Rezension

Das geheime Spiel

von Kate Morton

Originaltitel: The House at Riverton

Diana Verlag, 688 Seiten

Preis: 9,99€

Inhalt

Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs kommt Grace Bradley als Dienstbotin nach Riverton Manor. Selbst noch nicht erwachsen, bewundert sie die Hartford-Mädchen Hannah und Emmeline, die mit ihrer unbeschwerten Fröhlichkeit für Leben auf dem Anwesen sorgen. Doch die Begegnung mit dem jungen Dichter Lord Robert Hunter wird Hannah und Emmeline für immer verändern. Als einzige Vertraute versucht Grace die beiden Schwestern vor Unheil zu bewahren – vergeblich…

Meine Meinung

„Das geheime Spiel“ ist ein Buch, welches ich wahrscheinlich nie gelesen hätte, wenn ich Kate Morton nicht vor zwei Jahren bei einer Lesung gesehen hätte – es ist rein von der Thematik her eigentlich so gar nicht meins. Weil Kate Morton damals aber so sympathisch war wollte ich das Buch aber nicht länger verstauben lassen sondern ihm doch eine Chance geben!

Die Charaktere von „Das geheime Spiel“, vor allem Grace und die willensstarke Hannah, aber auch die etwas eigenwilligeren Hausangestellten wie Nancy oder Mrs. Townsend, haben mir allesamt wirklich sehr gut gefallen. Schon allein für sie habe ich das Buch gerne gelesen – ein so bunter und doch ganz natürlicher Haufen an verschiedenen Figuren ist mir schon lange nicht mehr begegnet.
Die Geschichte verläuft bis zu den letzten 50 Seiten relativ ruhig, ist aber trotzdem durchgehend spannend. Was mir an dem Buch am besten gefallen hat war wohl das Gatsby-Feeling, das wahrscheinlich einfach davon kommt, dass es in den 20ern spielt. Eigentlich lese ich historische Romane nicht so gerne, hier hat es mir aber wirklich gut gefallen, wie stark ich mich in diese Zeit hineinversetzt gefühlt habe. Die Atmosphäre war ganz wundervoll und ich fand es besonders spanennd, den gesellschaftlichen Wandel mitzuverfolgen, der sich vor und nach dem ersten Weltkrieg vollzogen hat. Sehr gerne mochte ich es auch, dass die Geschichte abwechselnd von Grace als jungem Dienstmädchen und alter Frau erzählt wurde, die auf ihr Leben zurückblickt. Ich mochte ihre klugen Gedanken und ihre Sichtweise auf das Leben und die Welt sehr.
Wie zu erwarten war das Ende sehr dramatisch, und obwohl es glücklicherweise absolut nicht kitschig oder zu überzogen geworden ist – wie es zum Beispiel bei Romanen von Jodi Picoult oft passiert – war es mir doch fast ein bisschen zu viel. Wie gesagt liegt mir diese Art von Büchern aber eigentlich auch überhaupt nicht – wenn man das bedenkt konnte „Das geheime Spiel“ eigentlich auf voller Linie überzeugen. Trotzdem ist es aber eben einfach nicht mein Genre.

Alles in allem habe ich das Buch also wirklich gerne gelesen – ob ich mir noch ein weiteres Buch von Kate Morton zulegen werde weiß ich aber noch nicht. Wer gerne historische Romane über englische Adelshäuser oder aber auch über die goldenen 20er Jahre mit interessanten Charakteren liest, die gerne auch etwas mysteriös oder ein bisschen dramatisch sein können, der ist mit „Das geheime Spiel“ aber gut beraten!

Rezension

Rumo & Die Wunder im Dunkeln

von Walter Moers

Piper Verlag, 693 Seiten

Preis: 14,00€

Inhalt

Rumo ein kleiner, schutzbedürftiger Wolpertingerwelpe, der von Fhernhachenzwergen auf einem Bauernhof aufgezogen und verhätschelt wird. Diese Idylle hat jedoch bald ein Ende: Eine Horde bösartiger Teufelszyklopen überfällt das Anwesen und verschleppt alles, was sich bewegt. In den Speisekammern der Teufelszyklopen trifft er auf Voltozan Smeik, der ihm fantastische Heldengeschichten erzählt und gemeinsam mit dem kleinen Rumo Fluchtpläne schmiedet. Doch ihre Flucht von den Teufelsfelsen ist erst der Anfang: auf Rumo wartet ein Abenteuer voller Gefahr und Abenteuer, das ihn durch ganz Zamonien führt – und als er die schöne, mutige, kämpferische Rala trifft sogar noch darüber hinaus.

Meine Meinung

Ich bin Walter Moers‘ Zamonien-Romanen ziemlich genau vor vier Jahren verfallen, als mein Freund – damals waren wir noch ganz frisch zusammen – mir eine Ausgabe von „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ geschenkt hat. Ich habe Blaubärs wunderschön illustrierte Abenteuer verschlungen – und mich jetzt umso mehr gefreut, den kleinen Rumo wiederzusehen, den er in seinem fünften Leben als kleinen Welpen davor rettet, zerquetscht zu werden.

Als ich das Buch letzten Dezember angefangen habe konnte ich mich allerdings erst einmal so gar nicht darin einfinden. Ich weiß nicht, ob ich einfach nicht in der richtigen Stimmung dafür war, oder ob das Buch tatsächlich einfach ein wenig braucht, bis es sein volles Potenzial entwickelt – jedenfalls habe ich die ersten 150 Seiten des Romans innerhalb etwa eines Monats gelesen und es dann auf unbestimmte Zeit auf den Nachttisch verfrachtet und stattdessen etwas anderes gelesen. Vor zwei Wochen hatte ich dann plötzlich wieder Lust darauf, es nochmal zu versuchen, und zack – mit einem Mal hat „Rumo & Die Wunder im Dunkeln“ mich richtig mitgerissen.
Ich glaube, die Bücher von Walter Moers mag man entweder, oder man mag sie eben nicht – mich hat der Moers’sche Zauber auf jeden Fall wie immer begeistert. Unaufhaltsam stolpert Rumo – wie eigentlich alle von Moers‘ Helden – von einem spannenden, fantasievollen, teilweise fast skurrilen, immer jedoch höchst gefährlichen Abenteuer ins nächste. All das wird begleitet von einem ganzen Haufen bunter, schriller, äußerst liebenswerter Charaktere und den wirklich tollen Illustrationen, für die Walter Moers ja eigentlich bekannt ist. Mit gewohntem Witz, voller Wortspiele und -neuschöpfungen dirigiert er einen als Autor durch diese rasante Geschichte, sodass man Zamonien am liebsten überhaupt nicht mehr verlassen würde.
Als Protagonisten mochte ich Rumo sehr gerne, der – obwohl er manchmal etwas ungeschickt ist – doch das Herz am rechten Fleck hat. Nach Käpt’n Blaubär und Hildegunst von Mythenmetz war Rumo außerdem mein erster Moers-Protagonist, der nicht über alle Maßen von sich selbst überzeugt sondern, ganz im Gegenteil, stellenweise sogar recht schüchtern war. Das hat ihn auf jeden Fall sehr sympathisch gemacht. Auch Voltozan Smeik, der ja bisher – wie auch der Rest seiner Familie – eher negativ in Erscheinung getreten ist, habe ich im Laufe der Geschichte sehr liebgewonnen, ebenso wie Rala, die – in Moers‘ ja doch immer sehr männlich dominiertem Kosmos – eine wirklich wunderschön vielschichtige und sympathische weibliche Figur ist, die sich so schnell von niemandem einschüchtern lässt.

Für Fans von Walter Moers – und alle, die es werden wollen – also ein wirklich wunderbares Buch. Der Anfang war für mich wie gesagt etwas zäh, es wurde aber schnell besser und ganz besonders gut gefallen hat mir dann die zweite Hälfte des Romans, in der es Rumo nach „Untenwelt“ verschlägt. Für mich wird es auf jeden Fall nicht der letzte Besuch in Zamonien gewesen sein – dafür war ich viel zu traurig, als das Rumos Geschichte dann schlussendlich vorbei war. Mir hat das Buch wirklich, wirklich Spaß gemacht!

Rezension

Lolita

von Vladimir Nabokov

Bertelsmann Verlag, 446 Seiten

Preis: 11,99€

Inhalt

Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: Die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Lo. Li. Ta.

Humbert Humbert ist vierzig Jahre alt, ein gebildeter, gutaussehender, frustrierter College-Professor mit deutlich rassistischen und sexistischen Zügen. Und er mag kleine Mädchen – allen voran die zwölfjährige Tochter seiner Vermieterin, Dolores, die er Lolita nennt. Er würde alles tun, um sie zu besitzen und sie sich gefügig zu machen, und schreckt vor keinem Verbrechen zurück, um sein Ziel zu erreichen.

Ist Humbert Humbert verliebt oder geisteskrank? Ein redegewandter Poet oder ein Perverser? Eine gequälte Seele oder ein Monster? Oder schlicht und ergreifend alles davon?

Meine Meinung

Bevor irgendjemand anfängt, diese Rezension zu lesen, der diese Themen nicht gut verträgt, möchte ich euch noch einmal vor Triggern im Bereich von Kindesmissbrauch und Vergewaltigung warnen – zwar bemühe ich mich, meine Rezension nicht allzu graphisch zu gestalten, aber das ist es nunmal, worum es in dem Buch geht. Passt auf euch auf!

Ich habe „Lolita“ schon vor einigen Jahren als Teenager einmal gelesen, und war damals zu gleicher Maßen schockiert und fasziniert von dem Buch. Jetzt habe ich es für ein Seminar an der Uni noch einmal gelesen, und erneut hat das Buch mich begeistert – und mich gleichzeitig nicht nur angeekelt sondern mich auch in noch viel größerem Maße beängstigt als beim ersten Mal.

„Lolita“ ist ein Buch, das beim Lesen wehtut. Weil es darin eben nicht – wie so viele Ausgaben, unter anderem auch meine, es versprechen – um eine Liebesgeschichte geht sondern um den jahrelangen Missbrauch an einem kleinen Mädchen und die systematische Zerrüttung einer Kinderseele – erzählt aus der Sicht von Humbert Humbert, ihrem Peiniger.
Diese Sichtweise ist es vor allem, die das Buch so grausam macht – denn Humbert weiß genau, was er mit Lolita anstellt, und hört dennoch nicht auf damit, behauptet sogar, sie zu lieben. Selbst in den Passagen, in denen er sich einredet, Lolita würde seine „Gefühle“ erwidern ist immer klar, dass dem nicht so ist – und das ist auch gut so, denn wenn es nicht so wäre wäre „Lolita“ tatsächlich das moralisch fragwürdige Buch, das so viele Verleger daraus machen wollen. Wenn „Lolita“ aber eines nicht ist, dann fragwürdig – zwar stellt Humbert sich selbst natürlich die meiste Zeit über in positivem Licht dar, es bleibt aber dennoch absolut kein Zweifel darüber, was er ist und was er tut, und dass nichts davon richtig ist. Das ist mir jetzt mit 22 noch viel deutlicher aufgefallen als damals, als ich das Buch mit etwa 16 Jahren zum ersten Mal gelesen habe, und mich von Humberts Erklärungsversuchen noch ab und zu habe einlullen lassen – vielleicht hat er ja wirklich keine Kontrolle über sich selbst? – denn Nabokov ist hier mit einer Subtilität am Werk, die gar nicht mehr so subtil ist, wenn man nur die nötige Reife dafür mitbringt, sie tatsächlich zu erkennen. Und selbst, wenn man das nicht tut – spätestens am Ende des Romans wird klar, wie genau Humbert um seine eigene Schuld weiß.
So oder so leidet man natürlich unendlich mit Lolita mit, und hofft bei jeder sich bietenden Gelegenheit, sie möge ihrem Entführer entkommen, den Mut finden, jemandem von dem zu erzählen, was er ihr antut, oder einfach in einem unbeobachteten Moment loslaufen und nie wieder zurückkehren. Es ist wirklich schwer, ihr Leid mitzuverfolgen, und ich musste das Buch mehr als nur einmal weglegen, weil ich in diesem Moment einfach nicht weiterlesen konnte. Und doch habe ich „Lolita“ viel schneller gelesen, als ich zuvor erwartet hatte, denn die Geschichte lässt einen einfach nicht mehr los.
Auch sprachlich entwickelt das Buch einen unheimlichen Sog. Trotz Nabokovs Anmerkung in seinem Nachwort, in dem er es bedauert, dass er das Buch auf englisch schreiben musste  – „[…] dass ich das mir zugehörige Idion aufgeben musste, meine ungezwungene, reiche und unendlich gefügige russische Sprache, um sie gegen eine zweitrangige Version der englischen Sprache einzutauschen, der all jene Requisiten fehlen […], deren sich der heimische Illusionist mit wehenden Frackschößen bei seiner Magie bedienen kann, um das Erbe auf seine Weise zu überschreiten.“ – ist es einfach wahnsinnig gut geschrieben. Nabokov spielt auf eine fantastische Art und Weise mit Sprache und Bildern – und die Tatsche, dass er das nicht einmal in seiner Muttersprache tut, ist umso bemerkenswerter. Ich habe oft mitten im Lesen innegehalten, um mir eine seiner Formulierungen genauer anzusehen oder einen besonders bildgewaltigen Abschnitt noch einmal durchzulesen, weil er mir so gut gefallen hat.

„Lolita“ ist ein schweres, schmerzvolles, grausames, wahnsinnig gutes Buch. Es ist vielschichtig, psychologisch, beinahe hypnotisierend schrecklich – und es tut mir im Herzen weh, wie oft die Geschichte offenbar als Liebesroman missverstanden wird. Ich für meinen Teil werde wohl meinen Schutzumschlag, der das Buch sowohl beim Titelbild als auch in seinem Klappentext auf phänomenale Art und Weise fehlinterpretiert, auf den Müll werfen – „Lolita“ selbst werde ich aber trotzdem an alle weiterempfehlen, die sich an das schwierige Thema heranwagen wollen. Es ist es auf jeden Fall wert!

Rezension

Franny and Zooey

von J.D. Salinger

Deutscher Titel: Franny und Zooey

Bantam Verlag, 202 Seiten

Preis: 6,29€

Inhalt

Franny und Zooey sind die beiden jüngsten der sieben Glass-Kinder.
In der Kurzgeschichte »Franny« ist die Heldin zwanzig und besucht ihren Freund Lane übers Wochenende im College. Doch das Treffen verläuft nicht wie geplant. Franny erleidet einen Nervenzusammenbruch, weil sie im Leben und im Studium keinen Sinn mehr findet.
In der Erzählung »Zooey« steht ihr älterer Bruders im Mittelpunkt. Franny ist todunglücklich nach Hause zurückgekehrt, und ihre Mutter weiß nicht mehr, wie sie ihr noch helfen soll. Der hochintelligente, gutaussehende Zooey ist erfolgreicher TV-Schauspieler und geübt im Umgang mit Sinnkrisen – er will ihr mit seinem ganz eigenen zynischen Blick auf die Welt helfen.

Meine Meinung

Ich habe „Franny and Zooey“ vor kurzem in einem kostenlosen Bücherschrank entdeckt, und obwohl mein Freund nicht wirklich begeistert war, dass ich das vergilbt, zerfledderte, stockfleckige und vor allem sehr muffelige Ding mit zu uns nachhause nehmen wollte, so musste ich es doch unbedingt haben. Ich habe „The Catcher in the Rye“ schon vor ein paar Jahren gelesen und gliebt und hatte deshalb schon lange vor, mehr von J.D. Salinger zu lesen – allen voran dieses Buch, welches nach „The Catcher in the Rye“ wohl sein beliebtestes ist.

Ich habe „Franny and Zooey“ wirklich unheimlich gerne gelesen. Auf nur 200 Seiten entfaltet es eine Tiefe wie kaum ein anderes Buch – und das, obwohl auf diesen 200 Seiten kaum etwas passiert, außer dass die Figuren miteinander sprechen. Ich bin noch immer fasziniert davon, wie dicht J.D. Salinger seine Geschichte in dieser auf den ersten Blick so flachen, dünnen Handlung gewebt hat – er ist wirklich ein Meister seines Faches.
Die Kurzgeschichte „Franny“ besticht vor allem durch ihre Bissigkeit – Franny geht hier mit ihrem Freund Lane aus, der schlicht und ergreifend der Inbegriff des egozentrischen, patriacharlischen und pseudo-intelligenten Mannes ist. Stets denkt er nur an sich und ist konstant nur damit beschäftigt, Franny die Welt zu erklären – ich bin beim Lesen wirklich wütend geworden und war umso erfreuter, wann immer Franny ihn in seine Schranken verwiesen hat.
Insgesamt hat mir die Kurzgeschichte aber nicht ganz so gut gefallen wie die anschließende Novelle „Zooey“, die nach Frannys Abendessen mit Lane und ihrem anschließenden Zusammenbruch spielt, und die mich wirklich begeistert hat. Ich bin noch immer erstaunt, wie viel ich nicht nur über Zooey sondern auch über seine Geschwister erfahren habe, die in der Geschichte selbst eigentlich gar nicht vorkommen. Mit seiner zynischen, oft abweisenden oder sogar überheblichen Art ist Zooey auf den ersten Blick nicht gerade ein sympathischer Charakter – je länger man aber mit ihm zu tun hat, desto mehr merkt man, dass er seiner Schwester wirklich helfen will. Ich habe ihn im Laufe des Buches unheimlich ins Herz geschlossen.
„Franny and Zooey“ stellt eine ganze Menge Fragen – vor allem über Religion, aber auch über das Leben an sich, das Finden des eigenen Platzes in der Welt, Familienstrukturen, die Bedeutung von Wissen im Gegensatz zu Weisheit, den Einfluss der Kindheit auf das Erwachsenenleben. was es heißt, authentisch zu leben, und, und, und. Es ist ein Buch, das sehr viele sehr ernste Themen behandelt, und doch durchgehend locker und angenehm geschrieben, sowie vor allem sehr humorvoll ist, sodass man gar nicht mehr aufhören will, zu lesen, wenn man einmal angefangen hat.

Auch wenn meine Ausgabe dieses kleinen Büchleins mir die komplette Wohnung vollstinkt – und ich habe wirklich jedes Mal kurz das Gefühl zu ersticken, wenn ich daran rieche – so will ich sie dennoch nicht mehr missen. Ich habe „Franny und Zooey“ in den zwei oder drei Tagen, die ich damit verbracht habe, mehr als nur lieben gelernt.  Vor allem begeistert haben mich die Figuren, die innerhalb von kürzester Zeit lebendig werden und einen einfach nicht mehr loslassen – deshalb sind Salingers andere Kurzgeschichten über die Glass-Familie in Form der Sammlungen „Nine Stories“ und „Raise High the Roof Beam, Carpenters and Seymour: An Introduction“ auch sofort nach dem Lesen von „Franny und Zooey“ auf meine Wunschliste gewandert. Definitiv ein Buch, das ich irgendwann gerne noch einmal lesen möchte!

Rezension

Kafka am Strand

von Haruki Murakami

Originaltitel: 海辺のカフカ (Umibe no Kafuka)

btb Verlag, 637 Seiten

Preis: 11,99€

Inhalt

Der 15-jährige Kafka Tamura reißt von zu Hause aus und flüchtet vor einer düsteren Prophezeiung seines Vaters auf die Insel Shikoku. Seine abenteuerliche Reise führt ihn in eine fremde Stadt, wo er der faszinierenden Bibliotheksleiterin Saeki begegnet und ihr verfällt. Der alte, seit einem Unfall als Kind geistesschwache Nakata kann mit Katzen sprechen und glaubt nun, in einen Mordfall verwickelt zu sein – auch er flieht aus Tokyo und gleitet genau wie Kafka ab in eine fremde, seltsame Welt.

Was ist Traum, was ist Wirklichkeit? Wo endet diese Reise voller rätselhafter Begegnungen und labyrinthischer Wege? Mit gewohnt leichter Hand entwirft Murakami eine seiner surrealen, süchtig machenden Traumwelten.

Meine Meinung

„Kafka am Strand“ ist mein zweites Buch von Haruki Murakami. Ich habe mir den Inhalt vor dem Kauf ehrlich gesagt nicht einmal durchgelesen sondern einfach das erstbeste ausgewählt – nachdem ich „Naokos Lächeln“ vor ein paar Monaten so wahnsinnig geliebt habe wusste ich, dass Murakami mich nicht nur ohnehin nicht enttäuschen würde, sondern auch, dass seine Romane sich nur sehr schwer auf einem Klappentext zusammenfassen lassen. Ich wollte mich also nicht durch eine Zusammenfassung, die dem Buch vermutlich gar nicht gerecht wird, beinflussen lassen, sondern mich einfach voll und ganz auf das Unbekannte einlassen.

Umso erstaunter war ich dann, als ich feststellte, dass „Kafka am Strand“ so gar nicht wie „Naokos Lächeln“ ist. Statt dem ganz Gewöhnlichen durch genaue Betrachtung seine Magie einzuhauchen schafft Murakami eine (wie es auf ebenjenem Klappentext, den ich nicht gelesen habe, so schön heißt) surreale Traumwelt, bevölkert von Kreaturen, die nicht sind, Geistern, kryptischen Prophezeihungen, Sardinen, die vom Himmel fallen, und Steinen, die ihr Wesen ändern – also genau das, wofür er eigentlich bekannt ist. Obwohl beide Bücher sich in dieser Hinsicht so stark unterscheiden war ich von Anfang an gefesselt – Murakamis Werke entwickeln einfach einen Sog, dem man sich nicht mehr entziehen kann, sobald man nur einmal angefangen hat, zu lesen.
Ich fand es sehr spannend, sowohl Kafka Tamuras als auch Nakatas Geschichte zu verfolgen, zuerst noch ohne zu wissen, ob und wie sie sich jemals treffen würden, und obwohl beide Handlungsstränge die meiste Zeit über sehr ruhig sind habe ich mich beim Lesen keine Sekunde gelangweilt.
Die meisten Charaktere des Romans sind auf ihre Weise schwierige Figuren, und ich denke, sie hätten sehr schnell anstrengend werden können – wurden sie aber nicht. Nakata, der nicht lesen, schreiben oder Bahn fahren kann, dafür aber mit Katzen spricht und seinen eigenen mysthischen Eingebungen folgt, sowie auch den Bibliothekar Oshino habe ich sofort ins Herz geschlossen. Kafka mit seinem jugendlichen, oft sehr sexualisiertem Blick auf die Welt, und Nakatas abgestumpfter Freund Hoshino hingegen sind Figuren, die mir bei jedem anderen Autor wohl auf die Nerven gegangen wäre – nicht aber hier. Auch wenn ich das ein- oder andere Mal den Kopf über sie schütteln musste, so sind sie mir doch ans Herz gewachsen. Sie alle werden mit einer unglaublichen Tiefe dargestellt – nur bei den weiblichen Figuren hapert es da leider manchmal, sodass mir weder Saeki noch Sakura besonders im Gedächtnis geblieben sind.
Wo wir schon bei den Figuren sind will ich außerdem anmerken, dass ich sehr überrascht war, in Murakamis Buch einen schwulen trans Charakter anzutreffen, der – auch wenn in dieser Hinsicht nicht alles immer ganz perfekt dargestellt wird – von absolut jedem in seiner Umgebung fraglos genau so akzeptiert wird, wie er ist. Auch fand ich es schön, dass der geistig behinderte Nakata zu keinem Zeitpunkt als lächerlich dargestellt oder zum bloßen comic relief degradiert wurde.
„Kafka am Strand“ ist ein seltsames Buch, und das meine ich im allerpositivsten Sinne. Die melancholischen, philosophischen Töne, die es anschlägt, scheinen auf den ersten Blick so gar nicht zu den teilweise wirklich skurrilen Geschehnissen des Romans zu passen – und doch verwebt Murakami beide Seiten perfekt miteinander und schafft so ein wirklich einzigartiges Buch. Ein Buch, das man, nachdem man es fertig gelesen hat, erstmal ein paar Minuten stumm in der Hand hält – um dann zu seinem Handy zu greifen und zu googeln, was dieses und jenes denn nun eigentlich bedeutet hat. Ein Buch, bei dem man froh ist, keine Antworten auf diese Fragen zu finden, weil man im Grunde weiß, dass es keine gibt – dass alles, was man daraus mitnimmt, von einem selbst kommen muss.

Kurzum – ich habe „Kafka am Strand“ wahnsinnig gerne gelesen und bin unheimlich froh, mich dieses Jahr endlich an Haruki Murakamis Bücher herangetraut zu haben! Er ist ein fantastischer Autor, der die vielfältigsten Geschichten auf ganz besondere Art und Weise erzählt, und ich bin jetzt schon gespannt, was ich als nächstes von ihm lesen werde.

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