexualität nicht wirklich irgendwas gestört hat. Ich hatte da nach den Rezensionen, die ich gelesen habe, wirklich Übles erwartet und wurde dann ziemlich positiv überrascht. Dazu aber später mehr – denn obwohl mir das Buch insgesamt ganz gut gefallen hat gab es doch ein paar Dinge, die mich gestört haben. Am besten warne ich euch jetzt schon vor, dass diese Rezension wirklich abartig lang und nicht zu 100% spoilerfrei ist – ich hatte einfach vor allem in Bezug auf Sophies Queerness so wahnsinnig viel zu sagen. Wenn euch gerade das besonders interessiert, oder ihr es gar nicht so genau wissen wollt, könnt ihr je nach Bedarf auch einfach den ersten oder zweiten Teil der Rezension überspringen.

Anne Freytags Schreibstil ist etwas gewöhnungsbedürftig. Vor allem am Anfang ist es mir wahnsinnig schwer gefallen, mich wirklich auf das Buch einzulassen, weil ich ständig über irgendwelche blumigen oder melancholischen, immer aber ziemlich gezwungen wirkenden Metaphern gestolpert bin, die so gar nicht zu dem sonst eher schlichten, in Jugendsprache gehaltenem Stil passen wollten, in dem der Rest des Buches geschrieben ist. Ich weiß nicht, ob sich das im Laufe des Romans gebessert hat oder es mir einfach nicht mehr so stark aufgefallen ist, aber hätte ich das Buch nur kurz im Laden angelesen, dann hätte ich es wahrscheinlich nicht mitgenommen.
Ich mochte Sophie als Protagonistin sehr gerne, obwohl sie mir als Person vielleicht nicht so wirklich sympathisch wäre. Anne Freytag hat hier ganz bewusst versucht, nicht das typische braunhaarige, rehäugige unscheinbare, tollpatschige Mädchen zu schreiben, das einem in Büchern sonst immer begegnet, sondern eine realistische Protagonistin mit Persönlichkeit. Das ist ihr teilweise sehr gut gelungen, teilweise auch nicht ganz so gut, ich habe aber auf jeden Fall immer sehr mit Sophie mitgefühlt. Auch einige der Nebencharaktere, vor allem Alex, mochte ich wirklich, wirklich gerne – auch wenn es mir überhaupt nicht gefallen hat, dass sie nicht sofort mit ihrem Freund Schluss gemacht hat, als sie Gefühle für Sophie entwickelt hat, weil ich sowas einfach absolut nicht in Ordnung finde, egal wie emotional schwierig die Situation sein mag.
Andere Figuren sind mir wiederrum sehr negativ aufgefallen. So zum Beispiel Lukas, Sophies bester Freund aus Kindertagen, und anstrengender hetero Platzhirsch  hoch zehn. Nicht nur hat er sich mit einer fadenscheidigen Erklärung ausgerechnet „Flittchen“ als Spitznamen für Sophie ausgesucht – das wäre voll okay wenn Anne Freytag das irgendwie mit einem Statement gegen Slutshaming verbunden hätte, leider war oftmals aber eher das Gegenteil der Fall – er  ist auch ganz groß darin, queere Frauen zu sexualisieren, was einfach absolut daneben ist. Darüber, wie er mit seiner Freundin umgeht, will ich gar nicht reden. Ich habe wirklich das ganze Buch lang gehofft, sein Verhalten würde irgendwann noch einmal kritisiert – wurde es aber leider nicht.
Auch Sophies Vater ist einfach nur furchtbar. Nicht nur die Art, wie er seine 17-jährige Tochter komplett entwurzelt und aus ihrem Leben reißt, damit sie mit ihm 2 1/2 Monate vor dem Abitur in ein anderes Bundesland zu seiner Freundin ziehen kann, die sie noch nie in ihrem Leben getroffen hat, war absolut daneben. Auch seine Aussage, er würde sich dafür nicht entschuldigen, denn schließlich hätte sich seit Sophies Geburt sein ganzes Leben nur um sie gedreht und jetzt würde er endlich mal eine Entscheidung für sich treffen, fand ich einfach nur ätzend. Dass Kinder im Leben ihrer Eltern Priorität haben sollte meiner Meinung nach eigentlich selbstverständlich sein und seinem eigenen Kind deshalb Vorwürfe zu machen ist wirklich ekelhaft – schließlich hatte Sophie sowohl bei ihrer Zeugung als auch bei ihrer Geburt herzlich wenig mitzureden. Leider wurde auch das nicht weiter thematisiert.
Die Geschichte mochte ich sehr gerne und fand sie auch sehr spannend, obwohl die ein- oder andere Wendung auf mich dann doch ein wenig zu offensichtlich oder gezwungen wirkte. Das war aber dann doch die Ausnahme, sodass das Buch sich sehr schnell und wirklich angenehm gelesen hat. Der für mich am interessanteste Aspekt dabei war natürlich die Liebesgeschichte zwischen Sophie und Alex – und so wären wir schon beim Thema Queerness angekommen.

Sophie ist, bis sie sich in Alex verliebt, davon ausgegangen, dass sie heterosexuell ist. Als sie feststellt, dass dem nicht so ist, ist das erstmal ein Schock für sie – nicht, weil sie es prinzipiell schlimm findet, lesbisch zu sein, sondern weil soeben ihr gesamtes Selbstbild gründlich auf den Kopf gestellt wurde. Zudem hat sie – wie sehr viele queere Menschen in dieser Phase ihrer Selbstfindung – das Gefühl, dass sie sich selbst eigentlich gar nicht so nennen darf, weil sie ja bereits mit mehreren Jungen geschlafen hat, außerdem Angst hat, es könnte sich bei ihren Gefühle für Alex vielleicht nur um eine Ausnahme handeln, und sich in dieser Hinsicht gerade einfach wahnsinnig unsicher ist. Dass dabei auch mal Aussagen wie „Vielleicht ist es doch nur eine Phase“ fallen finde ich nicht weiter problematisch – es wird schließlich nie behauptet, dass es sich bei Homosexualität tatsächlich nur um eine phasenweise „Neigung“ handelt, Sophie versucht einfach nur zu verstehen, warum ihr ihre eigene Sexualität in den letzten 17 Jahren nicht aufgefallen ist. Außerdem hat sie zunächst Bedenken, den heterosexuellen Menschen in ihrem Umfeld zu sagen, dass sie selbst vielleicht lesbisch ist, weil sie nunmal weiß, dass sie in einer doch noch sehr homofeindlichen Welt lebt.
Genau das sind die Dinge, die von manchen Leser_inne_n kritisiert wurden, weil sie angeblich ein negatives Bild von Sophies Homosexualität zeichnen –  sehr scharf kritisiert wurde auch Sophies einmal geäußerter Wunsch danach, „normal“ zu sein, was tatsächlich zunächst sehr unglücklich klingt, im nächsten Satz jedoch bereits aufgelöst wird, als klar wird, was sie damit meint – schlicht und ergreifend den typischen Teenager-Wunsch danach, in absolut jeder Hinsicht ganz genau wie alle anderen zu sein um niemandem eine Angriffsfläche zu bieten: „Ich gebe es ja nur sehr ungern zu, weil es so traurig und langweilig ist, aber irgendwie ist normal zu sein auch beruhigend. Weil man kein einzelner Fisch, sondern Teil eines riesigen Schwarms ist. Weil man Deckung und Schutz in der Masse findet. Weil man weiß, dass man nicht alleine ist.“ (S. 244)
Meines Empfindens nach sind Sophies Gedanken und Gefühle absolut nachvollziehbar – ich würde sogar wagen zu behaupten, dass fast jeder queere Mensch sich zumindest ganz zu Beginn der eigenen Selbstfindungsphase irgendwann einmal so gefühlt hat. Es ist nicht leicht, inmitten von Cis-Allo-Heteros festzustellen, dass man keiner von ihnen ist, und niemanden zu finden, der einen versteht. Es ist nicht leicht, seine Sexualität erst spät zu entdecken und sich dieser dann trotzdem sicher zu sein, obwohl man von den Medien stets suggeriert bekommt, das sei etwas, was man einfach sein ganzes Leben lang wissen müsse – Anne Freytag spricht den Begriff zwar nicht direkt an, beschreibt das Phänomen von Compulsory Heterosexuality aber doch ziemlich gut. Es ist nicht leicht, wenn homo- oder transfeindliche Gewalt plötzlich nicht mehr nur etwas ist, was auf abstrakte Weise schlimm ist, sondern einen selbst betrifft – und das, während sämtliche nicht betroffenen Menschen um einen herum nicht müde werden, einem zu sagen, dass Queerness ja in der heutigen Gesellschaft eigentlich gar keine große Sache mehr sei und man sich da echt nicht beschweren brauche. Es ist bedeutend einfacher, sich sicher zu sein, dass die eigenen Eltern kein Problem damit hätten, dass ihr Kind homosexuell ist, wenn man es nicht tatsächlich ausprobieren musst. Dass das alles irgendwie dazugehört und nicht zwingend bedeutet, dass man ein Problem mit seiner eigenen Sexualität hat, ist vielen heterosexuellen Menschen vielleicht einfach nicht bewusst – klar, denn sie hören von queeren Menschen ja meistens auch erst, wenn diese all diese Dinge bereits überwunden haben und bereit sind, sich der Welt zu stellen.
Dass es eigentlich nicht ihre Homosexualität ist, die sie stört, sondern eher der Schock, sich selbst neu zu entdecken, wird auch deutlich, weil Sophie gar kein allzu großes Geheimnis daraus macht – zwar lässt sie ihre Familie zunächst in dem Glauben, Alex sei „nur“ eine Freundin, tatsächlich knutscht sie aber schon sehr bald ohne Probleme in der Öffentlichkeit mit ihr und möchte auch ihrer Stiefmutter schon relativ früh davon erzählen. In mehr als nur einer Rezension (von heterosexuellen Personen) habe ich gelesen, dass ein junges lesbisches Mädchen in Sophies Situation sich nach nach dem Lesen des Romans bestimmt schlecht fühlen würde. Ich denke, dass es sich eher verstanden fühlen würde – und schlussendlich ermutigt, denn Sophies Liebe zu Alex wird durchgehend als etwas wunderschönes, wahnsinnig positives dargestellt.
Ich weiß über Anne Freytags Sexualität nichts und will darüber auch eigentlich nicht spekulieren. Wenn sie selbst heterosexuell ist wäre mir in diesem Fall aber ziemlich sicher, dass sie beim Schreiben von „Den Mund voll ungesagter Dinge“ Hilfe von tatsächlich queeren Personen hatte. Es gab zwar durchaus Dinge, die ich problematisch fand – allen voran die ekelhafte Art, wie Lukas sich gegenseitig küssende Frauen sexualisiert – aber der Rest ist meiner Meinung nach wirklich wahnsinnig gut getroffen.

Mit fast 1,700 Wörtern ist diese Rezension wirklich unverschämt lang geworden und ich bin mir nicht ganz sicher, ob überhaupt irgendjemand bis hierhin kommen wird – wenn nicht habe ich ehrlich gesagt auch Verständnis dafür. Ich habe schon so viel gesagt, dass ich mich eigentlich nur noch kurz halten will: „Den Mund voll ungesagter Dinge“ ist eine nicht ganz unproblematische, aber wirklich schöne, einfühlsame und unterhaltsame Romanze zwischen zwei Mädchen – etwas, was es in der Literatur immer noch viel zu selten gibt. Ich habe den Roman wirklich gerne gelesen und kann mir sehr gut vorstellen, dass er jungen queeren Mädchen, die sich gerade erst selbst entdecken, viel bedeutet.

Rezension

Das geheime Spiel

von Kate Morton

Originaltitel: The House at Riverton

Diana Verlag, 688 Seiten

Preis: 9,99€

Inhalt

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs kommt Grace Bradley als Dienstbotin nach Riverton Manor. Selbst noch nicht erwachsen, bewundert sie die Hartford-Mädchen Hannah und Emmeline, die mit ihrer unbeschwerten Fröhlichkeit für Leben auf dem Anwesen sorgen. Doch die Begegnung mit dem jungen Dichter Lord Robert Hunter wird Hannah und Emmeline für immer verändern. Als einzige Vertraute versucht Grace die beiden Schwestern vor Unheil zu bewahren – vergeblich…

Meine Meinung

„Das geheime Spiel“ ist ein Buch, welches ich wahrscheinlich nie gelesen hätte, wenn ich Kate Morton nicht vor zwei Jahren bei einer Lesung gesehen hätte – es ist rein von der Thematik her eigentlich so gar nicht meins. Weil Kate Morton damals aber so sympathisch war wollte ich das Buch aber nicht länger verstauben lassen sondern ihm doch eine Chance geben!

Die Charaktere von „Das geheime Spiel“, vor allem Grace und die willensstarke Hannah, aber auch die etwas eigenwilligeren Hausangestellten wie Nancy oder Mrs. Townsend, haben mir allesamt wirklich sehr gut gefallen. Schon allein für sie habe ich das Buch gerne gelesen – ein so bunter und doch ganz natürlicher Haufen an verschiedenen Figuren ist mir schon lange nicht mehr begegnet.
Die Geschichte verläuft bis zu den letzten 50 Seiten relativ ruhig, ist aber trotzdem durchgehend spannend. Was mir an dem Buch am besten gefallen hat war wohl das Gatsby-Feeling, das wahrscheinlich einfach davon kommt, dass es in den 20ern spielt. Eigentlich lese ich historische Romane nicht so gerne, hier hat es mir aber wirklich gut gefallen, wie stark ich mich in diese Zeit hineinversetzt gefühlt habe. Die Atmosphäre war ganz wundervoll und ich fand es besonders spanennd, den gesellschaftlichen Wandel mitzuverfolgen, der sich vor und nach dem ersten Weltkrieg vollzogen hat. Sehr gerne mochte ich es auch, dass die Geschichte abwechselnd von Grace als jungem Dienstmädchen und alter Frau erzählt wurde, die auf ihr Leben zurückblickt. Ich mochte ihre klugen Gedanken und ihre Sichtweise auf das Leben und die Welt sehr.
Wie zu erwarten war das Ende sehr dramatisch, und obwohl es glücklicherweise absolut nicht kitschig oder zu überzogen geworden ist – wie es zum Beispiel bei Romanen von Jodi Picoult oft passiert – war es mir doch fast ein bisschen zu viel. Wie gesagt liegt mir diese Art von Büchern aber eigentlich auch überhaupt nicht – wenn man das bedenkt konnte „Das geheime Spiel“ eigentlich auf voller Linie überzeugen. Trotzdem ist es aber eben einfach nicht mein Genre.

Alles in allem habe ich das Buch also wirklich gerne gelesen – ob ich mir noch ein weiteres Buch von Kate Morton zulegen werde weiß ich aber noch nicht. Wer gerne historische Romane über englische Adelshäuser oder aber auch über die goldenen 20er Jahre mit interessanten Charakteren liest, die gerne auch etwas mysteriös oder ein bisschen dramatisch sein können, der ist mit „Das geheime Spiel“ aber gut beraten!

Rezension

Rumo & Die Wunder im Dunkeln

von Walter Moers

Piper Verlag, 693 Seiten

Preis: 14,00€

Inhalt

Rumo ein kleiner, schutzbedürftiger Wolpertingerwelpe, der von Fhernhachenzwergen auf einem Bauernhof aufgezogen und verhätschelt wird. Diese Idylle hat jedoch bald ein Ende: Eine Horde bösartiger Teufelszyklopen überfällt das Anwesen und verschleppt alles, was sich bewegt. In den Speisekammern der Teufelszyklopen trifft er auf Voltozan Smeik, der ihm fantastische Heldengeschichten erzählt und gemeinsam mit dem kleinen Rumo Fluchtpläne schmiedet. Doch ihre Flucht von den Teufelsfelsen ist erst der Anfang: auf Rumo wartet ein Abenteuer voller Gefahr und Abenteuer, das ihn durch ganz Zamonien führt – und als er die schöne, mutige, kämpferische Rala trifft sogar noch darüber hinaus.

Meine Meinung

Ich bin Walter Moers‘ Zamonien-Romanen ziemlich genau vor vier Jahren verfallen, als mein Freund – damals waren wir noch ganz frisch zusammen – mir eine Ausgabe von „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ geschenkt hat. Ich habe Blaubärs wunderschön illustrierte Abenteuer verschlungen – und mich jetzt umso mehr gefreut, den kleinen Rumo wiederzusehen, den er in seinem fünften Leben als kleinen Welpen davor rettet, zerquetscht zu werden.

Als ich das Buch letzten Dezember angefangen habe konnte ich mich allerdings erst einmal so gar nicht darin einfinden. Ich weiß nicht, ob ich einfach nicht in der richtigen Stimmung dafür war, oder ob das Buch tatsächlich einfach ein wenig braucht, bis es sein volles Potenzial entwickelt – jedenfalls habe ich die ersten 150 Seiten des Romans innerhalb etwa eines Monats gelesen und es dann auf unbestimmte Zeit auf den Nachttisch verfrachtet und stattdessen etwas anderes gelesen. Vor zwei Wochen hatte ich dann plötzlich wieder Lust darauf, es nochmal zu versuchen, und zack – mit einem Mal hat „Rumo & Die Wunder im Dunkeln“ mich richtig mitgerissen.
Ich glaube, die Bücher von Walter Moers mag man entweder, oder man mag sie eben nicht – mich hat der Moers’sche Zauber auf jeden Fall wie immer begeistert. Unaufhaltsam stolpert Rumo – wie eigentlich alle von Moers‘ Helden – von einem spannenden, fantasievollen, teilweise fast skurrilen, immer jedoch höchst gefährlichen Abenteuer ins nächste. All das wird begleitet von einem ganzen Haufen bunter, schriller, äußerst liebenswerter Charaktere und den wirklich tollen Illustrationen, für die Walter Moers ja eigentlich bekannt ist. Mit gewohntem Witz, voller Wortspiele und -neuschöpfungen dirigiert er einen als Autor durch diese rasante Geschichte, sodass man Zamonien am liebsten überhaupt nicht mehr verlassen würde.
Als Protagonisten mochte ich Rumo sehr gerne, der – obwohl er manchmal etwas ungeschickt ist – doch das Herz am rechten Fleck hat. Nach Käpt’n Blaubär und Hildegunst von Mythenmetz war Rumo außerdem mein erster Moers-Protagonist, der nicht über alle Maßen von sich selbst überzeugt sondern, ganz im Gegenteil, stellenweise sogar recht schüchtern war. Das hat ihn auf jeden Fall sehr sympathisch gemacht. Auch Voltozan Smeik, der ja bisher – wie auch der Rest seiner Familie – eher negativ in Erscheinung getreten ist, habe ich im Laufe der Geschichte sehr liebgewonnen, ebenso wie Rala, die – in Moers‘ ja doch immer sehr männlich dominiertem Kosmos – eine wirklich wunderschön vielschichtige und sympathische weibliche Figur ist, die sich so schnell von niemandem einschüchtern lässt.

Für Fans von Walter Moers – und alle, die es werden wollen – also ein wirklich wunderbares Buch. Der Anfang war für mich wie gesagt etwas zäh, es wurde aber schnell besser und ganz besonders gut gefallen hat mir dann die zweite Hälfte des Romans, in der es Rumo nach „Untenwelt“ verschlägt. Für mich wird es auf jeden Fall nicht der letzte Besuch in Zamonien gewesen sein – dafür war ich viel zu traurig, als das Rumos Geschichte dann schlussendlich vorbei war. Mir hat das Buch wirklich, wirklich Spaß gemacht!

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