Rezension

Mein weißer Frieden

von Marica Bodrožić

Luchterhand Verlag, 331 Seiten

Preis: 19,99€

Inhalt

Eines Nachts führt Marica Bodrožićs Vater sie in ihrem dalmatinischen Dorf hinaus ins Freie. Sie ist noch ein Kind, und er zeigt ihr am Himmel die Sterne des Südens, erklärt ihr, wie jeder einzelne Stern heißt und dass das Licht der weitentfernten Galaxien alles auf der Erde beschützt: die Tiere, die Bäume und Pflanzen, auch jeden einzelnen Menschen, samt seinen Träumen. Ein ergreifendes Momentum schreibt sich tief in das Kind ein. Seither ist Marica Bodrožić’ Blick auf den Himmel gerichtet, immer auf der Suche nach den Sternen, Erzählungen und Beglückungen des Südens. Diese wesenhafte Liebe bleibt ihr auch im dörflichen Hessen erhalten, als sie das alte Jugoslawien für immer verlässt und in die Nähe von Frankfurt zieht. Selbst als in den 1990er Jahren der Krieg in ihrem Herkunftsland ausbricht, bleibt sie dieser Liebe ungebrochen treu. Seitdem ist sie häufig in ihre brutal zerrissene Herkunftsgegend zurückgereist, und in diesem Buch erzählt sie von ihren gleichermaßen ethnologischen wie empathischen Begegnungen mit Land und Leuten vor dem Ausbruch des Krieges und danach. Sie beschreibt eindringlich die mediterrane Welt, aber auch die Verwüstungen, die der Bürgerkrieg hinterlassen hat: konkret, anschaulich und zutiefst poetisch zugleich. Dabei geht es ihr immer auch um die Beschwörung der humanistischen Werte und um die Hinwendung zum freien Menschen, der nur dann wirklich frei sein kann, wenn er lernt, auch das Dunkle in seiner eigenen Geschichte zu sehen. Marica Bodrožićs Buch ist ein couragierter Beitrag zum Erlernen dieses inneren Sehens.

Meine Meinung

Ich musste – oder vielleicht sollte ich besser sagen durfte – „Mein weißer Frieden“ diesen Monat für ein Seminar über bosnisch/kroatisch/serbische Literatur an der Uni lesen. Zuerst habe ich mir Sorgen gemacht, dass ich es absolut nicht mögen würde – ich lese nicht-fiktive Bücher eigentlich nicht so gerne und traurige Bücher mag ich eigentlich auch nicht, weil sie einfach immer so deprimierend sind, und wenn sie dann auch noch philosophisch angehaucht sind habe ich eh Angst, dass ich sie nicht verstehe, und all das trifft auf „Mein weißer Frieden“ zu, also was könnte mir an diesem autobiographischen Text über den Jugoslavienkrieg gefallen? Ich wurde dann aber schon auf der ersten Seite eines Besseren belehrt – ein Absatz hat gereicht um zu wissen, dass dieses Buch etwas ganz besonderes ist, und dass ich es lieben würde.

„Mein weißer Frieden“ ist wortgewaltig und einfach wunderschön geschrieben. Vom ersten bis zum letzten Satz hätte ich so ungefähr jeden zweiten Satz unterstreichen können – es ist poetisch und gerade dadurch ist es so echt, gerade dadurch kommt es einem besonders nah. Das bedeutet natürlich auch, dass man das Buch sehr langsam und sehr konzentriert lesen muss, um es zu verstehen, und wirklich jede Nuance in sich aufzunehmen. Ich habe, obwohl ich sehr regelmäßig daran gelesen habe, über zehn Tage für die etwa 300 Seiten gebraucht, die das Buch lang ist – bei leichterer Lektüre ist das eine Seitenzahl, die ich in ein, zwei, höchstens drei Tagen verschlinge.
Auch inhaltlich ist es absolut fantastisch. „Mein weißer Frieden“ ist eigentlich kein Buch über den Krieg, sondern über den Frieden – es ist eine Ansammlung von Gedanken, von Philosophie, durchsetzt von authentischen Erzählungen von Menschen, mit denen die Autorin gesprochen hat, die den Jugoslavienkrieg an der eigenen Haut miterlebt haben – viele auch als Kämpfer.
Es erzählt von politischen Gehirnwäschen, von kaputten Menschen, die einmal heile waren und es nicht mehr sind, physisch und vor allem psychisch. Es erzählt von der Schönheit Kroatiens, von der Liebe, die man zu einem Land empfinden kann, ohne diese Liebe in Patriotismus und Fremdenhass umschlagen zu lassen, von einer verlorenen Generation, die erst sozialistisch, dann nationalistisch und schlussendlich einfach nur verwundet war. Es erzählt von Hass – von blindem, kroatischen Hass auf die Serben, die einmal Nachbarn waren, und blindem, serbischen Hass auf die Kroaten, die einmal Freunde waren. Es erzählt vom Überleben, und von Güte, davon, sich nicht unterkriegen zu lassen, von jungen Männern, die aus dem Krieg zurückkamen, um sich dann im Wald zu erhängen und von Familien, die 1.425 Tage im belagerten Sarajevo ausharrten, und nur durch Einigkeit und das Überwinden nationaler und religiöser Grenzen überleben konnten. Es erzählt vom Wegschauen, von Folterungen und Lagern und schlimmsten Gräueltaten und Kriegsverbrechen mitten in Europa, während ein paar hundert Kilometer weiter gelehrt wird, in Europa herrsche seit 50 Jahren Frieden. Es ist ein Plädoyer an die Menschlichkeit, die sich nicht ausmerzen lässt, und die niemals vergessen werden darf.

Ich habe „Mein weißer Frieden“ gelesen und hatte das Gefühl, den Jugoslavienkrieg – der mir, als in Deutschland aufgewachsenes Kind ohne kroatisch/bosnisch/serbische Wurzeln, dem in der Schule auch 12 Jahre lang beigebracht wurde, in Europa hätte es seit 1945 keinen Krieg mehr gegeben, immer irgendwie fern und unbegreiflich war – auf einer zutiefst persönlichen und emotionalen Ebene verstanden zu haben. Mehr noch: Ich habe das Gefühl, verstanden zu haben, worauf es auf der Welt, im Leben, einfach generell wirklich ankommt, was wirklich wichtig ist, und was man tun muss, um eben das zu bewahren. Ich habe das Gefühl, als hätte „Mein weißer Frieden“ meine Seele einmal genommen und umgedreht, von allen Seiten genau inspiziert und sie mir dann besser und verständiger zurückgegeben. Ich habe das Gefühl, als wäre ich daran gewachsen, und es war mir – vor allem auch im Hinblick auf den aktuellen Krieg, der jetzt gerade immer noch in so vielen Teilen der Welt vorherrscht und auf den dieses Buch ebenso zutrifft wie auf den vergangenen Krieg, den es speziell bespricht – unheimlich, unheimlich wichtig.

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