Rezension

Love Letters to the Dead

von Ava Dellaira

cbt Verlag, 407 Seiten

Preis: 9,99€

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Inhalt

Es beginnt mit einer Hausaufgabe für den Englisch-Unterricht: Schreibt einen Brief an eine tote Person, egal, an welche. Laurel wählt Kurt Cobain – er ist jung gestorben, genau wie ihre Schwester May, also versteht er vielleicht, was sie gerade durchmacht. Schon bald schreibt Laurel Briefe an viele tote Personen – Janis Joplin, Heath Ledger, River Phoenix, Amelia Earhart… es ist, als könnte sie gar nicht mehr damit aufhören, und ihrer Lehrerin abgeben wird sie diese Briefe ganz sicher nicht. Sie schreibt über ihr erstes Jahr an der High School, darüber, wie sie neue Freunde findet und sich zum ersten Mal verliebt – und wie zerbrochen ihre Familie ist, seit May tot ist.
Doch die Geister von Laurels Vergangenheit lassen sich nicht zwischen ein paar Zeilen auf einem Blatt Papier einschließen, und früher oder später muss sie sich mit ihrem Leben und dem Schmerz, ihre geliebte Schwester zu verlieren auseinandersetzen. Sie muss erkennen, was es bedeutet, aus deren Schatten  zu treten und erwachsen zu werden – und endlich darüber sprechen, was wirklich geschehen ist, in der Nacht, in der May starb.

Meine Meinung

Ich hatte ehrlich gesagt überhaupt keine hohen Erwartungen an „Love Letters to the Dead“, als ich diese Woche angefangen habe, es zu lesen – ich wollte einfach nur etwas leichtes, schnelles, nachdem Marlen Haushofers „Die Wand“ mich so überwältigt hatte.
Die Rezensionen, die ich zu dem Buch gelesen hatte, waren sehr gemischt – deshalb habe ich ein relativ generisches, nicht wirklich außergewöhnliches Jugendbuch erwartet, da auch der Klappentext vor allem viel High School Drama und Teenager-Verliebtheit versprochen hat. Umso erstaunter war ich, als das Buch mir tatsächlich von Anfang an richtig gut gefallen hat.

Ich mochte Laurel sofort sehr gerne, und obwohl ich mich nicht immer zu hundert Prozent in sie hineinversetzen konnte – sie ist eben doch erst 14 Jahre alt und auch sonst haben wir nicht allzu viel gemeinsam – wollte ich sie doch vor allem immer beschützen. Laurel steht wirklich noch ganz am Anfang ihrer Selbstfindungsphase, und die Tatsache, dass ihre vor kurzem erst verstorbene große Schwester May eine so schillernde, interessante und beliebte Person war, macht ihr das nicht gerade einfacher. Noch dazu fehlt ihr schlicht und ergreifend der Rückhalt ihrer Eltern, die sich in ihrer Trauer um die ältere Tochter eher noch von der jüngeren entfernen, als ihr zur Seite zu stehen. Es war wirklich herzzerreißend, wir verloren Laurel oft war.
Überhaupt ist mir „Love Letters to the Dead“ so, so, so viel näher gegangen, als ich es je erwartet hätte. Die Geschichte ist viel düsterer und direkter, als ich zuerst vermutet hätte, und der Schmerz, den Laurel empfindet, wird so schnell auch der Schmerz des Lesers. Die Beziehung der beiden Schwestern war so liebevoll, lebendig und real geschildert, dass ich tatsächlich oft Tränen in den Augen hatte – und ich bin für gewöhnlich wirklich niemand, der beim Lesen weint.
In dem Buch geht es nicht nur um Mays Tod, aber zumindest für mich hat dieser die Geschichte doch klar dominiert, sodass viele andere Aspekte eher in den Hintergrund gerückt sind. So fand ich die Liebesgeschichte relativ farb- und seelenlos und auch Laurels neue Freundinnen, Hannah und Natalie, sind – obwohl ich die beiden eigentlich sehr gern hatte – für mich eigentlich nur Randfiguren geblieben, die ich erst ganz zum Schluss verlässlich auseinander halten konnte. Tatsächlich war die tote May für mich oft lebendiger als die meisten noch lebenden Figuren des Buches – das hat mich aber nicht groß gestört, da mich die Geschichte rund um Laurels Schwester wie gesagt ohnehin am meisten interessiert hat.
Auf Goodreads wird Ava Dellaira als Stephen Chboskys („The Perks of Being a Wallflower“) Protegé bezeichnet, den sie in ihrer Danksagung auch explizit als Freund und Mentor erwähnt, und ich muss sagen, dass ich jetzt, nachdem ich über diese Verbindung gelesen habe, nicht weiß, wie mir das nicht sofort auffallen konnte.
Es ist nicht nur die generelle Stimmung des Buches, die sehr ähnlich ist, sondern auch zahllose Motive – von den Briefen über die Musik, die gehört wird, bis zu Laurels (für ihr Alter wirklich unangemessenen) Alkoholkonsum, der mir mehr als nur einmal bitter aufgestoßen ist, und noch vielem mehr, das ich aufgrund der eventuellen Spoilergefahr für beide Bücher lieber unerwähnt lasse – tauchen sowohl bei Dellaira als auch bei Chbosky immer wieder auf. Vielleicht hat „Love Letters to the Dead“ mir auch deswegen so gut gefallen – „The Perks of Being a Wallflower“ habe ich nämlich bereits zweimal gelesen und beide Male sehr gemocht.
So erklärt sich auch, warum Ava Dellairas Buch so atmosphärisch und lyrisch ist, dass es stellenweise beinahe abgehoben wirkt, aber gleichzeitig auch so klar und schonungslos auf den Punkt geschrieben ist – hier ähneln die beiden Werke sich ebenfalls. Es ist eine Erzählart, die man einfach entweder mag oder eben nicht – mir hat sie jedenfalls sehr gut gefallen!

Alles in Allem hat „Love Letters to the Dead“ mir also wirklich gut gefallen. Das Ende fand ich leider nicht ganz so gut gelungen – es war mir ein wenig zu einfach und ein wenig zu schnell, gleichzeitig aber auch schon fast wieder langatmig, was eine sehr seltsame Kombination war – und vor allem in Bezug auf Alkohol fand ich das Buch, wie bereits gesagt, stellenweise sehr unangemessen für das Alter der Protagonistin – wobei ich mir ziemlich sicher bin, dass ich das als Teenie selbst noch anders gesehen hätte – weshalb es dann doch keine fünf Sterne für mich wurden.
Trotzdem hat es mir sehr viel Spaß gemacht – und mich auch oft zu Tränen gerührt! – und ich bin sehr froh, es endlich von meinem SuB befreit zu haben. Das Buch ist sicher nicht für jeden was, und wer „The Perks of Being a Wallflower“ schon langweilig, abgehoben oder unrealistisch fand, der wird hieran vermutlich auch keinen Spaß haben – allen anderen kann ich aber nur empfehlen, das Buch mal auszuprobieren!

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