Rezension

Der Meister und Margarita

Originaltitel: Мастер и Маргарита / Master i Margarita

Luchterhand Verlag, 491 Seiten

Preis: 10,99€

Inhalt

Der Teufel persönlich stürzt Moskau in ein Chaos aus Hypnose, Spuk und Zerstörung. Die Heimsuchung für Heuchelei und Korruption trifft alle – ausgenommen zwei Gerechte…

Das vielschichtige Hauptwerk von Michail Bulgakow vereint mehrere Genremerkmale, Stilhaltungen und Problemstellungen. Es ist nicht nur eine fantastische Abenteuergeschichte und beißende Zeitsatire, sondern auch eine philosophische Parabel über das Wesen von Gut und Böse, über menschliche Schwächen, demoralisierende Auswirkungen von Unfreiheit und Unterdrückung, die Macht der Kunst und die Ohnmacht des Künstlers.Es ist, in der Tradition von Goethes „Faust“, Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“ und Thomas Manns „Doktor Faustus“ längst ein Klassiker der literarischen Moderne.

Meine Meinung

Ich muss zugeben, dass ich nicht gerade begeistert war, als meine Dozentin letzten Montag verkündete, dass wir „Der Meister und Margarita“ bis zur nächsten Sitzung gelesen haben sollten – ich bin gerade wirklich knapp bei Kasse und wollte die 10,99€ eigentlich wirklich nicht ausgeben, außerdem hatte ich mich gefreut, endlich mit „Mr. Mercedes“ für den Stephen King Lesemonat anzufangen und überhaupt hat „Der Meister und Margarita“ meine Lesepläne für diesen Monat ganz schön durcheinander gebracht. Rückblickend bin ich allerdings – wie so oft – mehr als froh, dass ich dieses grandiose Buch lesen durfte.

Wenn ich „Der Meister und Margarita“ zusammenfassen müsste, wäre ich wohl komplett überfordert. Wahrscheinlich passt der Klappentext meiner Ausgabe – „Dieses Buch ist wie ein machtvoller Rausch, der einen nicht mehr loslässt. Wie ein irrlichterndes Kaleidoskop jagen die Bilder und Gedanken und verdichten sich zu einer meisterlichen Gesamtschau von sublimer Schönheit.“ – tatsächlich am besten, obwohl dort nichts über die eigentliche Handlung des Buches steht.
Es war wirklich ein Rausch, ein auf angenehme Art sehr abstraktes Leseerlebnis, mit einer Teufelsfigur, die man eigentlich nur lieben kann, es ging um Moskau, die stalinistische Zeit, um Pontius Pilatus, um Lügen, um Hexerei – kurz, es ist absolut unmöglich, eine kohärente Inhaltsangabe für dieses Buch zu schreiben und es ist kein Wunder, dass es damals der stalinistischen Zensur zum Opfer gefallen ist und erst Mitte der 60er Jahre, über 20 Jahre nach seiner Fertigstellung, veröffentlicht werden durfte. Es ist auch kein Wunder, welchen Kult es in der russischem Gesellschaft ausgelöst hat – „Der Meister und Margarita“ wurde von seinen Fans auswendig gelernt, selbst weitergeschrieben und heimlich verbreitet, um der Zensur zu entgehen. Die Adaptions-Liste des Romans auf der englischsprachigen Wikipedia-Seite umfasst ausgedruckt etwa sieben Seiten.
Was ich damit eigentlich sagen will ist, dass „Der Meister und Margarita“ – nicht nur in meinem subjektiven Empfinden, sondern offenbar gant objektiv – wirklich unheimlich interessant, vielschichtig und faszinierend ist. Ich bin normalerweise kein übermäßig großer Fan von abstrakter, moderner Literatur – vor etwa einem Jahr habe ich mich durch 2/3 von James Joyces „Ulysses“ gequält und dann aufgegeben, weil ich es zwar sehr interessant fand, aber keinen blassen Schimmer hatte, was bisher in dem Buch überhaupt passiert war – und auch hier habe ich etwas gebraucht um mich in das Geschehen hineinzufinden, aber als ich das einmal geschafft hatte konnte ich gar nicht mehr aufhören zu lesen. Nach einer Weile kam es mir dann auch gar nicht mehr so abstrakt vor, also habt bitte keine Angst davor – „Der Meister und Margarita“ ist ganz bestimmt kein zweiter „Ulysses“. Es ist die Art von Buch, die einem wahrscheinlich immer in Erinnerung bleibt, weil sie so speziell und eindringlich ist, und über die man am liebsten endlos mit anderen Leuten diskutieren will.
Zusätzlich zu all dem hatte ich außerdem noch das Gefühl, nach dem Lesen ein viel besseres Verständnis von und Gefühl für die stalinistische Zeit Russlands zu haben, in all ihrer Strenge und Idiotie, weil „Der Meister und Margarita“ auch wunderbar satirisch ist.
Es wäre eigentlich ein klarer 5-Sterne-Favorit, wäre da nicht der – für mich – etwas zähe Anfang gewesen. Auch zwischendurch hatte ich ein, zweimal das Gefühl, dass es sich etwas zieht, allerdings nicht so, dass es mich wirklich sehr gestört hätte oder ich deshalb keine Lust mehr hatte, das Buch weiterzulesen.

Kurzum, es hat mir wirklich gut gefallen. Wenn ich jemals eine „100 Bücher, die jeder im Leben einmal gelesen haben sollte“-Liste mache, dann landet „Der Meister und Margarita“ auf jeden Fall darauf. Ich bin so, so froh, dass ich diesen Kurs dieses Semester gewählt habe, einfach nur, weil ich dadurch dieses Buch gefunden habe, auf das ich sonst wahrscheinlich nie gestoßen wäre. Ich habe ehrlich das Gefühl, dass ich durch das Lesen von „Der Meister und Margarita“ reicher geworden bin – und ein bisschen Angst, dass ich mich damit in ein wahnsinniges Lesetief katapultiert habe, weil ich über nichts anderes mehr nachdenken kann. Ganz klare Epfehlung!

Kommentare

  • Merowinger

    Klingt sehr reizvoll. Habe es gleich mal auf die Wunschliste gesetzt. Und ja, „Ulysses“ ist ein Brett. Habe es vor vielen Jahren mal versucht und bin daran gescheitert. Ich denke aber dass ich noch viel zu jung dafür war. Es steht noch hier und wartet darauf bezwungen zu werden.

    • sacinee | BÜCHERJÄGER

      Ich habe mir letztes Jahr auch fest vorgenommen, „Ulysses“ irgendwann nochmal zu versuchen. Ich glaube, wenn man es tatsächlich „schafft“ ist es ein sehr lohnenswertes Buch, aber dafür braucht man wirklich sehr, sehr viel Zeit und Geduld. :’D
      Der Verkäufer im Buchladen hat mir damals empfohlen, es in einer Gruppe zu lesen und mit anderen zu diskutieren, damit man sich bei Verständnisproblemen oder Verwirrung auch mal gegenseitig helfen kann. Das habe ich zwar nicht gemacht, ich glaube aber, gerade bei „Ulysses“ ist das vielleicht wirklich gar keine so schlechte Idee.

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