Rezension

Ich gebe dir die Sonne

von Jandy Nelson

Originaltitel: I'll Give You the Sun

Cbt Verlag, 474 Seiten

Preis: 17,99€

Inhalt

Jude und ihr Zwillingsbruder Noah sind NoahundJude – unzertrennlich, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten.. Noah malt ununterbrochen und verliebt sich Hals über Kopf in den neuen, faszinierenden Jungen von nebenan, während Draufgängerin Jude knallroten Lippenstift entdeckt, in ihrer Freizeit Kopfsprünge von den Klippen macht und für zwei redet.
Ein paar Jahre später sprechen die Zwillinge kaum ein Wort miteinander. Etwas ist passiert, das die beiden auf unterschiedliche Art verändert und ihre Welt zerstört hat. Doch dann trifft Jude einen wilden, unwiderstehlichen Jungen und einen geheimnisvollen, charismatischen Künstler. Und vielleicht findet sie so auch endlich den Mut, darüber zu sprechen, was geschehen ist…

Meine Meinung

“Ich gebe dir die Sonne” ist eines dieser Bücher, die jeder zu lieben scheint, und ich habe es schon ewig auf dem Radar. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich entdeckt habe, dass es dieses Jahr auch endlich auf deutsch veröffentlicht wird, und das als Anlass genommen, das Buch tatsächlich endlich zu lesen.

Und ich muss sagen, ich bin wirklich froh darüber. “Ich gebe dir die Sonne” ist ein ganz besonderes Jugendbuch. Bücher mit dieser Zielgruppe haben es seit Jahren immer schwerer damit, mich wirklich zu begeistern – oft kann ich mich mit den jugendlichen Protagonisten und ihren Problemen nicht mehr wirklich identifizieren und ihre Geschichten lassen mich deshalb immer häufiger eher kalt, aber bei diesem war das anders.
Gefühlvoll und unheimlich stark erzählt Jandy Nelson hier die Geschichte von Noah und Jude, den beiden Zwillingen, die sich vor nur zwei Jahren noch so nahe standen und jetzt im Grunde Fremde füreinander sind. Schicht für Schicht wird enthüllt, was es war, das dazu geführt hat, dass die Beiden sich so fremd geworden sind – besonders interessant wird das dadurch, dass das Buch dabei nicht nur zwischen Noahs und Judes Sicht, sondern auch zwischen „davor“ und „danach“ hin und her springt.
Beide Protagonisten wachsen einem dabei wahnsinnig schnell ans Herz. Sie sind so unterschiedlich und sich doch so ähnlich, und man kann einfach nicht anders, als sie alle beide zu lieben – den stillen, ängstlichen, stets zweifelnden Noah genauso sehr wie die wütende, laute und doch in sich gekehrte Jude.
Ich fand es beeindruckend, wie geschickt Nelson dabei die Gefühle der Zwillinge beleuchtet – ihre Sprache ist so bildhaft, dass sie einen direkt ins Herz zu treffen scheint. Teilweise war ich so überwältigt davon, dass ich beim Lesen am liebsten eine Pause eingelegt hätte, um das Ganze erstmal ein wenig zu verarbeiten, aber ich konnte das Buch einfach nicht aus der Hand legen.
Außerdem wirklich interessant ist es, wie Jandy Nelson Jugend- und Umgangssprache in ihren Schreibstil einfließen lässt. Normalerweise stört es mich eher, wenn Bücher auf diese Art geschrieben werden, weil es dadurch schnell lächerlich und unreif wirkt – nicht so aber bei “Ich gebe dir die Sonne”. Hier findet die Autorin die perfekte Balance aus flapsigen Redewendungen und tiefschürfenden Gedankengängen, die gerade dadurch noch realer und wichtiger wirken. Es passt einfach.
Warum gebe ich hier also keine vollen fünf Punkte? Nun, vor allem wegen dem Ende. Nachdem „Ich gebe dir die Sonne“ mich 400 Seiten lang mit seinem Sturm aus starken, klaren, wunderschön passenden, hässlich schmerzhaften und vor allem wahnsinnig durchdringenden Emotionen begeistert hat, wurde ich plötzlich mit diesem lauen, viel zu einfachen und deshalb fast schon langweiligen Ende konfrontriert. Sowas ist natürlich immer Geschmackssache, aber nachdem Jandy Nelson ihr Buch so wunderbar vielschichtig geschrieben hat, schien es mir auf den letzten Seiten beinahe so, als hätte sie schlichtweg keine Lust mehr gehabt und das Buch nur schnell zu Ende bringen wollen. Es ist zu viel, zu einfach, und irgendwie auch einfach zu ungeschickt ausgeführt – wirklich, wirklich schade.

Alles in Allem ist “Ich gebe dir die Sonne” also ein wirklich gutes Jugendbuch. Es war stark und mitreißend, emotional, tiefschürfend, vielschichtig, manchmal fast schmerzhaft real. Ich bin wirklich froh, es gelesen zu haben, und verstehe absolut, warum so viele Menschen es zu ihren Lieblingsbüchern zählen – wenn nur das Ende noch etwas anders, etwas kräftiger, etwas durchdachter gewesen wäre, dann würde ich das bestimmt auch tun. Eine Empfehlung gibt es von mir aber allemal!

Einen etwas ungewöhnlichen Nachtrag habe ich noch: Wer „Ich gebe dir die Sonne“ mochte, dem möchte ich außerdem den Roman „Die Mitte der Welt“ von Andreas Steinhöfel ans Herz legen. Wenn man ein wenig in die Tiefe geht gleichen sich die Bücher eigentlich gar nicht mehr so sehr, aber zumindest oberflächlich sind sie sich ähnlich genug, dass ich sie beim Lesen von „Ich gebe dir die Sonne“ oft miteinander vergleichen musste. Ich mochte beide sehr gerne und bin mir sicher, wem „Ich gebe dir die Sonne“ gefallen hat, der wird auch „Die Mitte der Welt“ mögen!

Ich habe “Ich gebe die Sonne” als kostenloses Rezensionsexemplar erhalten. Vielen Dank dafür an den cbt-Verlag!

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