Rezension

Den Mund voll ungesagter Dinge

von Anne Freytag

Heyne fliegt Verlag, 399 Seiten

Preis: 14,99€

Inhalt

Wenn Sophie es sich aussuchen könnte, wäre ihr Leben simpel. Aber das ist es nicht. Und das war es auch nie. Das fängt damit an, dass ihre Mutter sie direkt nach der Geburt im Stich gelassen hat. Und endet damit, dass Sophies Vater plötzlich beschließt, mit seiner Tochter zu seiner Freundin nach München zu ziehen. Alle sind glücklich, außer Sophie. Bis sie in der neuen Stadt auf Alex trifft. Das Nachbarsmädchen mit der kleinen Lücke zwischen den Zähnen, den grünen Augen und dem ansteckenden Lachen. Zum ersten Mal lässt sich Sophie voll und ganz auf einen anderen Menschen ein. Und plötzlich ist das Leben neu und aufregend. Bis ein Kuss alles verändert.

Meine Meinung

Um „Den Mund voll ungesagter Dinge“ gab es in der Buchblogger-Sphäre in letzter Zeit ja einigen Wirbel. Die meisten Rezensionen sind sehr, sehr positiv ausgefallen, doch daneben wurden auch immer wieder Stimmen laut, die den Roman scharf kritisiert haben – unter anderem auch, weil Sophies Homosexualität angeblich wahnsinnig schlecht dargestellt sein soll, nur als Phase, oder als etwas, wegen dem man sich wahnsinnig schämen muss. Ich bin deshalb erstmal auf Abstand zu dem Buch gegangen, bis mir aufgefallen ist, dass wirklich alle negativen Rezensionen, die ich bisher gelesen habe und die das Thema ansprechen, von heterosexuellen Menschen geschrieben wurden. Als  ich das bemerkt habe wollte ich mir unbedingt doch eine eigene Meinung zu „Den Mund voll ungesagter Dinge“ bilden und die liebe Liesa hat es mir dann geschickt – nochmal vielen Dank dafür!

Gleich zu Beginn kann ich sagen, dass mich an Sophies Umgang mit ihrer neuentdeckten Sexualität nicht wirklich irgendwas gestört hat. Ich hatte da nach den Rezensionen, die ich gelesen habe, wirklich Übles erwartet und wurde dann ziemlich positiv überrascht. Dazu aber später mehr – denn obwohl mir das Buch insgesamt ganz gut gefallen hat gab es doch ein paar Dinge, die mich gestört haben. Am besten warne ich euch jetzt schon vor, dass diese Rezension wirklich abartig lang und nicht zu 100% spoilerfrei ist – ich hatte einfach vor allem in Bezug auf Sophies Queerness so wahnsinnig viel zu sagen. Wenn euch gerade das besonders interessiert, oder ihr es gar nicht so genau wissen wollt, könnt ihr je nach Bedarf auch einfach den ersten oder zweiten Teil der Rezension überspringen.

Anne Freytags Schreibstil ist etwas gewöhnungsbedürftig. Vor allem am Anfang ist es mir wahnsinnig schwer gefallen, mich wirklich auf das Buch einzulassen, weil ich ständig über irgendwelche blumigen oder melancholischen, immer aber ziemlich gezwungen wirkenden Metaphern gestolpert bin, die so gar nicht zu dem sonst eher schlichten, in Jugendsprache gehaltenem Stil passen wollten, in dem der Rest des Buches geschrieben ist. Ich weiß nicht, ob sich das im Laufe des Romans gebessert hat oder es mir einfach nicht mehr so stark aufgefallen ist, aber hätte ich das Buch nur kurz im Laden angelesen, dann hätte ich es wahrscheinlich nicht mitgenommen.
Ich mochte Sophie als Protagonistin sehr gerne, obwohl sie mir als Person vielleicht nicht so wirklich sympathisch wäre. Anne Freytag hat hier ganz bewusst versucht, nicht das typische braunhaarige, rehäugige unscheinbare, tollpatschige Mädchen zu schreiben, das einem in Büchern sonst immer begegnet, sondern eine realistische Protagonistin mit Persönlichkeit. Das ist ihr teilweise sehr gut gelungen, teilweise auch nicht ganz so gut, ich habe aber auf jeden Fall immer sehr mit Sophie mitgefühlt. Auch einige der Nebencharaktere, vor allem Alex, mochte ich wirklich, wirklich gerne – auch wenn es mir überhaupt nicht gefallen hat, dass sie nicht sofort mit ihrem Freund Schluss gemacht hat, als sie Gefühle für Sophie entwickelt hat, weil ich sowas einfach absolut nicht in Ordnung finde, egal wie emotional schwierig die Situation sein mag.
Andere Figuren sind mir wiederrum sehr negativ aufgefallen. So zum Beispiel Lukas, Sophies bester Freund aus Kindertagen, und anstrengender hetero Platzhirsch  hoch zehn. Nicht nur hat er sich mit einer fadenscheidigen Erklärung ausgerechnet „Flittchen“ als Spitznamen für Sophie ausgesucht – das wäre voll okay wenn Anne Freytag das irgendwie mit einem Statement gegen Slutshaming verbunden hätte, leider war oftmals aber eher das Gegenteil der Fall – er  ist auch ganz groß darin, queere Frauen zu sexualisieren, was einfach absolut daneben ist. Darüber, wie er mit seiner Freundin umgeht, will ich gar nicht reden. Ich habe wirklich das ganze Buch lang gehofft, sein Verhalten würde irgendwann noch einmal kritisiert – wurde es aber leider nicht.
Auch Sophies Vater ist einfach nur furchtbar. Nicht nur die Art, wie er seine 17-jährige Tochter komplett entwurzelt und aus ihrem Leben reißt, damit sie mit ihm 2 1/2 Monate vor dem Abitur in ein anderes Bundesland zu seiner Freundin ziehen kann, die sie noch nie in ihrem Leben getroffen hat, war absolut daneben. Auch seine Aussage, er würde sich dafür nicht entschuldigen, denn schließlich hätte sich seit Sophies Geburt sein ganzes Leben nur um sie gedreht und jetzt würde er endlich mal eine Entscheidung für sich treffen, fand ich einfach nur ätzend. Dass Kinder im Leben ihrer Eltern Priorität haben sollte meiner Meinung nach eigentlich selbstverständlich sein und seinem eigenen Kind deshalb Vorwürfe zu machen ist wirklich ekelhaft – schließlich hatte Sophie sowohl bei ihrer Zeugung als auch bei ihrer Geburt herzlich wenig mitzureden. Leider wurde auch das nicht weiter thematisiert.
Die Geschichte mochte ich sehr gerne und fand sie auch sehr spannend, obwohl die ein- oder andere Wendung auf mich dann doch ein wenig zu offensichtlich oder gezwungen wirkte. Das war aber dann doch die Ausnahme, sodass das Buch sich sehr schnell und wirklich angenehm gelesen hat. Der für mich am interessanteste Aspekt dabei war natürlich die Liebesgeschichte zwischen Sophie und Alex – und so wären wir schon beim Thema Queerness angekommen.

Sophie ist, bis sie sich in Alex verliebt, davon ausgegangen, dass sie heterosexuell ist. Als sie feststellt, dass dem nicht so ist, ist das erstmal ein Schock für sie – nicht, weil sie es prinzipiell schlimm findet, lesbisch zu sein, sondern weil soeben ihr gesamtes Selbstbild gründlich auf den Kopf gestellt wurde. Zudem hat sie – wie sehr viele queere Menschen in dieser Phase ihrer Selbstfindung – das Gefühl, dass sie sich selbst eigentlich gar nicht so nennen darf, weil sie ja bereits mit mehreren Jungen geschlafen hat, außerdem Angst hat, es könnte sich bei ihren Gefühle für Alex vielleicht nur um eine Ausnahme handeln, und sich in dieser Hinsicht gerade einfach wahnsinnig unsicher ist. Dass dabei auch mal Aussagen wie „Vielleicht ist es doch nur eine Phase“ fallen finde ich nicht weiter problematisch – es wird schließlich nie behauptet, dass es sich bei Homosexualität tatsächlich nur um eine phasenweise „Neigung“ handelt, Sophie versucht einfach nur zu verstehen, warum ihr ihre eigene Sexualität in den letzten 17 Jahren nicht aufgefallen ist. Außerdem hat sie zunächst Bedenken, den heterosexuellen Menschen in ihrem Umfeld zu sagen, dass sie selbst vielleicht lesbisch ist, weil sie nunmal weiß, dass sie in einer doch noch sehr homofeindlichen Welt lebt.
Genau das sind die Dinge, die von manchen Leser_inne_n kritisiert wurden, weil sie angeblich ein negatives Bild von Sophies Homosexualität zeichnen –  sehr scharf kritisiert wurde auch Sophies einmal geäußerter Wunsch danach, „normal“ zu sein, was tatsächlich zunächst sehr unglücklich klingt, im nächsten Satz jedoch bereits aufgelöst wird, als klar wird, was sie damit meint – schlicht und ergreifend den typischen Teenager-Wunsch danach, in absolut jeder Hinsicht ganz genau wie alle anderen zu sein um niemandem eine Angriffsfläche zu bieten: „Ich gebe es ja nur sehr ungern zu, weil es so traurig und langweilig ist, aber irgendwie ist normal zu sein auch beruhigend. Weil man kein einzelner Fisch, sondern Teil eines riesigen Schwarms ist. Weil man Deckung und Schutz in der Masse findet. Weil man weiß, dass man nicht alleine ist.“ (S. 244)
Meines Empfindens nach sind Sophies Gedanken und Gefühle absolut nachvollziehbar – ich würde sogar wagen zu behaupten, dass fast jeder queere Mensch sich zumindest ganz zu Beginn der eigenen Selbstfindungsphase irgendwann einmal so gefühlt hat. Es ist nicht leicht, inmitten von Cis-Allo-Heteros festzustellen, dass man keiner von ihnen ist, und niemanden zu finden, der einen versteht. Es ist nicht leicht, seine Sexualität erst spät zu entdecken und sich dieser dann trotzdem sicher zu sein, obwohl man von den Medien stets suggeriert bekommt, das sei etwas, was man einfach sein ganzes Leben lang wissen müsse – Anne Freytag spricht den Begriff zwar nicht direkt an, beschreibt das Phänomen von Compulsory Heterosexuality aber doch ziemlich gut. Es ist nicht leicht, wenn homo- oder transfeindliche Gewalt plötzlich nicht mehr nur etwas ist, was auf abstrakte Weise schlimm ist, sondern einen selbst betrifft – und das, während sämtliche nicht betroffenen Menschen um einen herum nicht müde werden, einem zu sagen, dass Queerness ja in der heutigen Gesellschaft eigentlich gar keine große Sache mehr sei und man sich da echt nicht beschweren brauche. Es ist bedeutend einfacher, sich sicher zu sein, dass die eigenen Eltern kein Problem damit hätten, dass ihr Kind homosexuell ist, wenn man es nicht tatsächlich ausprobieren musst. Dass das alles irgendwie dazugehört und nicht zwingend bedeutet, dass man ein Problem mit seiner eigenen Sexualität hat, ist vielen heterosexuellen Menschen vielleicht einfach nicht bewusst – klar, denn sie hören von queeren Menschen ja meistens auch erst, wenn diese all diese Dinge bereits überwunden haben und bereit sind, sich der Welt zu stellen.
Dass es eigentlich nicht ihre Homosexualität ist, die sie stört, sondern eher der Schock, sich selbst neu zu entdecken, wird auch deutlich, weil Sophie gar kein allzu großes Geheimnis daraus macht – zwar lässt sie ihre Familie zunächst in dem Glauben, Alex sei „nur“ eine Freundin, tatsächlich knutscht sie aber schon sehr bald ohne Probleme in der Öffentlichkeit mit ihr und möchte auch ihrer Stiefmutter schon relativ früh davon erzählen. In mehr als nur einer Rezension (von heterosexuellen Personen) habe ich gelesen, dass ein junges lesbisches Mädchen in Sophies Situation sich nach nach dem Lesen des Romans bestimmt schlecht fühlen würde. Ich denke, dass es sich eher verstanden fühlen würde – und schlussendlich ermutigt, denn Sophies Liebe zu Alex wird durchgehend als etwas wunderschönes, wahnsinnig positives dargestellt.
Ich weiß über Anne Freytags Sexualität nichts und will darüber auch eigentlich nicht spekulieren. Wenn sie selbst heterosexuell ist wäre mir in diesem Fall aber ziemlich sicher, dass sie beim Schreiben von „Den Mund voll ungesagter Dinge“ Hilfe von tatsächlich queeren Personen hatte. Es gab zwar durchaus Dinge, die ich problematisch fand – allen voran die ekelhafte Art, wie Lukas sich gegenseitig küssende Frauen sexualisiert – aber der Rest ist meiner Meinung nach wirklich wahnsinnig gut getroffen.

Mit fast 1,700 Wörtern ist diese Rezension wirklich unverschämt lang geworden und ich bin mir nicht ganz sicher, ob überhaupt irgendjemand bis hierhin kommen wird – wenn nicht habe ich ehrlich gesagt auch Verständnis dafür. Ich habe schon so viel gesagt, dass ich mich eigentlich nur noch kurz halten will: „Den Mund voll ungesagter Dinge“ ist eine nicht ganz unproblematische, aber wirklich schöne, einfühlsame und unterhaltsame Romanze zwischen zwei Mädchen – etwas, was es in der Literatur immer noch viel zu selten gibt. Ich habe den Roman wirklich gerne gelesen und kann mir sehr gut vorstellen, dass er jungen queeren Mädchen, die sich gerade erst selbst entdecken, viel bedeutet.

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