Rezension

Der Übergang

von Justin Cronin

Originaltitel: The Passage

Goldmann Verlag, 1024 Seiten

Inhalt

Bevor sie das Mädchen von Nirgendwo wurde – das Mädchen, das plötzlich auftauchte, die Erste und die Letzte und Einzige, die tausend Jahre lebte -, war sie nur ein kleines Mädchen aus Iowa und hieß Amy. Amy Harper Bellafonte

Das Mädchen Amy ist gerade einmal sechs Jahre alt, als es von zwei FBI -Agenten entführt und auf ein geheimes medizinisches Versuchsgelände verschleppt wird. Man hat lange nach Amy gesucht: der optimalen Versuchsperson für ein mysteriöses Experiment, das nichts Geringeres zum Ziel hat, als Menschen unsterblich zu machen. Doch dann geht irgendetwas schief – völlig schief. Von einem Tag auf den anderen rast die Welt dem Untergang entgegen. Und nur eine kann die Menschheit vielleicht noch retten: Amy Harper Bellafonte.

Meine Meinung

Ich habe „Der Übergang“ vor Jahren einmal zum Geburtstag geschenkt bekommen – vielleicht war es mein Siebzehnter oder Achzehnter, ich bin mir nicht mehr ganz sicher – und seitdem stand es ungelesen bei mir im Regal herum und hat Staub angesetzt. Nicht, weil ich keine Lust hatte, es zu lesen – ich war einfach nur wahnsinnig eingeschüchtert von dem Umfang des Buches, das in der gebundenen Ausgabe über 1000 Seiten hat, und habe mich nie so richtig rangetraut.
Vor ein paar Wochen erzählte meine Mutter mir dann, dass sie das Buch gelesen und sehr gut gefunden hätte, und dann habe ich auch noch erfahren, dass Justin Cronin diese Woche anlässlich des Erscheinens des dritten Bandes der Trilogie eine Lesung hier in München abhält. Kurzum – „Der Übergang“ wollte endlich gelesen werden. Nachdem ich letzten Monat Stephen Kings „Das letzte Gefecht“ verschlungen hatte klangen 1000 Seiten ohnehin gar nicht mehr so viel – und so habe ich es dann tatsächlich gewagt.

Von der ersten Seite an hat mich die Geschichte in ihren Bann gezogen, obwohl zu Beginn lange noch gar nicht so richtig klar wird, wohin sie sich eigentlich entwickelt. Ich hatte mir ganz bewusst den Klappentext nicht zu genau durchgelesen, um mir nicht selbst die Spannung zu nehmen, und wusste deshalb nur sehr vage, was mich ungefähr erwarten würde, was das Ganze die ersten hundert Seiten lang wirklich sehr mysteriös gemacht hat. Nach und nach, ganz ohne Hast und dafür mit umso mehr Stärke, entfaltet sich dann die Tragödie rund um Amy und das außer Kontrolle geratene Vampir-Virus.
Die Virus-Geschichte an sich ist eine sehr typische Weltuntergangsstory, die aber vor allem durch den großen Zeitsprung dennoch interessant wird – die Handlung steigt nämlich in unserer Gegenwart, in der die Katastrophe sich ereignet, ein, und macht dann einen großen Sprung von fast 100 Jahren, zu den letzten kümmerlichen Überresten der Menschheit nachdem das Virus diese so gut wie ausgerottet hat. Und durch alles zieht sich die kleine Amy wie ein roter Faden.
Bei diesem kläglichen Überbleibsel der amerikanischen Zivilisation handelt es sich um eine Hand voll Nachkommen von Überlebenden, zusammengerottet in einer winzigen Kolonie, deren Hauptziel im Leben es zu sein scheint, die Generatoren und somit das Flutlicht am Laufen zu halten, das die ganze Nacht hindurch brennen muss, denn in der Dunkelheit lauern die Virals – die Befallenen – und sie sind hungrig. Die Virals sind wahnsinnig gruselig, vor allen die mächtigen Erstinfizierten haben mir mehr als nur einmal die Haare zu Berge stehen lassen – in einer Welt, in der solche Wesen hausen möchte man wirklich nicht leben müssen.
Man möchte aber unbedingt darüber lesen, denn es ist eine wahnsinnig trostlose Zukunft, die Justin Cronin hier detailverliebt auf hunderten Seiten entwirft, und gerade das macht das Buch so gut. In einer anderen Rezension habe ich die Worte „episch, voller Grauen und Melancholie“ gelesen, und besser könnte ich „Der Übergang“ eigentlich auch nicht beschreiben. Es ist düster und mitreißend und obwohl die Welt der Protagonisten so klein und grau geworden ist, so will man doch, dass sie ihnen erhalten bleibt.
Zu den Charakteren hatte ich sehr unterschiedliche Beziehungen. Zu vielen – vor allem denen, um die es vor der Katastrophe geht, denn hier wurden sogar Nebencharaktere vielschichtig und wahnsinnig plastisch gestaltet – konnte ich sofort einen Bezug aufbauen, andere – vor allem die Menschen, die in der Zukunft leben – sind mir während des Lesens hingegen oft eher blass erschienen. Egal waren sie mir zwar absolut nicht, aber sie sind mir doch eher fremd geblieben. Woran das genau lag kann ich gar nicht genau sagen – vielleicht liegt es aber daran, dass Justin Cronin seine Überlebenden wirklich überzeugend geschrieben hat und sie deshalb auf eine Weise fokusiert aufs immer Weitermachen und einfach nur Überleben sind, die mir schlichtweg fremd ist.
Vielleicht gewinnen seine Figuren aber auch in den nächsten beiden Bänden noch an Tiefe – denn generell schreibt er seine Charaktere ja wohl sehr überzeugend. Ich hoffe es, denn dieser kleine Punkt ist es im Grunde, der mich davon abhält, „Der Übergang“ volle fünf Sterne zu geben – wären alle Charaktere so gut geschrieben und dadurch so lebensecht wie manche es sind, dann würde ich nämlich schon auf der Straße stehen und Freiexemplare verteilen, nur damit jeder diesen wunderbaren dicken Wälzer liest.

Was ich mit meinem ellenlangen Geschwafel eigentlich sagen will ist, dass mir das Buch wirklich gut gefallen hat. Es baut sich langsam auf und nimmt dann zum Ende hin immer mehr an Geschwindigkeit und Spannung auf, sodass ich es wirklich kaum mehr aus der Hand legen konnte.
Es ist ein gewaltiger, düsterer, postapokalyptischer Epos und obwohl im Buch stehts von Vampiren die Rede ist erinnern die Befallenen in ihrer Art doch eher an Zombies. Wer mit sowas also gar nichts anfangen kann, der sollte um dieses Buch lieber einen großen Bogen machen – auf alle anderen wartet hier auf über tausend Seiten ein richtiger Schatz. Ich für meinen Teil habe den zweiten Band jedenfalls schon begonnen!

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