Rezension

Lullaby

von Leïla Slimani

Originaltitel: Chanson douce

Deutscher Titel: Dann schlaf auch du

Penguin Verlag, 207 Seiten

Preis: TB: ab 8,99€, eBook: ab 6,99€

Inhalt

Sie haben Glück gehabt, denken sich Myriam und Paul, als sie Louise einstellen – eine Nanny wie aus dem Bilderbuch, die auf ihre beiden kleinen Kinder aufpasst, in der schönen Pariser Altbauwohnung im 10. Arrondissement. Wie mit unsichtbaren Fäden hält Louise die Familie zusammen, ebenso unbemerkt wie mächtig. In wenigen Wochen schon ist sie unentbehrlich geworden. Myriam und Paul ahnen nichts von den Abgründen und von der Verletzlichkeit der Frau, der sie das Kostbarste anvertrauen, das sie besitzen. Von der tiefen Einsamkeit, in der sich die fünfzigjährige Frau zu verlieren droht. Bis eines Tages, ebenso unaufhaltsam wie schrecklich, die Tragödie über die kleine Familie hereinbricht.

Meine Meinung

Ich muss zugeben, dass das, was mich auf „Lullaby“ – in der amerikanischen Variante übrigens „The Perfect Nanny“ – aufmerksam gemacht hat, zuerst einmal das interessante Cover war. Auch der Inhalt klang wirklich spannend, sodass ich mir das Buch dann relativ spontan gekauft habe – zum ersten Mal seit Ewigkeiten ohne erst die Reaktionen und Rezensionen anderer Blogger_innen abzuwarten.

Das Buch steigt direkt in die Handlung ein: „The Baby is dead. It took only a few seconds.“ sind die ersten beiden Sätze. Ich war auch sofort gefesselt und absolut fasziniert davon, wie die Tragödie sich nach und nach entfaltet hat.

„Lullaby“ ist mit seinen 200 Seiten zwar relativ kurz, dafür aber umso intensiver. Die Figur der Louise ist so wenig greifbar und wirkt vom ersten Moment an so unterschwellig gefährlich, dass ich beim Lesen wirklich oft Gänsehaut hatte. Das Buch ist wahnsinnig beklemmend, vor allem, weil man ja von Anfang an weiß, worauf es hinauslaufen wird – gleichzeitig entfaltet es aber auch einen Sog, der einen so schnell nicht mehr loslässt.
Der Roman verläuft eigentlich relativ ruhig und doch so direkt und zielstrebig, dass man sich als Leser_in mit jeder Seite unwohler fühlt. Tausende Male möchte man Myriam und Paul schütteln, weil sie nicht auf ihr Gefühl hören und so viele Dinge einfach übersehen – kleine Details, die mit einem Lachen abgetan werden, in Wahrheit aber Vorzeichen einer wirklich großen Katastrophe sind.
Der Schreibstil von Leïla Slimani ist sehr nüchtern und oft fast etwas distanziert, was die beschriebenen Ereignisse dann aber eigentlich noch eindringlicher und schlimmer macht. Vieles bleibt unausgesprochen, scheint gerade deshalb aber umso lauter und klarer im Raum zu stehen.
Auch die Figuren sind meist in nur wenigen Worten umrissen, doch man bekommt trotzdem ein gutes Gefühl für sie alle. Tatsächlich geht es bei ihnen aber glaube ich gar nicht so sehr um tatsächlich spezifische Figuren, sondern viel mehr um ihre Funktion. So wird mit ihrer Hilfe ein modernes Gesellschaftsbild gezeichnet, das voller Kluften und Gegensätze ist. Reiche Familien und unterbezahlte Nannys, meist illegal eingewanderte Frauen, die ihre eigenen Kinder seit Jahren nicht mehr gesehen haben und ihren Bossen mehr oder weniger schutzlos ausgeliefert sind. Mütter und Väter zwischen Familie und Beruf, die alles richtig machen wollen und sich bei ihrem Versuch, sich auf jeder Ebene selbst zu verwirklichen, im Grunde nur selbst verlieren. Auch Rassismus spielt für die schwarze Myriam immer wieder eine Rolle. Das Ganze gibt ein sehr negatives und doch sehr interessantes, klares, erschreckend realistisches Bild.

Ich mochte „Lullaby“ wirklich gerne – es ist auf bedrückende, fast gruselige Art und Weise unheimlich spannend und mitreißend. Einzig und allein das Ende hat mir leider so gar nicht gefallen. Ich verstehe zwar glaube ich den Gedanken dahinter, fand es aber einfach nur frustrierend und unbefriedigend – ein Eindruck, der sich dann irgendwie auch auf den gesamten Rest des Buches auswirkt, das ich sonst ja eigentlich echt gut fand. „Lullaby“ konnte mich schlussendlich also trotz seiner wunderschön dichten, düsteren Atomosphäre leider nicht ganz überzeugen – Spaß hat es aber mir aber trotzdem gemacht!

  • Triggerwarnings
    (Gewaltsamer) Tod,
    Emotionaler & körperlicher Missbrauch,
    Kindesmisshandlung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.