Rezension

Lisey’s Story

von Stephen King

Deutscher Titel: Love

Scribner Verlag, 513 Seiten

Preis: TB: ab 7,99€, eBook: 6,99€

Inhalt

Vor zwei Jahren hat Lisey ihren Mann verloren und sein Nachlass weckt albtraumhafte Erinnerungen und Ahnungen in ihr, die bald grausame Gewissheit werden. Bereits lange vor seinem Tod hat Scott, ein berühmter Romanautor, für sie eine Spur mit Hinweisen ausgelegt, die sie nun immer tiefer in seine von Dämonen bevölkerte Welt führt – ein Ort, an dem er die Ideen für seine Bücher sammelte, und der ihn sowohl heilen wie auch das Leben kosten konnte.

Meine Meinung

„Lisey’s Story“ war das erste Buch, das ich dieses Jahr für den #StephenKingMonth gelesen habe! Ich hatte zuvor schon viel Gutes darüber gehört und gleichzeitig klang es so ganz anders, als das, was ich sonst so von Stephen King gewohnt bin, deshalb war ich wirklich sehr gespannt darauf!

Vor allem zu Beginn fühlte das Buch sich auch auf eine Weise, die ich gar nicht genau bestimmen kann, irgendwie anders an, als King sich sonst für mich anfühlt. Weder besser noch schlechter, einfach anders. Vielleicht war es, weil Autoren so oft die Protagonisten seiner Werke sind, dass es ganz ungewohnt war, einmal einen ausschließlich aus den Augen seiner Ehefrau – und dann auch noch nur aus ihren Erinnerungen – kennenzulernen. Vielleicht auch, weil das Thema, das sich durch das ganze Buch zieht, und die Sache, um die es – obwohl es natürlich auch in „Lisey’s Story“ die gewohnte Mischung aus fantastischem und realem Grusel gibt – eigentlich geht, nicht der für King typische Horror der ein- oder anderen Art ist, sondern tiefe, rohe Trauer. Gerade das macht es aber vielleicht auch zu einem seiner erschreckendsten Bücher – tatsächlich würde ich wohl lieber einer ganzen Horde Monster gegenüberstehen, als irgendwann in meinem Leben Liseys Schmerz erfahren zu müssen.
Auf jeden Fall hat „Lisey’s Story“ mir wirklich gut gefallen. Es ist ein zunächst sehr mysteriöses, relativ ruhiges Buch, weil es in erster Linie eine Reise Liseys in ihre eigenen verdrängten Erinnerungen ist, die nach und nach ans Licht kommen und sich schlussendlich zu einem stimmigen Bild zusammensetzen. Man tappt zusammen mit Lisey im Dunkeln und weiß nie so recht, wo man sich denn nun eigentlich hinbewegt, und was hinter der nächsten Biegung auf einen warten mag. Einige Leser_innen fanden es deshalb wohl unter anderem auch etwas langweilig – so ging es mir aber überhaupt nicht. Das Buch vereint so viele verschiedene Handlungselemente auf verschiedenen Ebenen und Zeitlinien, dass ich mich gar nicht langweilen konnte.
Ebenso wie die Geschichte, die sich Seite für Seite in mein Herz geschlichen hat, habe ich Lisey, die mir zu Beginn als kaum mehr als die relativ blasse, klischeehaft ruhige Hintergrund-Ehefrau ihres berühmten Mannes erschien, im Laufe des Romans wirklich lieben gelernt. Ihre Familiensituation fand ich wahnsinnig interessant und hätte sehr gerne noch mehr darüber erfahren – es ist eines dieser Details, die ich an Stephen Kings Art zu schreiben so liebe, denn man hat wirklich das Gefühl, hinter den kurzen Erwähnungen und knappen Telefonaten verbirgt sich eine ganz reale Familie, mit ganz realen Beziehungen, Sorgen und Nöten.
Obwohl das Horrorelement in diesem Roman wie bereits gesagt eine eher untergeordnete Rolle spielt, habe ich mich außerdem durchaus ein wenig gegruselt – Stephen King hat eine wunderbare Art, seine Monster mit einem vagen, nicht ganz fassbaren Gefühl von ganz elementarer Angst zu umgeben, die mir immer wieder eine Gänsehaut verursacht. Die Idee einer anderen Welt, in die Scott reist um dort Inspiration für seine Geschichten zu sammeln kam mir auf dem Klappentext beinahe ein wenig lächerlich vor – im Buch war das dann plötzlich keineswegs mehr so. Ganz im Gegenteil, die allzu dünne Wand zwischen hier und dort wurde so eindringlich beschrieben, dass ich zeitweise tatsächlich ein wenig Angst hatte, ich könnte beim Blick in eine spiegelnde Oberfläche etwas von dort vorbeihuschen sehen.

„Lisey’s Story“ ist wirklich ein ganz besonderes Buch. Sehr dicht und persönlich, emotional, geheimnisvoll, leise, aber laut an den richtigen Stellen – und all das auf nur etwa 500 Seiten. Kurz: ein Buch, das ich nicht nur gerne gelesen habe, sondern an das ich mich definitv noch eine ganze Weile erinnern werde.
Ich bin froh, den diesjährigen #StephenKingMonth mit „Lisey’s Story“ begonnen zu haben – wenn es so weitergeht habe ich einen wirklich grandiosen Lesemonat vor mir!

Rezension

The Secret History

von Donna Tartt

Deutscher Titel: Die geheime Geschichte

Penguin Verlag, 660 Seiten

Preis: TB: ab 8,49€, eBook: 8,07€

Inhalt

Richard Papen stammt aus einfachen Verhältnissen. Als er durch ein Stipendium das College besuchen kann, ist er gleich fasziniert von der ihm fremden Welt. Besonders zieht ihn eine Gruppe junger Studenten in den Bann, mit denen er nicht nur Griechisch lernt, sondern auch dem täglichen Alkohol huldigt. Doch bald spürt er, dass unter der Oberfläche unerschütterlicher Freundschaft Spannungen lauern und dass ein furchtbares Geheimnis seine Freunde belastet – ein Geheimnis, das auch ihn mehr und mehr in seinen dunklen, mörderischen Sog zieht.

Meine Meinung

Ich habe bisher eigentlich nur überschwänglich Gutes über „The Secret History“ gehört und kenne sogar zwei oder drei Menschen, die das Buch als eines ihrer absoluten Lieblingsbücher zählen. Deshalb war ich natürlich schon sehr gespannt darauf, das Buch jetzt auch endlich zu lesen!

Ich habe ein bisschen gebraucht, um wirklich in das Buch reinzukommen. Der Anfang ist sehr… atmosphärisch und bereits voll von mysteriösen Andeutungen, aber bis man dann als Leser langsam dahinter kommt, was denn nun eigentlich Sache ist, geht es eben doch eher schleppend voran. Tatsächlich habe ich mir auf den ersten 100-200 Seiten oft gedacht, dass ich das Buch wahrscheinlich nicht weiterlesen würde, wenn es mir nicht so oft empfohlen worden wäre – ich bin aber auf jeden Fall froh, das getan zu haben, denn „The Secret History“ ist auf jeden Fall ein sehr einzigartiges Buch!
Wenn die Geschiche dann in Fahrt kommt zieht sie einen sofort in ihren Bann. Als Leser_in weiß man gar nicht so recht, wo man hinsehen oder in welche Richtung man denken soll, so sehr wird man von den immer neuen Enthüllungen und Emotionen hin und hergeworfen. Und obwohl man weiß, dass das Ganze eigentlich kein wirklich gutes Ende nehmen kann, kann man doch nicht aufhören zu lesen – es ist wie mit dem berühmten Autounfall, bei dem man einfach nicht wegsehen kann, nur dass das alles hier auf eine fast schmerzhafte Weise wirklich Spaß macht.
Die Atmosphäre, die Donna Tartt in ihrem Buch meisterhaft aufbaut, ist wahnsinnig düster, schwer und geheimnisvoll. Es ist ein modernes Gothic Novel und auch die Charaktere passen da allesamt sehr gut rein. Zu Beginn konnte ich keinen von ihnen leiden, habe sie alle als einen Haufen unsympathischer, selbstverliebter Möchtegern-Intellektueller empfunden. Nach und nach werden allerdings die Persönlichkeiten eines jeden von ihnen klarer, so als würden die Figuren nach und nach aus dem Nebel treten – genau wie das Geheimnis, das sie alle verbindet.
Es ist wie gesagt ein wirklich einzigartiges Buch, das mir mit Sicherheit noch eine lange Zeit im Gedächtnis bleiben wird. Ich hätte ihm auch eine etwas bessere Bewertung gegeben, wenn eine Sache mich nicht gewaltig gestört hätte – und zwar habe ich es an manchen Stellen als wirklich wahnsinnig homofeindlich empfunden. Es gibt eine Figur, die permanent sehr gewalttätig homofeindliche Sachen von sich gibt – bis zu einem Punkt, an dem ich das Buch wirklich kurz weglegen musste, weil es mir einfach zu viel geworden ist – und die ganze Zeit über habe ich darauf gewartet, dass Donna Tartt dem irgendetwas entgegensetzt. Eine sichtbare, positiv besetzte queere Figur vielleicht, oder auch nur einmal eine klare Aussage, dass das, was da passiert, furchtbar ist – stattdessen  wurden diese Aussage von allen anderen Figuren des Romans als harmlose und eigentlich sehr liebenswerte Scherze behandelt. Eine queere Figur gab es dann auch, ja, aber gezeichnet wurde sie als wohl eine der unsympathischsten Personen in der gesamten Konstellation – engstirnig, egozentrisch und übergriffig, definitiv nicht, was ich mir erhofft hatte. Zwar weiß ich, dass das Negative einfach irgendwie zum Roman gehört, und dass auch die Charaktere zwar vielschichtig aber eigentlich gar nicht so richtig liebenswert sein sollen – trotzdem hat das einen sehr schalen Geschmack in meinem Mund hinterlassen, und ich weiß einfach nicht so recht, was ich damit nun anfangen soll. Spiegeln diese Aussagen oder der Umgang mit ihnen in irgendeiner Form Donna Tartts persönliche Meinung wieder? Handelt es sich schlichtweg um einen misslungenen Kunstgriff? Ich weiß es wirklich nicht, fand es aber einfach nur richtig, richtig ätzend.

Trotz diesem Wehrmutstropfen – der sich Gott sei Dank nicht durch das ganze Buch gezogen hat, sonst hätte ich es definitiv nicht fertig gelesen – hat „The Secret History“ mir Spaß gemacht. Es ist eine wirklich fantastische und sehr eindringlinge Untersuchung von Grenzüberschreitungen, von Moral, Schuld und Reue, die ich – wäre diese eine Sache eben nicht gewesen – bedingungslos weiterempfehlen würde. So ist es mit Vorsicht zu genießen. Ich hoffe nun, dass es sich bei diesen Passagen nicht wirklich um Donna Tartts tatsächlich Meinung handelt, denn sie hat mich mit ihrem dichten, atmosphärischen Schreibstil auf jeden Fall von ihren schriftstellerischen Fähigkeiten überzeugt.

Rezension

Watership Down

von Richard Adams

Deutscher Titel: Unten am Fluss

Penguin Verlag, 472 Seiten

Preis: Hardcover: ab 10,49€, TB: ab 7,99€, eBook: 3,48€

Inhalt

Das junge Kaninchen Fiver ist überzeugt, dass dem Kaninchenbau eine unaussprechliche Gefahr droht, doch niemand will auf ihn hören. Und warum sollten sie auch, wo es doch Frühling ist, das Gras schön saftig und das Leben gut? Nur eine Handvoll Kaninchen lassen sich überzeugen, die Sicherheit des Baus zu verlassen, bevor es zu spät ist. Gejagt von ihren alten Freunden, von Hunden, Füchsen und Menschen, umgeben von zahllosen Gefahren, träumen die Kaninchen von einer neuen Heimat im abgelegenen Watership Down und begeben sich auf das Abenteuer ihres Lebens…

Meine Meinung

Ich hatte mir schon lange überlegt, „Watership Down“ zu lesen. Als Kind habe ich den Film gesehen – fatalerweise ab 6 Jahren freigegeben, obwohl er nicht nur ziemlich gruselig sondern auch wahnsinnig grausam und blutig und ganz generell absolut nichts für Kinder in diesem Alter ist – und hatte danach jahrelang Albträume. Noch im Teenageralter bin ich ab und zu panisch aus einem dieser Träume erwacht und dachte, das – in der deutschen Fassung relativ unmelodisch übersetzte – „schwarze Kaninchen des Todes“ vor mir zu sehen, das in der Kaninchenkultur von Richard Adams‘ Welt eine große Rolle spielt. „Watership Down“ hatte also für mich immer einen ganz furchtbar negativen Stempel, und ich war mir nicht sicher, ob ich das Buch wirklich lesen wollte, obwohl die vielen wahnsinnig positiven Stimmen mich doch neugierig gemacht haben. Ich habe mir nun endlich einen Ruck gegeben und mir das Buch vor unserem einwöchigen Portugalurlaub zugelegt – schließlich kann wirklich niemand bei 30°C am Strand Angst vor irgendwelchen obskuren Kaninchen haben.

Ich bin sehr froh, mich endlich wieder an diese Erzählung herangetraut zu haben, denn sie ist wirklich ganz zauberhaft. „Watership Down“ liest sich wie ein Märchen – nicht nur wegen der sprechenden Tiere sondern auch wegen der weichen, fast fließenden Schreibweise und der Kaninchen-Perspektive, die einem unsere ganz normale Welt plötzlich aus einem komplett anderen, fast magisch anmutenden Blickwinkel zeigt.
Hazel, Fiver, Bigwig & Co. sind mir unheimlich ans Herz gewachsen. Ich hätte wirklich nicht gedacht, mich je so gut in eine Gruppe fiktiver Kaninchen einfühlen zu können, doch Richard Adams schafft es, jedem von ihnen eine eigene Persönlichkeit zu geben. Mein einziger Kritikpunkt in dieser Hinsicht ist, dass es kaum weibliche Kaninchen gibt, die eine Rolle spielen – die meisten von ihnen bekommen nichtmal einen Namen, was ich wirklich sehr schade fand. Die Kaninchen haben aber nicht nur eigene Persönlichkeiten, sondern auch eine komplett eine Kultur, mit eigenen Legenden und einer eigenen Sprache, die ebenfalls wirklich überzeugend rüberkam – nicht zuletzt wahrscheinlich aufgrund der sehr ernsthaft wirkenden Fußnoten, in denen die Aussprache von verschiedenen Namen oder Begriffen erklärt wird. Dabei lässt Adams allerdings auch immer wieder Bemerkungen über Kaninchenverhalten und -biologie einfließen, sodass man bei der Lektüre nicht nur etwas lernt, sondern auch zu keinem Zeitpunkt vergisst, dass es sich tatsächlich um Kaninchen handelt.
Die Geschichte wirbelt einen von Abenteuer zu Abenteuer – umgeben von wilden Raubtieren und -vögeln bis hin zu Menschen mit Gewehren und reißenden Flüssen, aber auch den eigenen Artgenossen, hoppeln die Kaninchen von einer Gefahr in die nächste – sodass ich schon bald gar nicht mehr aufhören konnte, zu lesen. Besonders schön fand ich aber, dass es in dem Buch eben nicht nur um Abenteuer geht, sondern es auch viel deutliche Gesellschaftskritik gibt. Ich denke mir, dass „Watership Down“ deshalb auch ein wirklich tolles Buch für Eltern ist, um es ihren (nicht mehr ganz kleinen) Kindern vorzulesen und ihnen dabei ganz nebenbei soziale und politische Probleme erklären zu können – so ist es wahrscheinlich auch gedacht, denn es entstand eigentlich als Gutenachtgeschichte für Richard Adams‘ Tochter.

Alles in Allem kann ich nur sagen, dass mir „Watership Down“ wirklich unheimlich gut gefallen hat – es ist eine einzigartige Geschichte, die einen mit auf eine weite Reise nimmt und einen dabei die Welt um sich herum komplett vergessen lässt. Eine spannende und mitreißende Erzählung, die gleichzeitig auch sehr sanft und einfach nur wunderschön ist. Das Buch wird mir mit Sicherheit noch lange in Erinnerung bleiben.
Auch den Film habe ich inzwischen übrigens nochmal gesehen und mochte ihn sehr – umso gespannter bin ich jetzt auf die Netflix-Miniserie, die dieses Jahr noch erscheinen soll!

Rezension

A Little Life

von Hanya Yanagihara

Deutscher Titel: Ein wenig Leben

Doubleday Verlag, 720 Seiten

Preis: Hardcover: 13,99€ | TB: 7,99€ | eBook: 6,09€

Inhalt

Hanya Yanigahaeas Roman handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe – ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Immer tiefer werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten.
Ein rauschhaftes, mit kaum fasslicher Dringlichkeit erzähltes Epos über Trauma, menschliche Güte und Freundschaft als wahre Liebe, das sich an die dunkelsten Orte, an die Literatur sich wagen kann, begibt, und dabei immer wieder zum hellen Licht durchbricht.

Meine Meinung

Am Ende dieser Rezension findet ihr eine Liste mit Triggerwarnings zum Ausklappen. So wird niemand ungewollt gespoilert, es hat aber jeder die Möglichkeit, sich zunächst über die – unter Umständen wirklich extrem triggernden – Dinge zu informieren, die in diesem Buch behandelt werden, und Retraumatisierungen so zu vermeiden.

Ich hatte „A Little Life“ schon eine ganze Weile auf dem Schirm, allerspätestens aber nachdem die liebe Liesa es letztes Jahr gelesen hat und so wahnsinnig begeistert davon war stand es auf meiner Prioritätenliste ganz, ganz oben. Als ich das Buch dieses Jahr zum Geburtstag bekommen habe, habe ich mich also natürlich gefreut wie sonst was – und habe das Buch dennoch nicht gleich gelesen, weil ich bereits wusste, dass es wohl ein sehr intensives Buch werden würde, und es mir deshalb gerne für die Ferien aufheben wollte, damit ich auch wirklich genug Kraft dafür habe.

Das war eine gute Idee, denn „A Little Life“ ist wirklich wahnsinnig heftig – und das nicht nur stellenweise sondern fast durchgehend. Obwohl ich das bereits erwartet hatte, war ich trotzdem nicht wirklich darauf vorbereitet, wie unglaublich krass es teilweise werden würde. Das Buch nimmt einen gefangen und lässt einem dann absolut keine Atempause mehr – ich habe es von Anfang an geliebt und obwohl die beschriebenen Dinge teilweise so schlimm waren, dass ich gefühlt alle zwei Seiten eine Lesepause einlegen musste, habe ich diesen 720-Seiten Schinken in gerade mal einer Woche gelesen. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören und war so in der Welt von Jude, Willem, Malcom und JB gefangen, dass ich gar nichts mehr mit mir anzufangen wusste, wenn ich das Buch mal zur Seite gelegt hatte – ich musst einfach immerzu darüber nachdenken, und auch jetzt bin ich noch absolut überwältigt.
Es ist sehr schwer, „A Little Life“ zu rezensieren, weil es einfach ein derart großes Buch ist. Man begleitet die Protagonisten des Buches über Jahrzehnte hinweg, lebt, lacht und leidet mit ihnen, als wäre man selbst ein Teil der Gruppe. Es ist spannend, mitreißend und schmerzhaft – und dabei auch noch fantastisch geschrieben. Ein Buch, das einen tief berührt, ein Epos über Freundschaft, über romantische und platonische Liebe und die Punkte, an denen diese Grenze verschwimmt, aber auch eines über unfassbare Gewalt, körperliche wie seelische, und die tiefen Spuren, die sie auf und in einem Menschen hinterlässt – für immer. Es ist ein Buch über das Leben, in all seiner Schönheit aber vor allem auch in all seiner Hässlichkeit, über Leid und Schmerz und Kraft. Ich habe noch nie derart viele schreckliche, schwere Themen in nur einem Buch angetroffen, und doch ist es, was die Glaubwürdigkeit angeht, an keiner Stelle zu viel, was hier feinfühlig aber gleichzeitig auch sehr schonungslos geschildert wird.
In einem Interview mit Dennis Scheck sagte Hanya Yanagihara, sie habe bewusst auf das Foto auf dem Cover („The Orgasmic Man“ von Peter Hujar) bestanden, weil es genau das widerspiegelt, was sie mit ihrem Buch erreichen wollte – irgendetwas zwischen Schmerz und Lust, das zugleich faszinierend und beim Ansehen beinahe unangenehm ist, weil es einem das Gefühl gibt, etwas verboten Intimes beobachtet zu haben. Genau so hat „A Little Life“ sich für mich tatsächlich angefühlt.
Eindringling erzählt Hanya Yanagihara ihre Geschichte aus fünf verschiedenen Perspektiven – jede davon einzigartig und extrem persönlich. Noch nie habe ich mich einer Gruppe von Figuren näher gefühlt. Es ist in jeder Hinsicht wahnsinnig intim und intensiv. Wie ein Mahlstrohm zieht das Buch einen immer weiter hinein in das Auf und Ab, die Wirrungen und Wendungen von vier wirklich dramatischen aber dennoch niemals überzeichneten Leben, während es gleichzeitig auch immer tiefer in Judes grauenvolle Vergangenheit vordringt.
Ich habe jeden der vier Protagonisten auf seine Weise lieben gelernt – vor allem, weil jeder von ihnen so realistisch und dreidimensional war. Niemand ist „nur“ gut oder „nur“ schlecht – jeder von ihnen ist ein kompletter Mensch mit mehr als nur einer Seite. Zudem war ich begeistert davon, wie queer und nicht-weiß das Buch war. Von den vier Protagonisten ist nur ein einziger weiß, und so richtig heterosexuell wohl keiner – und nicht nur das, auch bei den Nebencharakteren wird vor allem Queerness immer mal wieder nebenbei erwähnt, ohne dass weiter darauf eingegangen wird. Dass Menschen nicht cisgender, hetero- oder allosexuell sind, dass sie in Beziehungen sind, zusammenleben, heiraten, ist so absolut normal, dass es keiner weiteren Erklärung bedarf, und auch das hat mir wirklich gefallen. Denn neben allem, was „A Little Life“ behandelt, ist es eben auch ein fundamental queeres Buch, ein Buch über queeres Leiden, queere Liebe, queere Heilung. Der einzige Unterschied zu anderen queeren Büchern ist der, dass dieses komplett ohne die sonst üblichen kollektiven Traumata von Coming-Out und der Aids-Krise auskommt, die – ebenso wie alle anderen größeren politischen und historischen Ereignisse – in diesem Buch schlichtweg keine Erwähnung findet, was dem Ganzen nicht nur einen sehr interessanten, zeitlosen Aspekt verleiht sondern es auf seltsame Art und Weise noch enger und noch intimer macht.

Als ich das Buch beendet hatte wusst ich für einen schrecklichen Moment wirklich gar nicht mehr, was ich nun mit mir selbst anfangen soll – dass man nach der Lektüre eines wirklich guten Buchs fast das Gefühl hat, es hätte einen Teil des eigenen Herzens mit sich genommen, ist ja nicht weiter ungewöhnlich, aber „A Little Life“ ist das erste, bei dem ich das Gefühl hatte, ich hätte ein gewaltiges Stück meines Lebens und meiner Seele bei ihm gelassen. Das hört sich wahnsinnig pathetisch an, aber genau so war es. Ich habe mich noch nie so voll und und gleichzeitig so leer, so ausgehöhlt gefühlt – das Buch hat mir so viel gegeben und mich gleichzeitig einfach nur fertig gemacht.
Es war grausam, es war großartig, es war schrecklich fantastisch – ich habe es geliebt. Ich glaube, es ist ein Buch, mit dem ich von nun an jedes andere Buch, das ich lese, vergleichen werde, und ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals darüber hinweg sein werde. Andererseits habe ich auch das Gefühl, dass ich das vielleicht gar nicht will. „A Little Life“ ist ein einzigartig kraftvolles, beeindruckendes, überwältigendes Buch und ich bin wahnsinnig dankbar dafür, dass ich es lesen durfte.

  • Triggerwarnings:

    Suizid & (graphisch) Suizidalität,
    (sehr graphisch) selbstverletzendes Verhalten,
    (emotionale und körperliche) Kindesmisshandlung,
    (emotionale und körperliche) Misshandlungen in der Beziehung,
    sexueller Missbrauch von Kindern,
    Vergewaltigung,
    Pädophilie,
    Zwangsprostitution,
    Drogenmissbrauch & Sucht,
    (gewalttätiger) Ableismus,
    (graphisch) körperliche Gewalt

Rezension

Der Späher

von Vladimir Nabokov

Originaltitel: Соглядатай (Sogljadataj)

Rowohlt Verlag, 123 Seiten

Preis: gebunden: 14,00€, TB: 6,95€

Inhalt

Nach einem versuchten oder vielleicht auch geglückten Selbstmordversuch verlässt der Progatonist sein Leben und beoabachtet nunmehr in Form eines körperlosen Erzählers eine Gruppe von russischen Emigranten. Vor allem interessiert er sich dabei für einen gewissen Smurov, den zu ergründen sein größtes und einziges Ziel zu werden scheint…

Meine Meinung

Ich habe „Der Späher“ für die Hausarbeit über Obession, sowie das sich daraus ergebende Sehen und Nicht-Sehen in Nabokovs Werken, die ich momentan schreibe, gelesen. Außerdem ist es mein erster Roman für die #RussianReadingChallenge gewesen!

Das Buch ist ziemlich kurz und vor allem aufgrund seiner Erzählperspektive besonders: Der Protagonist tritt auf der Suche nach Smurovs wahrem Wesen manchmal als tatsächliche Figur auf, meistens verschwindet er aber komplett hinter seiner Beobachter- und Erzählerrolle, was wirklich sehr interessant ist.
Auch sonst gewinnt der Roman meiner Meinung nach vor allem auf der Analyse- und Interpretationsebene viel hinzu, denn es gibt – von der Spaltung des Romans bishin zum völligen Verlust des Selbst des Protagonisten in der Jagd nach einem Hirngespinst – viele für Nabokov typische Strukturen und Bilder zu entdecken. Die Geschichte an sich – die unglückliche Liebe Smurovs zur schönen Wanja und die Obsession des Protagonisten damit, herauszufinden, wer er wirklich ist – bleibt auf den gerade mal 120 Seiten natürlich (meiner Meinung nach bewusst) relativ oberflächlich und stereotyp, obwohl sie dennoch nicht langweilig ist. Sie ist zudem natürlich von Nabokov geschrieben, also schlicht und ergreifend wirklich wunderschön erzählt und formuliert – schon allein deshalb liest sie sich einfach gut.
Sehr interessant ist außerdem das Ungewisse der gesamten Erzählung. Man weiß nicht, wer Smurov ist, man weißt nicht, wer der Erzähler ist – an dieser Stelle möchte ich jedem, der das Buch gerne lesen will raten, Rezensionen und Inhaltszusammenfassungen so weit es geht zu vermeiden, da diese oft sehr unglücklich formuliert sind und „Der Späher“ wirklich viel weniger interessant ist, wenn man die Antworten auf diese beiden Fragen bereits im Voraus kennt – man weiß nicht, ob der Selbstmord des Protagonisten nun geglückt ist oder nicht, und ob seine Erlebnisse folglich real oder – wie er selbt annimmt – das Produkt seiner sterbenden Fantasie sind. Diese Unsicherheit, die bis zum Schluss nicht aufgeklärt wird, ist es, die das Buch so besonders macht. Sie fragt nicht nur danach, was Identität und Realität eigentlich ist, sondern vor allem wie die eigene Wahrnehmung, sowie auch die Wahnehmung anderer, beides verändern kann.

Alles in Allem ist „Der Späher“ also ein recht kurzes aber dennoch unterhaltsames Buch, das – obwohl es definitiv keiner von seinen „großen“ Romanen ist – mein Bild von Nabokov als wirklich großartigem Schriftsteller weiter zementiert. Es ist ein Buch, das man nicht aufgrund seiner Handlung liest, sondern aufgrunddessen, was der Autor mit dieser macht. Obwohl „Der Späher“ also vielleicht nicht an „Lolita“ , mein bisher mit Abstand liebstes Buch von ihm, heranreichen mag, hat es mir wirklich gut gefallen und ich freue mich jetzt schon auf meinen nächsten Nabokov!

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