Rezension

Der Späher

von Vladimir Nabokov

Originaltitel: Соглядатай (Sogljadataj)

Rowohlt Verlag, 123 Seiten

Preis: gebunden: 14,00€, TB: 6,95€

Inhalt

Nach einem versuchten oder vielleicht auch geglückten Selbstmordversuch verlässt der Progatonist sein Leben und beoabachtet nunmehr in Form eines körperlosen Erzählers eine Gruppe von russischen Emigranten. Vor allem interessiert er sich dabei für einen gewissen Smurov, den zu ergründen sein größtes und einziges Ziel zu werden scheint…

Meine Meinung

Ich habe „Der Späher“ für die Hausarbeit über Obession, sowie das sich daraus ergebende Sehen und Nicht-Sehen in Nabokovs Werken, die ich momentan schreibe, gelesen. Außerdem ist es mein erster Roman für die #RussianReadingChallenge gewesen!

Das Buch ist ziemlich kurz und vor allem aufgrund seiner Erzählperspektive besonders: Der Protagonist tritt auf der Suche nach Smurovs wahrem Wesen manchmal als tatsächliche Figur auf, meistens verschwindet er aber komplett hinter seiner Beobachter- und Erzählerrolle, was wirklich sehr interessant ist.
Auch sonst gewinnt der Roman meiner Meinung nach vor allem auf der Analyse- und Interpretationsebene viel hinzu, denn es gibt – von der Spaltung des Romans bishin zum völligen Verlust des Selbst des Protagonisten in der Jagd nach einem Hirngespinst – viele für Nabokov typische Strukturen und Bilder zu entdecken. Die Geschichte an sich – die unglückliche Liebe Smurovs zur schönen Wanja und die Obsession des Protagonisten damit, herauszufinden, wer er wirklich ist – bleibt auf den gerade mal 120 Seiten natürlich (meiner Meinung nach bewusst) relativ oberflächlich und stereotyp, obwohl sie dennoch nicht langweilig ist. Sie ist zudem natürlich von Nabokov geschrieben, also schlicht und ergreifend wirklich wunderschön erzählt und formuliert – schon allein deshalb liest sie sich einfach gut.
Sehr interessant ist außerdem das Ungewisse der gesamten Erzählung. Man weiß nicht, wer Smurov ist, man weißt nicht, wer der Erzähler ist – an dieser Stelle möchte ich jedem, der das Buch gerne lesen will raten, Rezensionen und Inhaltszusammenfassungen so weit es geht zu vermeiden, da diese oft sehr unglücklich formuliert sind und „Der Späher“ wirklich viel weniger interessant ist, wenn man die Antworten auf diese beiden Fragen bereits im Voraus kennt – man weiß nicht, ob der Selbstmord des Protagonisten nun geglückt ist oder nicht, und ob seine Erlebnisse folglich real oder – wie er selbt annimmt – das Produkt seiner sterbenden Fantasie sind. Diese Unsicherheit, die bis zum Schluss nicht aufgeklärt wird, ist es, die das Buch so besonders macht. Sie fragt nicht nur danach, was Identität und Realität eigentlich ist, sondern vor allem wie die eigene Wahrnehmung, sowie auch die Wahnehmung anderer, beides verändern kann.

Alles in Allem ist „Der Späher“ also ein recht kurzes aber dennoch unterhaltsames Buch, das – obwohl es definitiv keiner von seinen „großen“ Romanen ist – mein Bild von Nabokov als wirklich großartigem Schriftsteller weiter zementiert. Es ist ein Buch, das man nicht aufgrund seiner Handlung liest, sondern aufgrunddessen, was der Autor mit dieser macht. Obwohl „Der Späher“ also vielleicht nicht an „Lolita“ , mein bisher mit Abstand liebstes Buch von ihm, heranreichen mag, hat es mir wirklich gut gefallen und ich freue mich jetzt schon auf meinen nächsten Nabokov!

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