Rezension

Die Mitte der Welt

von Andreas Steinhöfel

Carlsen Verlag, 460 Seiten

Preis: 9,99€

Inhalt

Der siebzehnjährige Phil ist auf der Suche. So wenig er über seine Vergangenheit weiß, so chaotisch ist seine Gegenwart.
Da ist zum Beispiel seine Mutter Glass mit ihren ständig wechselnden Liebhabern, die in der Erziehung schon immer eher auf Freiheit als auf Anleitung gesetzt hat. Oder seine Zwillingsschwester Dianne, schroff und eigenwillig, mit Geheimnissen, die sie längst nicht mehr mit Phil teilt. Oder Annie, die verrückte Alte mit den roten Schuhen, die sich ausschließlich von Kirschlikör zu ernähren scheint und Nicholas, der Unerreichbare, in den sich Phil unsterblich verliebt hat.
Phil sehnt sich nach Orientierung und Perspektiven. Und vor allem danach, endlich seinen Platz in der Welt zu finden…

Meine Meinung

Ich habe „Die Mitte der Welt“ vor Ewigkeiten einmal bei einer reBuy-Bestellung mit bestellt. Ich hatte eigentlich noch nie etwas von dem Buch gehört, aber es war nicht teuer und mir haben noch ein paar Euro Warenwert gefehlt, um die Versandkosten, die darauf anfallen würden, vor mir selbst rechtfertigen zu können, außerdem versprach der Klappentext eine queere Romanze, was ich immer gut finde, also habe ich es einfach mit in den Einkaufswagen gelegt.
Wie das bei Büchern, die man nur mal eben irgendwo mitnimmt, oft so ist, habe ich es anschließend in mein Regal verfrachtet und einfach nie wieder daran gedacht – bis letzten Monat, als ich plötzlich unheimliche Lust hatte, „Die Mitte der Welt“ zu lesen.

Und was soll ich sagen? Ich habe das Buch geliebt wie schon lange keines mehr. Von der ersten Zeile an war komplett gefesselt. Ich musste mich zwischendurch wirklich zwingen, Pausen einzulegen, denn sonst hätte ich es komplett an einem Tag durchgelesen, und das wollte ich nicht, denn dafür hat es mir zu sehr gefallen – ich wollte einfach nicht, dass es gar so schnell vorbei ist.
Der Schreibstil ist wunderschön. Wie aus einem Märchen umfangen einen Andreas Steinhöfels Worte und tragen einen wolkengleich durch die Geschichte. Es gibt Autoren, die ihre Sprache dazu verwenden, eine Geschichte zu erzählen, und es gibt Autoren, die daraus ein ganzes Universum weben – Steinhöfel gehört eindeutig zur zweiten Sorte. Mit den schönsten Bildern, einfühlsam und doch direkt, verschnörkelt aber ohne einen Hauch von Kitsch erschafft er die Welt des siebzehnjährigen Phils, der mit seiner Mutter und seiner Schwester in der abgelegenen, baufälligen und doch wunderschön geheimnisvollen Villa „Visible“ wie in einer eigenen kleinen Welt lebt – weit weg von den einheimischen Dorfbewohnern, die die Familie auch nach fast 20 Jahren immer noch nicht als eine der ihren akzeptiert haben.
Wenn mich jemand fragen würde, worum es in dem Buch eigentlich geht, so könnte ich es gar nicht so genau auf den Punkt bringen. Der Klappentext schafft es nicht wirklich, und ich wohl auch nicht so richtig – es geht um eine magische Kindheit und ums Erwachsenwerden, um Geheimnisse, um Kälte und Entfremdung, und auch darum, wie es ist, zum ersten Mal verliebt zu sein – irgendwo zwischen einer Mutter, die diese Liebe bedingungslos akzeptiert, und einer konservativen Dorfgemeinschaft, die noch lange nicht so weit ist. Es geht um Leben, um Tod, um Verlust, um die endlose Suche eines jeden Einzelnen nach sich selbst und die ewige Frage, was es denn eigentlich bedeutet, normal zu sein, und ob diese Normalität überhaupt etwas erstrebenswertes ist.
Und allem voran geht es einfach um Phil – der ruhige, sanfte, liebenswerte und doch so absolut nicht perfekte Phil, der sich nicht groß darum kümmert, was andere von ihm denken, und der das Leben lieber von der Seitenlinie aus beobachtet, statt tatsächlich daran teilzuhaben.
„Die Mitte der Welt“ lässt sich nicht in ein paar Sätzen zusammenfassen und das ist genau das, was das Buch so toll macht – es ist zu groß, zu vielschichtig, man muss es einfach lesen, um es in seiner Gänze erfassen zu können. Es ist ein Buch, in dem wahnsinnig viele verschiedene Fäden zusammenlaufen, sich irgendwo in der Mitte für einen Moment verknoten, und sich dann wieder voneinander fortbewegen, jeder in seine eigene Richtung. Ein Buch, in dem viele Fragen gestellt aber bei weitem nicht alle beantwortet werden, weil das irgendwie den Zauber zerstören würde.

„Die Mitte der Welt“ ist so viel mehr als einfach nur ein Coming of Age Roman, als einfach nur ein Jugendbuch mit einem schwulen Protagonisten oder nur ein weiteres Buch über die erste große Liebe. Es ist magisch, es ist feministisch, klug und mutig, und es besticht mit einem Haufen fantastischer Charaktere, die einen einfach nicht mehr loslassen.
Ich weiß jetzt schon, dass es eines meiner liebsten Bücher dieses Jahres sein wird, und auch, dass ich es vielleicht zum ersten, mit Sicherheit aber nicht zum letzten Mal gelesen habe. „Die Mitte der Welt“ ist eines der wenigen Bücher, die sich von der ersten Seite an einen permanenten Platz in meinem kleinen Leserherz gebaut haben, und ich bin schlicht und ergreifend unheimlich froh, es gelesen zu haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.