Rezension

Der Report der Magd

von Margaret Atwood

Originaltitel: The Handmaid's Tale

Fischer Verlag, 399 Seiten

Preis: 11,00€

Inhalt

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts haben fanatische religiöse Sektierer im Norden der USA die sogenannte Republik Gilead installiert, deren oberstes Ziel nach einem starken Rückgang der Geburtenrate in den letzten Jahren die Sicherung der Fortpflanzung nach angeblich biblischen Vorbild ist. Dazu werden Frauen entmündigt und den einflussreichsten Männern der Gesellschaft als sogenannte „Mägde“ zugewiesen – Zweitfrauen, deren Zweck vor allem die Zeugung von Kindern ist. Wer nicht funktioniert oder sich widersetzt, wird zur »Unfrau« erklärt und in die Kolonien zur Giftmüllbeseitigung abgeschoben.
Erzählt aus der Sicht einer solchen namenlosen Magd ist „Der Report der Magd“ eine provozierende Vision eines totalitären Staats, in dem Frauen nicht nur keine Rechte sondern auch keine Chance, der Grausamkeit zu entkommen haben.

Meine Meinung

„Der Report der Magd“ ist eines dieser großen Bücher, vor denen man schon Respekt hat, bevor man sie überhaupt einmal aufgeschlagen hat. Ich wollte es deshalb schon seit Ewigkeiten einmal lesen und habe mich doch nie rangetraut. Umso mehr habe ich mich natürlich gefreut, als der Zwitscherbooks-Buchclub, bei dem ich seit gut einem Jahr mitlese, es letzten Monat zu seinem nächsten Buch gewählt hat, und ich so endlich keine Ausrede mehr hatte, es nicht zu lesen.

Ich bin immer noch sehr froh, das endlich getan zu haben, denn „Der Report der Magd“ ist wirklich ein großes Buch. Sehr eindringlich und geschickt enthüllt es dem Leser seine Geschichte nur Stück für Stück, und schafft so einen Sog, aus dem man sich  einfach nicht mehr befreien kann – oder will.
Ähnlich subtil werden dem Leser auch nach und nach die Gedanken der Protagonistin nahe gebracht, die – anders als es bei dystopischen Büchern sonst üblich ist – weder von Anfang an gegen das System rebelliert, noch durch irgendein dramatisches Ereignis plötzlich damit beginnt. Im Gegenteil – sie erscheint zunächst sehr angepasst, so als hätte sie sich schlichtweg mit ihren Umständen abgefunden und sich unter diesen ein neues Leben aufgebaut. Umso intensiver lernt man dann aber sowohl sie selbst als auch den Schrecken und die Grausamkeit, die sie unter Gilead ertragen muss, im Laufe des Buches kennen.
Besonders interessant wird „Der Report der Magd“ außerdem dadurch, dass es kein totalitäres System in seiner Blütezeit beschreibt, und noch weniger eines, das bereits im Sterben liegt – anders als in die meisten anderen Dystopien wurde hier die Republik Gilead gerade erst geboren. Der Umsturz des alten Systems ist noch keine zehn Jahre her und die Protagonistin erinnert sich durchaus noch daran, wie es früher war – als Frauen sich noch kleiden durften wie sie wollten, als öffentliche Demonstrationen noch nicht verboten und die Menschen noch frei waren. Gerade ihre Fähigkeit, beide Zeiten miteinander zu vergleichen, ist es, die ihre Geschichte so tiefgehend macht.
Es ist erschreckend, wie aktuell das Buch – gut 30 Jahre nachdem es veröffentlich wurde – noch immer ist. Obwohl ich nicht glaube, dass uns tatsächlich bald eine Entwicklung wie die im Roman beschriebene bevorsteht, so sind die Wurzeln von Gilead doch auch heute ganz klar in unserer Gesellschaft erkennbar – eine Gesellschaft, in der Frauen zwar theoretisch gleichberechtigt sind, praktisch aber im Beruf noch immer weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, in der sie in allen möglichen Medien noch immer grundsätzlich sexualisiert und anschließend dafür verteufelt werden und in der noch immer jedes Mädchen, dem sexuelle Gewalt angetan wurde, zuerst einmal gefragt wird, was es denn für Kleidung getragen habe, oder ob es vielleicht sogar betrunken gewesen sei. Eine Gesellschaft, in der es immer noch Proteste gegen Abtreibungen gibt, Homophobie trotz aller Toleranz, die in den letzten 30 Jahren erarbeitet wurde, immer noch eine viel zu große Rolle spielt und in der zu jeder Zeit jemand bereit ist, den ach so bösen Islam für alles verantwortlich zu machen, was gerade so schief läuft.
„Der Report der Magd“ war deshalb wirklich nicht einfach zu lesen – nicht, weil ich beim Lesen Angst hatte, morgen urplötzlich in einem System wie Gilead aufzuwachen, sondern weil ich meine eigene Lebensrealität immer wieder darin wiedergefunden habe. Gerade das ist es aber natürlich auch, was das Buch so wichtig, so stark und so großartig macht – es ist Warnung und Weckruf zugleich.

Ich kann „Der Report der Magd“ deshalb wirklich nur weiterempfehlen, und werde in Zukunft sicher noch mehr von Margaret Atwoods Büchern lesen. Es ist nicht nur mitreißend erzählt und gut geschrieben sondern geht auch unter die Haut und regt zum Nachdenken an – ein Buch, das man auch locker mehrmals lesen kann, und in dem man bestimmt trotzdem noch jedes Mal etwas Neues entdeckt.
„Der Report der Magd“ ist eine wirklich gute, in vielerlei Hinsicht allerdings auch keine leichte Lektüre, weswegen ich es absolut nicht ohne Trigger Warnings empfehlen möchte – wer Probleme mit Themen wie Suizid, Gewalt, Vergewaltigung, Homophobie, Rassismus oder Tod hat, der sollte das Buch deshalb eher vorsichtig angehen.

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