Rezension

Früchte des Zorns

von John Steinbeck

Originaltitel: The Grapes of Wrath

dtv Verlag, 531 Seiten

Preis: 12,90€

Inhalt

„Ja nimm’s nur – nimm den ganzen Lumpenkram – und gib mir fünf Dollar. Du kaufst nicht nur Lumpenkram, du kaufst auch zerlumpte Leben. Und noch mehr – wirst’s schon sehen -, du kaufst den Kummer und die ganze Bitterkeit. Du kaufst ’nen Pflug und pflügst deine eigenen Kinder unter, du kaufst den Geist und die Waffen, die dich hätten retten können. Fünf Dollars, nicht vier. Ich kann ja nichts machen. Also, nimm sie schon für vier. Aber ich warne dich, du kaufst was, womit du deine eigenen Kinder unterpflügst. Und du siehst’s nicht. Du kannst’s nicht sehen.“

Als nach einer längeren Dürre die Farmerfamilie Joad in Oklahoma ihre Schuldzinsen nicht mehr bezahlen kann, wird sie von den Grundbesitzern von ihrem Land vertrieben. Auf Handzettel hin, auf denen gut bezahlte Arbeit als Landarbeiter in Kalifornien versprochen wird, macht sich die Familie wie hunderttausend andere mit einem schrottreifen Lastwagen durch Hitze und Staub auf den Weg nach Westen, in das Land der blühenden Orangen. Doch anstelle von Pfirsichen und Trauben warten auf sie auch hier Hunger und Armut, Dreck, Angst, Wut und die Macht der Großgrundbesitzer.

Meine Meinung

Ich habe „Früchte des Zorns“ schon vor ein oder zwei Jahren zum Geburtstag und – da es ihr Lieblingsbuch ist – auch schon oft von meiner Mutter empfohlen bekommen. Ich bin wahnsinnig froh, endlich dazu gekommen zu sein, dieses großartige Buch zu lesen, und ärgere mich um ehrlich zu ein ein wenig, es nicht schon früher getan zu haben.

Obwohl ich am Anfang leichte Schwierigkeiten hatte, mich richtig in die Zeit einzufühlen – ich hatte bisher noch nie etwas über die Große Depression, oder generell viel aus den 30er-Jahren gelesen – hat „Früchte des Zorns“ mich von Anfang an in seinen Bann gezogen. Mit einer Energie, die man nur selten in einem Buch findet, erzählt Steinbeck die Geschichte von tausenden Familien, die nach der Wirtschaftskrise ihre Heimat verlieren, alles, was sie nicht tragen können, zurücklassen und sich auf in den Westen machen, in der Hoffnung, dass dort zumindest ihre Kinder nicht verhungern werden. Die Verzweiflung, Angst und Wut der Figuren wird von der ersten Seite an zu der des Lesers – man möchte schreien, man möchte weinen angesichsts von so viel Leid und Ungerechtigkeit, und ist doch ebenso machtlos wie jeder Farmer innerhalb des Buches, dessen Land von den maroden Banken aufgekauft wurde.
Dieser Eindruck wird dadurch noch verstärkt, dass man einfach jede Figur in diesem Buch auf kurz oder lang ins Herz schließt. Sei es nun die Familie Joads selbst, mit Vater, Mutter, den Großeltern, den erwachsenen Söhnen Noah, Tom und Al, den Kindern Ruthie und Winfield sowie der schwangeren Tochter Rosasharn und ihrem Mann Connie, oder eine der vielen Nebenfiguren, die sie auf ihrer Reise nach Kalifornien ein Stück weit begleiten, man wünscht ihnen allen aus vollem Herzen ein Happy End. Alle Charaktere sind unheimlich gut ausgearbeitet, jeder hat seine eigene Art, keiner ist dabei besser als der andere und jeder ist auf seine Weise wichtig – genauso wie es im realen Leben eben auch ist. Besonders Tom – den ich interessanterweise auf den ersten paar Seiten übrigens unheimlich unangenehm fand – und seine Mutter, die eigentliche Führerin der Familie, sind mir beim Lesen besonders ans Herz gewachsen.
Auch geschrieben ist „Früchte des Zorns“ einfach nur fantastisch. Ich wollte so viele Sätze markieren, dass ich mir ernsthaft überlege, mir vielleicht noch eine zweite Ausgabe des Buches zuzulegen, nur um das ohne schlechtes Gewissen tun zu können. Teilweise wie ein Bibelgleichnis anmutend und voller scharfer Kapitalismuskritik beschreibt Steinbeck die Zustände der damaligen Zeit in all ihrer Schrecklichkeit, und findet dabei einfach jedes Mal genau den Ton, den es braucht, um einen mitten ins Herz zu treffen – immer und immer wieder. Ich habe wirklich selten ein Buch gelesen, das so schnörkellos und gleichzeitig so tiefschürfend und vielschichtig geschrieben war wie dieses.
Es ist außerdem ein unheimlich spannendes Buch und liest sich deshalb auch wahnsinnig schnell – obwohl die Schrift meiner Ausgabe wirklich nicht besonders groß war, sind die Seiten nur so dahingeflogen, weil ich es einfach nicht aus der Hand legen konnte. Ich hätte erwartet, viel länger für diesen doch recht harten Tobak zu brauchen, aber wäre mir nicht noch ein bisschen Uni-Stress dazwischen gekommen hätte ich das Buch sicherlich in zwei, drei Tagen durch gehabt.

Kurzum – ich habe „Früchte des Zorns“ geliebt. Wirklich einfach nur geliebt – es ist definitiv ein neues Lieblingsbuch. Schon lange wurde ich von keinem Buch mehr so mitgerissen, ich habe wirklich das Gefühl, als hätte ich die beschwerliche Reise quer durch Amerika zusammen mit den Joads gemacht. Die Charaktere werden mir sicherlich noch lange in Erinnerung bleiben und auch über das Ende – wohl eines der seltsamsten und grandiosesten Enden der gesamten Literaturgeschichte – werde ich noch eine Weile nachdenken müssen. Ich freue mich jetzt schon darauf, „Früchte des Zorns“ irgendwann noch einmal zu lesen, und es wird bestimmt auch nicht mein letztes Steinbeck-Buch gewesen sein. Große Leseempfehlung!

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