Rezension

Naokos Lächeln

von Haruki Murakami

Originaltitel: ノルウェイの森 (Noruwei no Mori)

btb Verlag, 416 Seiten

Preis: 10,00€

Inhalt

Tokio in den späten 60er Jahren: Während sich auf der ganzen Welt die Studenten versammeln, um das Establishment zu stürzen, gerät auch das private Leben von Tōru Watanabe in Aufruhr. Mit seiner ersten Liebe Naoko verbindet ihn eine innige Seelenverwandtschaft, doch ihre Beziehung ist belastet durch den tragischen Selbstmord ihres gemeinsamen Freundes Kizuki. Als die temperamentvolle Midori in sein Leben tritt, die all das ist, was Naoko nicht sein kann, muss Tōru sich zwischen Vergangenheit und Zukunft entscheiden …

Meine Meinung

„Naokos Lächeln“ ist der erster Roman, den ich von Haruki Murakami gelesen habe. Ich habe das Buch vor einigen Jahren weniger wegen seines Inhalts – ich muss zugeben, dass der Klappentext an sich nicht besonders ansprechend auf mich wirkt – als wegen seines Autors gekauft, von dem ich schon so viel Gutes gehört hatte. Dementsprechend waren meine Erwartungen an das Buch eher hoch, zugleich hatte ich aber auch ein bisschen Angst, es könnte mir vielleicht doch nicht so gut gefallen wie erwartet und ich würde enttäuscht werden.

Dazu gab es aber glücklicherweise keinen Grund. Ich hatte die erste Seite von „Naokos Lächeln“ noch nicht einmal zu Ende gelesen, da begann ich schon zu begreifen, was die Magie von Haruki Murakamis ausmacht, und warum so viele ihn als Schriftsteller geradezu verehren.
Sehr ruhig, ohne dabei auch nur eine Sekunde langweilig zu sein, sondern einfach nur wahnsinnig atmosphärisch und vor allem auch sehr melancholisch erzählt er hier die Geschichte von Tōru Watanabe, die eigentlich viel mehr die Geschichte seiner ersten großen Liebe Naoko ist. Ich kann das Gefühl, das ich beim Lesen von „Naokos Lächeln“ hatte, gar nicht recht in Worte fassen – ich weiß nur, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie ein Buch gelesen habe, dass etwas ähnliches in mir ausgelöst hat.
Einen Satz, den ich im Bezug auf Murakamis Bücher schon öfter gehört habe ist, dass er in seinen Geschichten ganz gewöhnliche Dinge interessant macht und Alltägliches mit einer Tiefe und einem Facettenreichtum beschreibt, wie sonst niemand. Nachdem ich „Naokos Lächeln“ gelesen habe verstehe ich nun, was damit gemeint ist, und ich bin wirklich begeistert davon. Der fast zynische deutsche Untertitel „Nur eines Liebesgeschichte“ trifft es in dieser Hinsicht eigentlich ganz gut, denn genau das ist „Naokos Lächeln“ – gleichzeitig aber natürlich auch noch so viel mehr.
Würde mich jemand fragen, um was es in dem Buch denn nun wirklich geht, so könnte ich ihm das nicht beantworten – um eine Liebesgeschichte, ja, um das Leben an sich irgendwie auch, aber im Grunde kann ich es so wenig auf den Punkt bringen, dass ich mit der Frage schlichtweg komplett überfordert wäre. Denn eines ist dieses Buch ganz sicher nicht, und zwar auf den Punkt – und trotzdem hat es mich begeistert. Ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen, gleichzeitig war es mir aber auch unmöglich, alles in einem Rutsch durchlesen, weil die Geschichte dafür viel zu dicht und auf wunderschöne Art und Weise zu schwer war – wirklich ein ganz besonderes Buch.
Objektiv gesehen sollte es wohl – vor allem im Bezug auf den Protagonisten, Tōru, den ich eigentlich nicht unbedingt als sympathisch beschreiben würde – einiges geben, das mich an „Naokos Lächeln“ hätte stören sollen, tatsächlich war dem aber überhaupt nicht so.
Ich fand es einfach nur spannend, die Geschichte aus Tōrus doch recht eingeschränkten, eher egozentrischen Sichtweise zu erfahren, und sogar die achtlose Art und Weise wie er mit anderen Menschen – vor allem Frauen – und deren Gefühlen umgeht konnte Haruki Murakami mir so verkaufen, dass es mich nur selten gestört hat. So macht auch Tōrus extreme Teilnahmslosigkeit und sein Desinteresse an der Welt um ihn herum ihn nicht weniger liebenswert – im Gegenteil, es macht ihn irgendwie real und passt einfach nur sehr gut in die Geschichte.
Ich fand es außerdem fantastisch, wie fühlbar das Buch in den 60ern, und natürlich auch in Japan – ein Kulturkreis, aus dem ich zugegebenermaßen bisher noch nicht allzu viel gelesen habe – spielt. So viele Dinge darin waren mir auf den ersten Blick so fremd, dass ich mich beinahe gefühlt habe, als wäre ich in eine andere Welt entführt worden, und doch war ich immer sofort darin zuhause und mitten in der Geschichte drin – auch das ist zweifellos ein Zeichen von Haruki Murakamis fantastischen schriftstellerischen Fähigkeiten.

Um es kurz zu machen – „Naokos Lächeln“ ist ein Buch, das mich auf eine Weise gefesselt hat, wie es mir bisher bei noch keinem Buch passiert ist. Wie ein Spinnennetz hat die bedrückende und doch wunderschöne Atmosphäre mich immer tiefer in sich aufgesogen und einfach nicht mehr losgelassen. Nicht zuletzt aufgrund der vielen losen Enden und Fragen, die die Geschichte offenlässt, werde ich mich Sicherheit noch oft über dieses wirklich besondere Buch nachdenken.
Obwohl es außer mir gefühlt jeder schon gelesen habe, so will ich es also trotzdem von ganzem Herzen weiterempfehlen – nur, wer empfindlich auf Themen wie Suizid oder psychische Erkrankungen reagiert, der sollte das Buch eher vorsichtig angehen.
Auch mit Murakami wird das sicher nicht meine letzte Begegnung gewesen sein – seine fantastisch atmosphärische Art zu Erzählen hat mich restlos überzeugt, sodass ich es gar nicht erwarten kann, mein nächstes Buch von ihm zu lesen. Ein Erfolg auf ganzer Linie!

Kommentare

  • Dubliner

    Eine sehr schöne Rezension! Murakami-Lektüre dosiere ich immer sehr genau, so nach dem Motto „Ein Murakami pro Quartal“ weil seine Bücher, zumindest bei mir, immer recht lange nachwirken. Deshalb habe ich erst 4 Bücher (streng genommen 3, 1Q84 sind zwar 2 Bücher aber eine Geschichte) von ihm gelesen. Er schafft es den Leser an die Hand zu nehmen und ihn in seine eigene Welt zu führen und zwar so dass er sich dort sofort wohl fühlt. Ich kann mich noch gut an 1Q84 erinnern. Die Geschichte beinhaltet ja das eine oder andere surreale Element und so etwas ist normalerweise gar nicht mein Ding. Aber Murakami schafft es irgendwie diese Elemente perfekt in die Geschichte einzuweben so dass sie einem gar nicht mehr so ungewöhnlich vorkommen. Sätze wie „Das ist jetzt aber Quatsch!“ usw, kommen beim Lesen seiner Geschichten bei mir gar nicht auf. Das rechne ich ihm hoch an, denn so etwas schaffen nicht viele Autoren.

  • sacinee | BÜCHERJÄGER

    Ich habe auch das Gefühl, dass ich einerseits sofort noch ein Buch von ihm lesen will, andererseits aber auch noch warten will, bis „Naokos Lächeln“ sich ein bisschen gesetzt hat. Wahrscheinlich lasse ich mir also noch ein, zwei Monate Zeit. :’D
    „1Q84“ hatte ich mir dabei auch schon als nächstes Buch überlegt, oder „Kafka am Strand“. „Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt“ spricht mich auch schon allein wegen des kuriosen Titels total an. Mal schauen, was es dann wird – ich bin jedenfalls jetzt schon gespannt darauf und freue mich, diesen tollen Autor auch endlich entdeckt zu haben! 🙂

    • Dubliner

      Ich habe mir gestern abend noch „Afterdark“ bei Booklooker gesichert. Bin schon sehr gespannt darauf.

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