Rezension

Lagune

von Nnedi Okorafor

Originaltitel: Lagoon

Cross Cult Verlag, 410 Seiten

Preis: 18,00€

Inhalt

Als ein riesenhaftes, unbekanntes Objekt vor der Küste von Lagos, der größten Stadt Nigerias, landet, und eine fremdartige „Botschafterin“ dem Meer entsteigt, verändert sich alles. Niemand weiß, welche Absichten die Außerirdischen tatsächlich hegen, und schon bald finden drei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten – eine Meeresbiologin, ein Soldat und ein Rapper – sich zusammen, um ihr Land und ihre Welt davor zu bewahren, sich angesichts des Ungewissen selbst zu zerreißen.

Meine Meinung

Ich habe schon viel Lob für Nnedi Okorafors Werke gehört und mich deshalb sehr gefreut, als ich „Lagune“ Anfang diesen Monats in der Bücherei entdeckt habe. Ich habe also sofort begeistert zu lesen begonnen – und wurde erstmal ziemlich enttäuscht, denn zu Beginn konnte ich mich so gar nicht in das Buch einfinden.

Ich glaube, vor allem lag das an der recht einfachen Schreibweise, deren kurze Sätze – beziehungsweise natürlich die deutsche Übersetzung davon – zunächst einmal ziemlich plump auf mich wirkten. Noch dazu kam, dass ich die Außerirdischen zwar sehr interessant fand, die Handlung mir aber relativ ziellos schien, und so habe ich nach etwa 100 Seiten tatsächlich überlegt, das Buch einfach abzubrechen, weil es mich so gar nicht fesseln konnte. Ich bin froh, das nicht getan zu haben, denn zum Ende hin konnte „Lagune“ mich dann doch wirklich begeistern!
Als die Fäden der Geschichte langsam zusammenliefen wurde nicht nur auf einen Schlag alles viel spannender, auch die Charaktere, die zuvor stellenweise ziemlich flach erschienen, wurden definierter und klarer – allerdings muss ich zugeben, dass ich trotzdem kaum jemanden wirklich sympathisch fand. Einerseits war der extrem langsame Anfang zumindest für mich wie gesagt sehr schwierig, andererseits mochte ich es aber sehr, wie viel Nnedi Okorafor sich für den Schluss aufgehoben hat. Es bleibt trotzdem sehr viel offen und viele der Fragen, die sich innerhalb der Geschichte ergeben, werden nicht final geklärt – doch aber genug, um das Ende nicht frustrierend, sondern stattdessen einfach nur interessant zu machen.
Besonders toll und faszinierend fand ich, wie Okorafor nigerianische Mythologie und alte Gottheiten immer mehr mit in das Geschehen hat treten lassen, je mehr die Ereignisse sich überschlugen. Im letzten Drittel entfaltet der Roman einen wirklich ganz fantastischen Sog, und ich konnte mich absolut nicht mehr davon losreißen. Außerdem mochte ich es, aus wie vielen verschiedenen, nicht unbedingt immer menschlichen Perspektiven das Buch erzählt ist, das gibt ihm noch einmal eine ganz andere Tiefe.

„Lagune“ konnte mich also trotz des etwas schwierigen Anfangs, den wir beide miteinander hatten, wirklich begeistern. Mit einer Vielzahl von Stimmen erschafft Okorafor ein buntes, lautes, chaotisches und sehr einzigartiges Werk, dass man so schnell definitiv nicht mehr vergisst!
Vor allem nehme ich davon außerdem mit, dass mein Lesen noch viel mehr Vielfalt benötigt. Dass der Mainstream-Buchmarkt, und damit natürlich auch die Bücher, die ich lese, sehr stark weiß und westlich dominiert ist, war mir natürlich schon vor der Lektüre von „Lagune“ klar – tatsächlich versuche ich ja schon seit Jahren immer wieder, auf verschiedenste Art und Weise vielfältiger zu lesen. Erst jetzt weiß ich jedoch wirklich, wie viele einzigartige, für mich neue Perspektiven ich allein dadurch verpasst habe, dass vor allem Sci-Fi meistens auch USA bedeutet.
Ich habe vor „Lagune“ noch nie ein Sci-Fi Buch gelesen, das in Nigeria oder überhaupt in Afrika spielt, und wenn ich mal darüber nachdenke, dann sieht es auch was Südamerika, Asien (in Japan spielende Bücher weißer, westlicher Autor_inn_en mal ausgenommen) oder gar Australien angeht ziemlich mau aus – höchstens für Europa würden mir vielleicht ein, zwei Titel einfallen und auch diese beschränken sich auf West- und Mitteleuropa. Langfristig gesehen möchte ich das auf jeden Fall ändern und auch in dieser Hinsicht endlich mehr über meinen Tellerrand hinausschauen!

Kommentare

  • Hallo Sarah,

    danke für die tolle Rezension.
    „Lagune“ habe ich noch nicht gelesen, aber dafür manche von Nnedi Okorafors anderen Werken, die mir bis jetzt gut gefallen. Sie arbeitet in ihre Werke häufig nigerianische Mythologie ein. Ich möchte, wie du mehr Fantasy und Science Fiction lesen, das nicht in Europa oder den USA spielt.
    Falls es dich interessiert und du auf Englisch ließt, weise ich dich mal auf das aktuelle Story Bundle hin. Beim Story Bundle stellen immer verschiedenen Autor_innen ihre Werke als E-Books zur Verfügung und man kann die alle zusammen kaufen. Dabei entscheidet man selbst, wie viel Geld man dafür bezahlen möchte. Wegen des Black History Months ist das Thema des aktuellen Storybundles „Black Narratives“ und im Bundle sind zahlreiche Fantasy und SciFi Bücher von schwarzen Autor_innen.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende
    Elisa

    • sacinee | BÜCHERJÄGER

      Hallo Elisa!

      Ich hoffe, vielleicht auch bald noch mehr von Nnedi Okorafor zu lesen – gibt es denn eines ihrer Werke, das du besonders empfehlen kannst? 🙂
      Das Story Bundle klingt total super! Ich habe gerade schonmal reingeschaut und werde mir das „Black Narratives“-Bundle glaube ich heute noch runterladen. Vielen Dank für den tollen Tipp, ich hatte davon wirklich noch nie etwas gehört und bin jetzt total begeistert! 😀

      Liebe Grüße,
      Sarah

  • Hallo Sarah,

    freut mich, dass das Bundle dein Interesse wecken konnte.
    Von Nnedi Okorafor habe ich bisher noch die ersten beiden „Binti“ Novellen und „Wer fürchtet den Tod“ gelesen.
    Die „Bini“ Novellen fand ich ganz okay, aber nicht herausragend. Sie waren gut, aber die Autorin hätte daraus besser einen Roman machen sollen, dann hätte sie die Welt besser erklären und mehr von ihr zeigen können.
    „Wer fürchtet den Tod“ war eines meiner Lesehighlights letztes Jahr, dennoch bin ich mit einer Empfehlung vorsichtig. Es ist ein sehr gutes Buch, aber auch ein sehr hartes Buch. Es enthält unter anderem eine Beschneidungsszene und eine Massenvergewaltigung, die detailliert beschrieben wird. Hinzu kommt, dass die Protagonistin von klein auf stark diskriminiert wird. Es ist ein Buch, das einen wirklich zum nachdenken anregt, aber man muss dafür in der richtigen Stimmung sein.

    In dem Bundle ist auch eine Kurzgeschichtensammlung von Nnedi Okorafor bei. Ich habe die noch nicht gelesen, aber viel gutes darüber gehört. Vielleicht wäre das ja was für dich.

    Liebe Grüße
    Elisa

  • Vielen Dank für diese wunderbare Buchvorstellung eines Genres, das ich noch gar nicht kenne. Es klingt ungewohnt, aber lesenswert, definitiv etwas, das einem aus seiner buchlichen Komfortzone bringt; dafür bin ich immer zu haben.
    Ich hab über das #litnetzwerk-Wochenende hergefunden.
    Liebe Grüße
    Daniela, der Buchvogel

  • Moin,

    ich bin über das #litnetzwerk auf Deinen schönen Blog gestoßen – und ich muss sagen, es gefällt mir richtig gut hier! Folge Dir nun auf Twitter und Instgram.

    Das Buch klingt toll, wandert auf meine Liste! Danke!

    Ich wünsche Dir noch einen wunderschönen Sonntag und morgen einen guten Wochenstart!

    Herzliche Grüße von meinem Lieblingsleseplatz,
    Verena

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