Rezension

Lolita

von Vladimir Nabokov

Bertelsmann Verlag, 446 Seiten

Preis: 11,99€

Inhalt

Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele. Lo-li-ta: Die Zungenspitze macht drei Sprünge den Gaumen hinab und tippt bei Drei gegen die Zähne. Lo. Li. Ta.

Humbert Humbert ist vierzig Jahre alt, ein gebildeter, gutaussehender, frustrierter College-Professor mit deutlich rassistischen und sexistischen Zügen. Und er mag kleine Mädchen – allen voran die zwölfjährige Tochter seiner Vermieterin, Dolores, die er Lolita nennt. Er würde alles tun, um sie zu besitzen und sie sich gefügig zu machen, und schreckt vor keinem Verbrechen zurück, um sein Ziel zu erreichen.

Ist Humbert Humbert verliebt oder geisteskrank? Ein redegewandter Poet oder ein Perverser? Eine gequälte Seele oder ein Monster? Oder schlicht und ergreifend alles davon?

Meine Meinung

Bevor irgendjemand anfängt, diese Rezension zu lesen, der diese Themen nicht gut verträgt, möchte ich euch noch einmal vor Triggern im Bereich von Kindesmissbrauch und Vergewaltigung warnen – zwar bemühe ich mich, meine Rezension nicht allzu graphisch zu gestalten, aber das ist es nunmal, worum es in dem Buch geht. Passt auf euch auf!

Ich habe „Lolita“ schon vor einigen Jahren als Teenager einmal gelesen, und war damals zu gleicher Maßen schockiert und fasziniert von dem Buch. Jetzt habe ich es für ein Seminar an der Uni noch einmal gelesen, und erneut hat das Buch mich begeistert – und mich gleichzeitig nicht nur angeekelt sondern mich auch in noch viel größerem Maße beängstigt als beim ersten Mal.

„Lolita“ ist ein Buch, das beim Lesen wehtut. Weil es darin eben nicht – wie so viele Ausgaben, unter anderem auch meine, es versprechen – um eine Liebesgeschichte geht sondern um den jahrelangen Missbrauch an einem kleinen Mädchen und die systematische Zerrüttung einer Kinderseele – erzählt aus der Sicht von Humbert Humbert, ihrem Peiniger.
Diese Sichtweise ist es vor allem, die das Buch so grausam macht – denn Humbert weiß genau, was er mit Lolita anstellt, und hört dennoch nicht auf damit, behauptet sogar, sie zu lieben. Selbst in den Passagen, in denen er sich einredet, Lolita würde seine „Gefühle“ erwidern ist immer klar, dass dem nicht so ist – und das ist auch gut so, denn wenn es nicht so wäre wäre „Lolita“ tatsächlich das moralisch fragwürdige Buch, das so viele Verleger daraus machen wollen. Wenn „Lolita“ aber eines nicht ist, dann fragwürdig – zwar stellt Humbert sich selbst natürlich die meiste Zeit über in positivem Licht dar, es bleibt aber dennoch absolut kein Zweifel darüber, was er ist und was er tut, und dass nichts davon richtig ist. Das ist mir jetzt mit 22 noch viel deutlicher aufgefallen als damals, als ich das Buch mit etwa 16 Jahren zum ersten Mal gelesen habe, und mich von Humberts Erklärungsversuchen noch ab und zu habe einlullen lassen – vielleicht hat er ja wirklich keine Kontrolle über sich selbst? – denn Nabokov ist hier mit einer Subtilität am Werk, die gar nicht mehr so subtil ist, wenn man nur die nötige Reife dafür mitbringt, sie tatsächlich zu erkennen. Und selbst, wenn man das nicht tut – spätestens am Ende des Romans wird klar, wie genau Humbert um seine eigene Schuld weiß.
So oder so leidet man natürlich unendlich mit Lolita mit, und hofft bei jeder sich bietenden Gelegenheit, sie möge ihrem Entführer entkommen, den Mut finden, jemandem von dem zu erzählen, was er ihr antut, oder einfach in einem unbeobachteten Moment loslaufen und nie wieder zurückkehren. Es ist wirklich schwer, ihr Leid mitzuverfolgen, und ich musste das Buch mehr als nur einmal weglegen, weil ich in diesem Moment einfach nicht weiterlesen konnte. Und doch habe ich „Lolita“ viel schneller gelesen, als ich zuvor erwartet hatte, denn die Geschichte lässt einen einfach nicht mehr los.
Auch sprachlich entwickelt das Buch einen unheimlichen Sog. Trotz Nabokovs Anmerkung in seinem Nachwort, in dem er es bedauert, dass er das Buch auf englisch schreiben musste  – „[…] dass ich das mir zugehörige Idion aufgeben musste, meine ungezwungene, reiche und unendlich gefügige russische Sprache, um sie gegen eine zweitrangige Version der englischen Sprache einzutauschen, der all jene Requisiten fehlen […], deren sich der heimische Illusionist mit wehenden Frackschößen bei seiner Magie bedienen kann, um das Erbe auf seine Weise zu überschreiten.“ – ist es einfach wahnsinnig gut geschrieben. Nabokov spielt auf eine fantastische Art und Weise mit Sprache und Bildern – und die Tatsche, dass er das nicht einmal in seiner Muttersprache tut, ist umso bemerkenswerter. Ich habe oft mitten im Lesen innegehalten, um mir eine seiner Formulierungen genauer anzusehen oder einen besonders bildgewaltigen Abschnitt noch einmal durchzulesen, weil er mir so gut gefallen hat.

„Lolita“ ist ein schweres, schmerzvolles, grausames, wahnsinnig gutes Buch. Es ist vielschichtig, psychologisch, beinahe hypnotisierend schrecklich – und es tut mir im Herzen weh, wie oft die Geschichte offenbar als Liebesroman missverstanden wird. Ich für meinen Teil werde wohl meinen Schutzumschlag, der das Buch sowohl beim Titelbild als auch in seinem Klappentext auf phänomenale Art und Weise fehlinterpretiert, auf den Müll werfen – „Lolita“ selbst werde ich aber trotzdem an alle weiterempfehlen, die sich an das schwierige Thema heranwagen wollen. Es ist es auf jeden Fall wert!

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