Rezension

Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch

von Alexander Solschenizyn

Originaltitel: Один день Ивана Денисовича / Odin den' Ivana Denisoviča

Bertelsmann Verlag, 158 Seiten

Preis: Gebunden: ab 4,99€, TB: ab 9,99€, eBook: 9,99€

Inhalt

Dreitausendsechshundertdreiundfünfzig Tage wird S 854 in Haft verbringen – Tage, die bestimmt sind von einem kaum zu bewältigenden Arbeitspensum, von Hunger und Entbehrung. Von einem dieser Tage in einem der Lager des Gulag handelt Alexander Solschenizyns Erzählung. Vom Weckruf bis zum Löschen des Lichts beschreibt er den Alltag von Iwan Denissowitsch, schildert die Sorgen und Nöte des Inhaftierten – keine Grausamkeiten, sondern die täglichen Schikanen, aber auch die Freude über fünf Minuten Ruhe oder über eine Schüssel Suppe.

Meine Meinung

Ich habe fünf von Alexander Solschenizyns Büchern in meinem Regal stehen, die ich alle von meiner Mama bekommen und von denen ich mich bisher an keines herangewagt habe. Im Rahmen der #RussianReadingChallenge habe ich mir jetzt aber doch einen Ruck gegeben und mit „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ den Anfang gemacht!

Die Erzählung berichtet über einen Tag des Lagerinsassens Iwan Denissowitsch Schuchow, der den Großteil seiner 10 Haftjahre bereits abgesessen hat – über keinen außergewöhnlich schlechten, vielmehr wohl sogar einen außergewöhnlich guten Tag, und genau das ist es, was das Ganze so eindringlich und beklemmenend macht.
Auf nur etwa 150 Seiten beschreibt Solschenizyn – der als Systemkritiker übrigens selbst acht Jahre seines Lebens in sovjetischen Arbeitslagern verbrachte – diesen Tag, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen Schuchows. Was zunächst noch sehr weit weg erscheint entfaltet dabei – beinahe, ohne dass man es merkt – schon bald Schicht für Schicht den vollen Umfang seiner Trost- und Hoffnungslosigkeit. Seite um Seite wird einem immer mehr und immer tiefer bewusst, dass die geschilderten Bedingungen und Ereignisse nicht bloß vergangene, fast theoretisch anmutende Geschichte sind – die Westeuropäern im Vergleich mit den deutschen Konzentrationslagern vielleicht ohnehin gar nicht so außergewöhnlich schlimm erscheinen – sondern, dass tatsächlich reale, lebendige Menschen unter ihnen leiden mussten.
Hunger, Kälte und Perspektivlosigkeit sind es, die den Alltag der Häftlinge im Gulag dominieren – und doch ist „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ kein aufrührendes, Unrecht verurteilendes, nach Veränderung rufendes Buch. Im Grunde ist es, wenn man die Thematik bedenkt, auf den ersten Blick nicht einmal besonders deprimierend – es gibt keine Toten, keine allzu grausamen Aufseher oder Misshandlungen, und tatsächlich ist der Protagonist bis auf einen kleinen Kommentar an der ein- oder anderen Stelle meist schlichtweg zu fokussiert auf das, was er gerade tut, um sich großartig mit der grauen Tristesse und der Unmenschlichkeit seines Lebens zu beschäftigen. Gerade Schuchows Akzeptanz seiner Lage ist es jedoch, die eben diese Gedanken umso lauter erklingen lassen.

„Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ geht unter die Haut. Es ist ein schmerzhaft ehrliches Abbild sovjetischer Gulags, das gerade deshalb so erschreckend ist, weil es sich schlicht und ergreifend wirklich keine besondere Mühe gibt, erschreckend zu sein. Es ist ein Buch, das auch lange, nachdem man es zur Seite gelegt hat. noch in einem wirkt – und eines, bei dem ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich tatsächlich die richtigen Worte dafür finden kann. Solschenizyn jedenfalls ist ein Meister seines Fachs und ich hoffe wirklich, schon bald noch mehr von ihm zu lesen!

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