Rezension

Kernstaub

von Marie Graßhoff

Drachenmond Verlag, 974 Seiten

Preis: 19,90€

Inhalt

Mara ist Kernstaub – ein Störfaktor, so alt wie die Welt selbst, ein Fehler, der das gesamte Universum aus dem Gleichgewicht und alles in ihm in Gefahr bringt. Durch den Mord an ihr wollen die Wächter des ewigen Systems den Weg aller Seelen zur Perfektion ebnen – bereits seit Hunderten von Leben flieht Mara vor ihnen, nur erinnert sie sich daran in ihrem jetzigen Dasein nicht. Doch als die Wächter sie erneut aufspüren, um sie aus dem Kreislauf der Wiedergeburten zu tilgen, verschiebt sich das Gleichgewicht der Dimensionen: Uralte Erinnerungen kehren zurück, eine längst vergessene Liebe erwacht von Neuem und Kriege spalten den Planeten.

Und über allem schwebt die Frage: Wenn die ganze Welt dich hasst, würdest du dich trotzdem für sie opfern?

Meine Meinung

Ich weiß gar nicht so recht, wie ich meine Rezension zu diesem gigantischen Werk beginnen soll, weil es einfach so unheimlich groß ist – nicht nur gemessen an seinem Umfang, sondern auch an der Zeit, die es bereits in meinem Leben verbringt, auch wenn sich das vielleicht seltsam anhört, wenn man bedenkt, dass ich es jetzt tatsächlich zum allerersten Mal komplett gelesen habe. Es ist schon so viele Jahre her, dass ich wie verzaubert vor meinem Bildschirm gesessen und den Prolog zum ersten Mal gelesen habe – damals noch in Pooly’s Kunst und Schreibforum, in dem ich große Teile meiner Jugend verbracht habe. Seitdem habe ich immer mal wieder damit angefangen, „Kernstaub“ zu lesen, und habe es dann doch nie über die ersten paar Kapitel hinausgeschafft – nicht, weil es mir nicht gefallen hätte, sondern vor allem, weil die Seitenzahl mich doch sehr eingeschüchtert hat, weshalb ich es dann immer wieder beiseite gelegt und auf später verschoben habe. Zudem hatte sich in mir im Laufe der Zeit eine unglaubliche Erwartungshaltung an das Buch angestaut – ich hatte fast das Gefühl, es wäre unfair von mir, den Roman mit solchen Gefühlen zu beginnen, weil er mich im Grunde fast enttäuschen musste. Nun, was das angeht lag ich definitiv falsch – darum lasst mich euch ein wenig über dieses wunderbare Buch erzählen!

„Kernstaub“ ist, wie man wohl erwarten kann, in jeder Hinsicht umfangreich, und das auf die beste Weise. Wer mit dicken Schinken überhaupt nichts anfangen kann und lieber schnelle Bücher liest, in denen sich an einem Band actionreiche Szenen und schlagfertige Dialoge jagen und bei denen man im Grunde von Anfang an weiß, wo das Ganze hingehen soll, der ist hier auf jeden Fall an der falschen Adresse. Wer es aber wie ich liebt, wirklich in einem Roman zu versinken, die Entwicklung seiner Figuren auf hunderten von Seiten mitzuverfolgen und Schicht um Schicht nicht nur immer tiefer in seine unheimlich detailreiche Welt einzutauchen, sondern auch zu beobachten, wie die Geschichte sich erst nach und nach richtig entfaltet, für den ist „Kernstaub“ genau das richtige – gelangweilt habe ich mich auf jeden Fall keine Sekunde lang.
Man kommt vor allem den Charakteren auf diese Weise unheimlich nahe, die man so auf sehr persönliche Weise kennenlernt, und die alle ebenso komplex sind wie die Welt, die sie umgibt. Tatsächlich hat fast jeder von ihnen sowohl gute als auch so unentschuldbar und gravierend schlechte Seiten, dass man sie kaum in eine Schublade stecken kann – und genau das ist es, was diese Figuren so faszinierend macht. Vor allem Juan, Maras Gegenstück im Seelengefüge des Universums, habe ich im Grunde aus mehr als nur einem Grund wirklich verabscheut – nur um dann immer wieder doch einen Fetzen Sympathie, fast Liebe, durchblitzen zu sehen, der mich selbst verwirrt hat.
Das Buch ist auf so ziemlich jede nur erdenklichen Weise einfach so groß, dass ich beinahe das Gefühl habe, mehrere Bücher in einem gelesen zu haben – und das, obwohl es sich hierbei nur um Teil eins der insgesamt sechsbändien Reihe handelt. Umhüllt von der wunderschönen, sehr bildreichen und außerdem auch unheimlich verschachtelten Sprache, die für Marie Graßhoff so typisch ist, wird man in einen wahren Strudel aus Veworrenheiten mitgerissen, die ihren Kern nur langsam, nach und nach offenbaren. Ich dachte, zu wissen, was mich erwartet, als ich begonnen habe, „Kernstaub“ zu lesen, aber ich glaube, das ist schlichtweg unmöglich – denn genau wie für Mara wird die Welt für einen als Leser_in mehr als nur einmal komplett auf den Kopf gestellt.
Es ist ein Buch, das einen durchaus manchmal fordert, weil man einfach ein wenig darüber nachdenken muss. Es ist auch ein Buch, das man nicht unbedingt schnell lesen kann oder muss – ich habe tatsächlich ziemlich genau einen Monat dafür gebraucht, was für mich auch bei knapp eintausend Seiten wirklich sehr lang ist, aber das war es absolut wert. Es ist ein Buch in das man komplett eintaucht, eines, das man wirklich genießt, und dafür eben nicht unbedingt eines zum kurz zwischendurch lesen.

Was kann ich noch sagen? „Kernstaub“ hat mich wirklich begeistert. Es ist ein derart vielschichtiges, auf wirklich jeder Ebene unheimlich gut durchdachtes Werk – wer gerade nicht zum allerersten Mal von dem Buch hört wird zum Beispiel wissen, dass die jeweils ersten Buchstaben der Kapitelsprüche und Kapitel zusammen einen Satz ergeben – wie man es nur sehr selten findet. Es ist ein Buch, das einen komplett in seine eigene Welt mitnimmt – und auch, wenn es mir durchaus ein- oder zweimal passiert ist, dass ich eine Stelle mehrmals lesen musste, um wirklich alles zu verstehen, so hat mir das Entdecken dieser Welt unheimlich viel Spaß gemacht. Ich bin auf jeden Fall überglücklich, mich nun endlich ganz an „Kernstaub“ herangewagt zu haben und freue mich schon sehr auf den ersten „Weltasche“-Band!

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