Rezension

Das Bildnis des Dorian Gray

von Oscar Wilde

Originaltitel: The Picture of Dorian Gray

Eduard Kaiser Verlag, 240 Seiten

Preis: 4,95€

Meine Meinung

Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr mehr Klassiker zu lesen – mindestens einen jeden Monat – und „Das Bildnis des Dorian Gray“ war das erste Buch, welches zu diesem Zweck auf meiner Klassiker-Leseliste stand. Ich wollte das Buch eigentlich schon sehr lange lesen, bin aber irgendwie nie dazu gekommen, deshalb bin ich sehr froh, es jetzt endlich getan zu haben!

Ich war „Das Bildnis des Dorian Gray“ vom ersten, wunderschönen Satz an verfallen – manchmal liest man ein Buch, das so großartig geschrieben ist, dass man es wohl lieben würde, auch wenn der Rest absolut miserabel wäre. Der Rest war hier zwar glücklicherweise nicht miserabel, aber trotzdem war „Das Bildnis des Dorian Gray“ genau so ein Buch – ich würde wahnsinnig gerne noch mehr Bücher von Oscar Wilde lesen und bin wirklich traurig, dass er sonst keine Romane mehr veröffentlicht hat, denn er ist einer dieser Autoren, bei denen mit Sicherheit sogar ein Einkaufszettel einfach nur wunderschön melodisch klingen würde.
Ein weiterer Punkt, der das Buch auszeichnet, sind wohl die Charaktere. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich hätte sie alle gern gehabt – um ehrlich zu sein kann ich mit nicht entscheiden, ob ich Lord Henry oder Dorian Gray selbst mehr gehasst habe – dafür sind sie alle wunderbar echt und dreidimensional und absolut nicht farblos. Ich hatte nie Probleme damit, Charaktere zu verwechseln oder mir einmal nicht ganz sicher zu sein, wer wer ist, weil sie alle so einzigartig und speziell waren, dass ich das Gefühl hatte, sie beinahe selbst zu kennen.
Spannend war natürlich auch die relativ offen genannte romantische Anziehung die Dorians Freund Basil zu ihm empfindet, sowie auch die auffälligen Beziehungen, die Dorian später zu jungen Männern unterhält. Ich sage „relativ“ weil sowas bei einem Buch, das im Jahre 1890 veröffentlicht wurde, natürlich nie offen heraus gesagt werden kann – ich wahr ehrlich überrascht, wie deutlich Basil dennoch dabei geworden ist, klar zu stellen, dass seine Gefühle Dorian gegenüber nicht nur freundschaftlicher sondern tatsächlich romantischer Art sind.
Auch die Geschichte war nicht nur fantasievoll sondern auch durchgehend spannend – ich konnte das Buch wirklich kaum aus der Hand legen und hätte es am liebsten in einem Rutsch durchgelesen. Es ist faszinierend, die Veränderung, die in Dorian vorgeht zu beobachten, und ich hatte beim Lesen ständig das Gefühl, dass man wahnsinnig viel aus dem Buch schöpfen könnte. Ich hätte mich währenddessen wirklich gerne mit anderen über meine Gedanken und Interpretationen zu den Geschehnissen unterhalten – vielleicht schlage ich es ja irgendwann mal für den Zwitscherbooks-Buchclub vor.

Alles in Allem kann ich wirklich nur sagen, dass ich „Das Bildnis der Dorian Gray“ geliebt habe. Es besticht nicht nur durch einen wunderbaren Stil und wahnsinnig gut ausgearbeitete Charaktere sondern erzeugt auch noch ein ganz eigenes, spezielles Gefühl beim Lesen, welches dieses Buch wohl so besonders macht.
Es war ein wirklich gelungener Auftakt in mein Klassiker-Jahr 2016 und ich hoffe, dass die anderen Bücher, die ich dieses Jahr lesen werde, ebenso gut werden – wobei „Das Bildnis der Dorian Gray“ die Messlatte schon wirklich hoch gelegt hat.

Kommentare

  • Da hast du dir wirklich einen guten Einstieg in die Welt der Klassiker gewählt. Ich selbst habe das Buch schon vor Ewigkeiten gelesen und fand es ebenfalls großartig. Wilde war, noch vor Joyce, Yeats oder Beckett, der erste irische Autor in meiner Sammlung. Im letzten Jahr habe ich dann „Bunbury“ und „Das Gespenst von Canterville“ von Wilde gelesen und fand es beeindruckend wie vielseitig Wilde war. „Dorian Gray“ ist ja ein eher düsteres Werk wohingegen „Bunbury“ und „Canterville“ überwiegend komödiantische Elemente aufweisen. Wenn es ein Autor schafft beide Genres gleich gut und glaubwürdig zu bedienen hat er seinen „Legendenstatus“ mMn vollkommen zurecht.
    Damals habe ich zusammen mit „Das Bildnis…“ übrigens auch „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ von Robert Louis Stevenson gelesen welches ich dir hiermit auch ans Herz legen möchte.

    „Dorian Gray“ war ja damals, u.a. wegen der homosexuellen Anspielungen, ein kleiner Skandal. Das Buch (oder zumindest das Vorwort) wurde meines Wissens als Beweismittel im Prozess gegen Wilde verwendet. Ganz allgemein finde ich es schade wie es mit Wilde zu Ende gegangen ist, er ist krank, verarmt und geächtet gestorben. Zumindest seine (angeblichen) letzten Worte waren legendär wie viele seiner Zitate: „Entweder geht diese scheußliche Tapete – oder ich.“

    • sacinee | BÜCHERJÄGER

      Ich bin auch echt froh, „Das Bildnis des Dorian Gray“ endlich gelesen zu haben, es stand ja eigentlich schon wirklich lange auf meiner Leseliste, aber ich bin einfach nie dazu gekommen. „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ habe ich mir auch schon überlegt, vor allem die – wie ich finde – wirklich wunderhübsche Penguin English Library Ausgabe hat es mir da angetan. Wenn ich endlich mein BAföG-Geld bekomme und mir mal wieder ein Buch leisten kann, dann kaufe ich es mir vielleicht. 😀
      Davon habe ich auch schon gelesen, ich habe mich zu Beginn des Buches – als die Anspielungen noch eher harmlos waren und ich gerne wissen wollte, ob jetzt wirklich das damit gemeint ist, was ich denke – ein bisschen auf Wikipedia zu dem Thema umgesehen. Am liebsten hätte ich Wilde aus seiner verkorksten Zeit in die (etwas weniger aber wohl trotzdem noch irgendwie verkorkste) Gegenwart geholt, um ihn aus diesem Unglück zu befreien. Wenn er noch etwas länger gelebt hätte, hätte er auch mit Sicherheit noch einige fantastische Dinge geschrieben.
      Diese letzten Worte sind wirklich genial – im Übrigen würde ich sie auch Dorian zutrauen. Ich hatte beim Lesen oft das Gefühl, dass Wilde viel von seiner Art in seinen Protagonisten mit eingebracht hat. 😉

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