Rezension

A Little Life

von Hanya Yanagihara

Deutscher Titel: Ein wenig Leben

Doubleday Verlag, 720 Seiten

Preis: Hardcover: 13,99€ | TB: 7,99€ | eBook: 6,09€

Inhalt

Hanya Yanigahaeas Roman handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe – ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Immer tiefer werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten.
Ein rauschhaftes, mit kaum fasslicher Dringlichkeit erzähltes Epos über Trauma, menschliche Güte und Freundschaft als wahre Liebe, das sich an die dunkelsten Orte, an die Literatur sich wagen kann, begibt, und dabei immer wieder zum hellen Licht durchbricht.

Meine Meinung

Am Ende dieser Rezension findet ihr eine Liste mit Triggerwarnings zum Ausklappen. So wird niemand ungewollt gespoilert, es hat aber jeder die Möglichkeit, sich zunächst über die – unter Umständen wirklich extrem triggernden – Dinge zu informieren, die in diesem Buch behandelt werden, und Retraumatisierungen so zu vermeiden.

Ich hatte „A Little Life“ schon eine ganze Weile auf dem Schirm, allerspätestens aber nachdem die liebe Liesa es letztes Jahr gelesen hat und so wahnsinnig begeistert davon war stand es auf meiner Prioritätenliste ganz, ganz oben. Als ich das Buch dieses Jahr zum Geburtstag bekommen habe, habe ich mich also natürlich gefreut wie sonst was – und habe das Buch dennoch nicht gleich gelesen, weil ich bereits wusste, dass es wohl ein sehr intensives Buch werden würde, und es mir deshalb gerne für die Ferien aufheben wollte, damit ich auch wirklich genug Kraft dafür habe.

Das war eine gute Idee, denn „A Little Life“ ist wirklich wahnsinnig heftig – und das nicht nur stellenweise sondern fast durchgehend. Obwohl ich das bereits erwartet hatte, war ich trotzdem nicht wirklich darauf vorbereitet, wie unglaublich krass es teilweise werden würde. Das Buch nimmt einen gefangen und lässt einem dann absolut keine Atempause mehr – ich habe es von Anfang an geliebt und obwohl die beschriebenen Dinge teilweise so schlimm waren, dass ich gefühlt alle zwei Seiten eine Lesepause einlegen musste, habe ich diesen 720-Seiten Schinken in gerade mal einer Woche gelesen. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören und war so in der Welt von Jude, Willem, Malcom und JB gefangen, dass ich gar nichts mehr mit mir anzufangen wusste, wenn ich das Buch mal zur Seite gelegt hatte – ich musst einfach immerzu darüber nachdenken, und auch jetzt bin ich noch absolut überwältigt.
Es ist sehr schwer, „A Little Life“ zu rezensieren, weil es einfach ein derart großes Buch ist. Man begleitet die Protagonisten des Buches über Jahrzehnte hinweg, lebt, lacht und leidet mit ihnen, als wäre man selbst ein Teil der Gruppe. Es ist spannend, mitreißend und schmerzhaft – und dabei auch noch fantastisch geschrieben. Ein Buch, das einen tief berührt, ein Epos über Freundschaft, über romantische und platonische Liebe und die Punkte, an denen diese Grenze verschwimmt, aber auch eines über unfassbare Gewalt, körperliche wie seelische, und die tiefen Spuren, die sie auf und in einem Menschen hinterlässt – für immer. Es ist ein Buch über das Leben, in all seiner Schönheit aber vor allem auch in all seiner Hässlichkeit, über Leid und Schmerz und Kraft. Ich habe noch nie derart viele schreckliche, schwere Themen in nur einem Buch angetroffen, und doch ist es, was die Glaubwürdigkeit angeht, an keiner Stelle zu viel, was hier feinfühlig aber gleichzeitig auch sehr schonungslos geschildert wird.
In einem Interview mit Dennis Scheck sagte Hanya Yanagihara, sie habe bewusst auf das Foto auf dem Cover („The Orgasmic Man“ von Peter Hujar) bestanden, weil es genau das widerspiegelt, was sie mit ihrem Buch erreichen wollte – irgendetwas zwischen Schmerz und Lust, das zugleich faszinierend und beim Ansehen beinahe unangenehm ist, weil es einem das Gefühl gibt, etwas verboten Intimes beobachtet zu haben. Genau so hat „A Little Life“ sich für mich tatsächlich angefühlt.
Eindringling erzählt Hanya Yanagihara ihre Geschichte aus fünf verschiedenen Perspektiven – jede davon einzigartig und extrem persönlich. Noch nie habe ich mich einer Gruppe von Figuren näher gefühlt. Es ist in jeder Hinsicht wahnsinnig intim und intensiv. Wie ein Mahlstrohm zieht das Buch einen immer weiter hinein in das Auf und Ab, die Wirrungen und Wendungen von vier wirklich dramatischen aber dennoch niemals überzeichneten Leben, während es gleichzeitig auch immer tiefer in Judes grauenvolle Vergangenheit vordringt.
Ich habe jeden der vier Protagonisten auf seine Weise lieben gelernt – vor allem, weil jeder von ihnen so realistisch und dreidimensional war. Niemand ist „nur“ gut oder „nur“ schlecht – jeder von ihnen ist ein kompletter Mensch mit mehr als nur einer Seite. Zudem war ich begeistert davon, wie queer und nicht-weiß das Buch war. Von den vier Protagonisten ist nur ein einziger weiß, und so richtig heterosexuell wohl keiner – und nicht nur das, auch bei den Nebencharakteren wird vor allem Queerness immer mal wieder nebenbei erwähnt, ohne dass weiter darauf eingegangen wird. Dass Menschen nicht cisgender, hetero- oder allosexuell sind, dass sie in Beziehungen sind, zusammenleben, heiraten, ist so absolut normal, dass es keiner weiteren Erklärung bedarf, und auch das hat mir wirklich gefallen. Denn neben allem, was „A Little Life“ behandelt, ist es eben auch ein fundamental queeres Buch, ein Buch über queeres Leiden, queere Liebe, queere Heilung. Der einzige Unterschied zu anderen queeren Büchern ist der, dass dieses komplett ohne die sonst üblichen kollektiven Traumata von Coming-Out und der Aids-Krise auskommt, die – ebenso wie alle anderen größeren politischen und historischen Ereignisse – in diesem Buch schlichtweg keine Erwähnung findet, was dem Ganzen nicht nur einen sehr interessanten, zeitlosen Aspekt verleiht sondern es auf seltsame Art und Weise noch enger und noch intimer macht.

Als ich das Buch beendet hatte wusst ich für einen schrecklichen Moment wirklich gar nicht mehr, was ich nun mit mir selbst anfangen soll – dass man nach der Lektüre eines wirklich guten Buchs fast das Gefühl hat, es hätte einen Teil des eigenen Herzens mit sich genommen, ist ja nicht weiter ungewöhnlich, aber „A Little Life“ ist das erste, bei dem ich das Gefühl hatte, ich hätte ein gewaltiges Stück meines Lebens und meiner Seele bei ihm gelassen. Das hört sich wahnsinnig pathetisch an, aber genau so war es. Ich habe mich noch nie so voll und und gleichzeitig so leer, so ausgehöhlt gefühlt – das Buch hat mir so viel gegeben und mich gleichzeitig einfach nur fertig gemacht.
Es war grausam, es war großartig, es war schrecklich fantastisch – ich habe es geliebt. Ich glaube, es ist ein Buch, mit dem ich von nun an jedes andere Buch, das ich lese, vergleichen werde, und ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals darüber hinweg sein werde. Andererseits habe ich auch das Gefühl, dass ich das vielleicht gar nicht will. „A Little Life“ ist ein einzigartig kraftvolles, beeindruckendes, überwältigendes Buch und ich bin wahnsinnig dankbar dafür, dass ich es lesen durfte.

  • Triggerwarnings:

    Suizid & (graphisch) Suizidalität,
    (sehr graphisch) selbstverletzendes Verhalten,
    (emotionale und körperliche) Kindesmisshandlung,
    (emotionale und körperliche) Misshandlungen in der Beziehung,
    sexueller Missbrauch von Kindern,
    Vergewaltigung,
    Pädophilie,
    Zwangsprostitution,
    Drogenmissbrauch & Sucht,
    (gewalttätiger) Ableismus,
    (graphisch) körperliche Gewalt

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