Rezension

Die Wand

von Marlen Haushofer

List Verlag, 276 Seiten

Preis: 8,95€

Inhalt

Eine Frau will mit ihrer Kusine und deren Mann ein paar Tage in einem Jagdhaus in den Bergen verbringen. Nach der Ankunft unternimmt das Paar noch einen Gang ins nächste Dorf und kehrt nicht mehr zurück. Am nächsten Morgen stößt die Frau auf eine unüberwindbare Wand – und hinter dieser Wand scheint alles Leben erloschen. Abgeschlossen von der übrigen Welt, richtet sie sich inmittten ihres engumgrenzten Stücks Natur und umgeben von einigen zugelaufenen Tieren aufs Überleben ein.

Meine Meinung

Obwohl „Die Wand“ bereits 1963 veröffentlicht wurde, und somit wirklich kein unbedingt neues Buch ist, hatte ich noch nie etwas davon gehört, bis es innerhalb meines kleinen lesebegeisterten Social Media Kreises im Laufe des letzten Jahres plötzlich durch die Decke ging. Gefühlt jeder schien das Buch zu lesen, zu lieben, und dann sofort weiter zu empfehlen. Klar wurde auch ich da neugierig – und ich muss sagen, die Begeisterung rund um Marlen Haushofers Buch ist absolut berechtigt.

Ich habe „Die Wand“ eigentlich schon gestern beendet, aber obwohl ich am liebsten sofort eine Rezension dazu geschrieben hätte, ist es mir einfach nicht gelungen. Ich war schlicht und ergreifend so absolut überwältigt von dem Buch, dass ich keinen klaren Gedanken dazu mehr zustande gebracht habe – auf diese Art und Weise ist mir das glaube ich bei noch keinem Buch zuvor jemals passiert.
Und das, obwohl in „Die Wand“ nicht einmal besonders viel passiert. Eigentlich verrät der Klappentext tatsächlich bereits den gesamten Inhalt – unsere namenlose Protagonistin findet sich eines Morgens hinter einer unsichtbaren Wand wieder, als – wie es scheint – letzte Überlebende der Menschheit. Sie versucht also, sich innerhalb ihres „Gefängnisses“ ein Leben aufzubauen – ohne andere Menschen, dafür mit einem Hund, einer Kuh und einer alten Katze. „Die Wand“ beschreibt etwa zweieinhalb Jahre, die unsere Protagonistin so verbringt – mit Holz hacken, Heu ernten und Kartoffeln anpflanzen.
Klingt eigentlich nicht besonders spannend, und doch entwickelt das Buch einen Sog, aus dem man sich nur noch mit Mühe befreien kann – und auch das habe ich nur geschafft, wenn ich so absolut überwältigt von der Geschichte war, dass ich einfach nicht mehr weiterlesen konnte. Weil es eben nicht nur darum geht, wie oft die Kuh gemolken wird, oder wann im Wald die Brunftzeit beginnt, sondern um das Leben selbst – um Erinnerung, um die Gesellschaft und deren Regeln und darum, Loszulassen. Es geht um (vermeintliche) Freiheit und worin diese eigentlich liegt, darum, was es bedeutet, Mensch zu sein – und was davon noch wichtig ist, wenn es sonst keine Menschen mehr gibt.
„Die Wand“ ist absolut berauschend, schön und schrecklick zugleich, ruhig und doch so spannend. Es ist nachdenklich, ohne prätentiös zu werden, vielschichtig, atmospährisch, ergreifend und einfach so, so, so viel größer, als es seine geringe Seitenzahl oder eine bloße Zusammenfassung des Inhalts vermuten lassen. Es ist ein Buch, das nicht nur zum Nachdenken anregt, sondern den Leser selbst verändert – ich hatte beim Lesen das Gefühl, gemeinsam mit der Protagonistin nach und nach meine Menschlichkeit abzulegen und sie gleichzeitig gerade dadurch wiederzufinden.

Ganz gesetzt hat sich „Die Wand“ bei mir immer noch nicht, aber ich glaube jetzt schon zu wissen, dass es ein Buch ist, an das ich auch in sehr langer Zeit noch immer wieder mal denken werde – vielleicht also sogar eines, das sich nie so ganz setzen wird. Auf jeden Fall kann ich das Buch wirklich nur empfehlen! Schon lange hat mich kein Buch mehr auf so wenigen Seiten so begeistert.

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