Rezension

Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten

von Becky Chambers

Originaltitel: The Long Way to a Small, Angry Planet

Fischer TOR Verlag, 544 Seiten

Preis: 9,99€

Inhalt

Als die junge Marsianerin Rosemary Harper auf der Wayfarer anheuert, wird sie von äußerst gemischten Gefühlen heimgesucht – der ramponierte Raumkreuzer hat schon bessere Zeiten gesehen, und der Job scheint reine Routine: Wurmlöcher durchs Weltall zu bohren, um Verbindungswege zwischen weit entfernten Galaxien anzulegen, ist auf den ersten Blick alles andere als glamourös.
Die Crewmitglieder, mit denen sie nun auf engstem Raum zusammenlebt, gehören den unterschiedlichsten galaktischen Spezies an. Da gibt es die Pilotin Sissix, ein freundliches und polyamoröses reptilienähnliches Wesen, den Mechaniker Jenks, der in die KI des Raumschiffs verliebt ist, und den weisen und gütigen Dr. Koch, der einer aussterbenden Spezies angehört.
Doch dann nimmt Kapitän Ashby den ebenso profitablen wie riskanten Auftrag an, einen Raumtunnel zu einem weit entfernten Planeten anzulegen, auf dem die kriegerische Rasse der Toremi lebt. Für Rosemary verwandelt sich die Flucht vor der eigenen Vergangenheit in das größte Abenteuer ihres Lebens.

Meine Meinung

„Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ ist mir aufgrund seines interessanten Titels schon länger aufgefallen – umso mehr habe ich mich gefreut, als ich das Buch letztes Jahr überraschend in einer LovelyBox entdeckte! Nochmal vielen Dank dafür an das Team von LovelyBooks und den Fischer TOR Verlag – ich habe mich wirklich wahnsinnig über die Box und die Bücher gefreut!

Der stärkste Aspekt von „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ sind ohne Zweifel die Figuren des Buches. Die neunköpfige Crew der Wayfarer wächst einem im Laufe der 544 Seiten wirklich ans Herz – ob es nun der grummelige Corbin, die aufgedrehte Kizzy, die eigenbröterlischen Ohan oder die freundliche Sissix ist, auf kurz oder lang gewinnt man sie alle lieb.
Besonders interessant war in dieser Hinsicht auch, wie unterschiedlich sie alle sind – zwar sind die meisten Besatzungsmitglieder Menschen, es gibt allerdings auch noch Lovey die KI, die das Schiff steuert, Sissix, das reptilienartige Alien, Dr. Koch, der an einen Otter erinnert, oder die Ohan, die aus einer Symbiose zwischen Wirt und Virus bestehen und von sich selbst grundsätzlich im Plural sprechen. Aber nicht nur körperlich sind sie die Crewmitglieder der Wayfarer so verschieden wie nur möglich, auch ihre Persönlichkeiten sind wahnsinnig gut ausgearbeitet, klar und einzigartig, sodass ich nichtmal auf den ersten Seiten des Buches in die Verlegenheit gekommen bin, einmal nicht genau zu wissen, wer denn nun wer ist.
Besonders schön fand ich auch, wie divers das Buch ist. Es gibt in „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ nicht nur eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, auch die zwei Väter eines der Besatzungsmitglieder werden immer mal wieder ganz nebenbei erwähnt. Zudem werden gleich mehrere Alienrassen mit nicht-binärem Geschlechtersystem vorgestellt, und wann immer das Geschlecht von jemandem nicht klar ist werden neutrale Pronomen benutzt. Außerdem gibt es noch einen kleinwüchsigen Charakter, der sich weigert, seinen Körper „korrigieren“ zu lassen – obwohl das in der dortigen Gesellschaft so verbreitet ist, dass die Protagonistin des Buches, Rosemary, zuerst einmal davon ausgeht, er habe seinen Körper absichtlich verkleinern lassen – weil er sich selbst so mag, wie er ist, und keinen Grund sieht, etwas an sich zu ändern, nur um in den Augen anderer als „normal“ durchzugehen. Auch verschiedene nicht-monogame und zum Teil sogar aromantische Familienstrukturen kommen vor. Das Buch macht in vielerlei Hinsicht einfach wahnsinnig viel richtig.
Trotzdem habe ich auch ein paar Dinge zu bemängeln, vor allem was die Handlung des Buches angeht. Zwar hat es sich schnell und angenehm gelesen, war also nie zu langweilig oder verwirrend, aber alles in allem hat mir einfach ein roter Faden gefehlt.
Zu Beginn des Buches nimmt die Wayfarer einen Auftrag an, der sie zu einem sehr entlegenen Planeten führt, und da fliegt sie dann hin – fertig. Zwischendurch gibt es immer mal wieder Zwischenhalte auf dem ein oder anderen Planeten, aber auch dabei ist oft keine wirkliche Struktur zu erkennen – viele Sachen scheinen einfach zu passieren, weil jetzt eben mal wieder etwas passieren muss, und obwohl sie viel Spaß machen haben die meisten dieser kleinen Nebenhandlungen mit der Haupthandlung leider absolut nichts zu tun.
Hier hatte ich oft das Gefühl, dass die Geschiche schlichtweg noch nicht ganz ausgereift ist – so als hätte Becky Chambers eine wirklich gute Idee für ein Sci-Fi Buch gehabt, hätte sich die Charaktere und die grobe Rahmenhandlung überlegt, und diese dann ohne genauen Plan mit mehr oder weniger zufällig gewählten Ereignissen gefüllt. Das ist sehr schade, weil „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ meiner Meinung nach wirklich das Potenzial für ein großes, fantastisches Sci-Fi Buch gehabt hätte, das aber leider nicht wirklich ausgeschöpft hat.

Alles in Allem ist „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“ also ein schönes, kurzweiliges Sci-Fi Abenteuer mit vielen liebenswerten Charakteren und viel Vielfalt, wie man sie vor allem in der Science-Fiction oft eher vermisst. Leider mangelt es dem Buch aber an einer wirklich gut durchdachten, spannenden Story, was es manchmal etwas schwammig macht. Ich habe das Buch sehr gern gelesen, vielleicht hole ich mir die Fortsetzung auch irgendwann mal aus der Bücherei – kaufen werde ich sie mir aber wohl eher nicht, denn zu hundert Prozent konnte der Roman mich dann eben leider doch nicht überzeugen.

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