Rezension

Kafka am Strand

von Haruki Murakami

Originaltitel: 海辺のカフカ (Umibe no Kafuka)

btb Verlag, 637 Seiten

Preis: 11,99€

Inhalt

Der 15-jährige Kafka Tamura reißt von zu Hause aus und flüchtet vor einer düsteren Prophezeiung seines Vaters auf die Insel Shikoku. Seine abenteuerliche Reise führt ihn in eine fremde Stadt, wo er der faszinierenden Bibliotheksleiterin Saeki begegnet und ihr verfällt. Der alte, seit einem Unfall als Kind geistesschwache Nakata kann mit Katzen sprechen und glaubt nun, in einen Mordfall verwickelt zu sein – auch er flieht aus Tokyo und gleitet genau wie Kafka ab in eine fremde, seltsame Welt.

Was ist Traum, was ist Wirklichkeit? Wo endet diese Reise voller rätselhafter Begegnungen und labyrinthischer Wege? Mit gewohnt leichter Hand entwirft Murakami eine seiner surrealen, süchtig machenden Traumwelten.

Meine Meinung

„Kafka am Strand“ ist mein zweites Buch von Haruki Murakami. Ich habe mir den Inhalt vor dem Kauf ehrlich gesagt nicht einmal durchgelesen sondern einfach das erstbeste ausgewählt – nachdem ich „Naokos Lächeln“ vor ein paar Monaten so wahnsinnig geliebt habe wusste ich, dass Murakami mich nicht nur ohnehin nicht enttäuschen würde, sondern auch, dass seine Romane sich nur sehr schwer auf einem Klappentext zusammenfassen lassen. Ich wollte mich also nicht durch eine Zusammenfassung, die dem Buch vermutlich gar nicht gerecht wird, beinflussen lassen, sondern mich einfach voll und ganz auf das Unbekannte einlassen.

Umso erstaunter war ich dann, als ich feststellte, dass „Kafka am Strand“ so gar nicht wie „Naokos Lächeln“ ist. Statt dem ganz Gewöhnlichen durch genaue Betrachtung seine Magie einzuhauchen schafft Murakami eine (wie es auf ebenjenem Klappentext, den ich nicht gelesen habe, so schön heißt) surreale Traumwelt, bevölkert von Kreaturen, die nicht sind, Geistern, kryptischen Prophezeihungen, Sardinen, die vom Himmel fallen, und Steinen, die ihr Wesen ändern – also genau das, wofür er eigentlich bekannt ist. Obwohl beide Bücher sich in dieser Hinsicht so stark unterscheiden war ich von Anfang an gefesselt – Murakamis Werke entwickeln einfach einen Sog, dem man sich nicht mehr entziehen kann, sobald man nur einmal angefangen hat, zu lesen.
Ich fand es sehr spannend, sowohl Kafka Tamuras als auch Nakatas Geschichte zu verfolgen, zuerst noch ohne zu wissen, ob und wie sie sich jemals treffen würden, und obwohl beide Handlungsstränge die meiste Zeit über sehr ruhig sind habe ich mich beim Lesen keine Sekunde gelangweilt.
Die meisten Charaktere des Romans sind auf ihre Weise schwierige Figuren, und ich denke, sie hätten sehr schnell anstrengend werden können – wurden sie aber nicht. Nakata, der nicht lesen, schreiben oder Bahn fahren kann, dafür aber mit Katzen spricht und seinen eigenen mysthischen Eingebungen folgt, sowie auch den Bibliothekar Oshino habe ich sofort ins Herz geschlossen. Kafka mit seinem jugendlichen, oft sehr sexualisiertem Blick auf die Welt, und Nakatas abgestumpfter Freund Hoshino hingegen sind Figuren, die mir bei jedem anderen Autor wohl auf die Nerven gegangen wäre – nicht aber hier. Auch wenn ich das ein- oder andere Mal den Kopf über sie schütteln musste, so sind sie mir doch ans Herz gewachsen. Sie alle werden mit einer unglaublichen Tiefe dargestellt – nur bei den weiblichen Figuren hapert es da leider manchmal, sodass mir weder Saeki noch Sakura besonders im Gedächtnis geblieben sind.
Wo wir schon bei den Figuren sind will ich außerdem anmerken, dass ich sehr überrascht war, in Murakamis Buch einen schwulen trans Charakter anzutreffen, der – auch wenn in dieser Hinsicht nicht alles immer ganz perfekt dargestellt wird – von absolut jedem in seiner Umgebung fraglos genau so akzeptiert wird, wie er ist. Auch fand ich es schön, dass der geistig behinderte Nakata zu keinem Zeitpunkt als lächerlich dargestellt oder zum bloßen comic relief degradiert wurde.
„Kafka am Strand“ ist ein seltsames Buch, und das meine ich im allerpositivsten Sinne. Die melancholischen, philosophischen Töne, die es anschlägt, scheinen auf den ersten Blick so gar nicht zu den teilweise wirklich skurrilen Geschehnissen des Romans zu passen – und doch verwebt Murakami beide Seiten perfekt miteinander und schafft so ein wirklich einzigartiges Buch. Ein Buch, das man, nachdem man es fertig gelesen hat, erstmal ein paar Minuten stumm in der Hand hält – um dann zu seinem Handy zu greifen und zu googeln, was dieses und jenes denn nun eigentlich bedeutet hat. Ein Buch, bei dem man froh ist, keine Antworten auf diese Fragen zu finden, weil man im Grunde weiß, dass es keine gibt – dass alles, was man daraus mitnimmt, von einem selbst kommen muss.

Kurzum – ich habe „Kafka am Strand“ wahnsinnig gerne gelesen und bin unheimlich froh, mich dieses Jahr endlich an Haruki Murakamis Bücher herangetraut zu haben! Er ist ein fantastischer Autor, der die vielfältigsten Geschichten auf ganz besondere Art und Weise erzählt, und ich bin jetzt schon gespannt, was ich als nächstes von ihm lesen werde.

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