Rezension

Regulator

von Richard Bachman, alias Stephen King

Originaltitel: The Regulators

Heyne Verlag, 514 Seiten

Preis: 9,99€

Inhalt

Es ist ein ruhiger Sommernachmittag in der verschlafenen Kleinstadt Wentworth, Ohio, als über die scheinbare Idylle schlagartig das Grauen hereinbricht. Futuristisch anmutende Lieferwagen durchkreuzen die Stadt und richten ein schreckliches Blutband an. Panik macht sich unter den Bewohnern breit, allzumal die Serie unheimlicher und bedrohlicher Geschehnisse nicht abreißt. Die Überlebenden können sich die mysteriösen Vorgänge nicht erklären. Nur Audrey Wyler ahnt die Ursache des Grauen erregenden Spektakels: Ihr autistischer Neffe Seth hatte mit seinen Eltern ein Bergwerk in dem Minenstädtchen Desperation besucht und war dort in Kontakt mit einem Monster namens TAK gekommen…

Meine Meinung

Ich habe „Regulator“ im Rahmen meines Stephen King Lesemonats in Verbindung mit seinem Partnerbuch „Desperation“ gelesen. Ich habe beide Bücher vor einigen Jahren schon einmal gelesen und hatte mir für den Lesemonat eigentlich nur einen Reread von „Desperation“ vorgenommen, aber weil ich in den letzten Wochen viel mehr und viel schneller gelesen habe als sonst habe ich „Regulator“ dann auch noch gelesen.

Wie ich bereits in meiner Rezension zu „Desperation“ gesagt habe, gehören die beiden Bücher zusammen. Beide Bücher sind am selben Tag erschienen, „Regulator“ unter Stephen Kings Pseudonym, Richard Bachman und „Desperation“ unter seinem echten Namen. Sie behandeln die gleiche monströse Macht, „Tak“, und nutzen größtenteils die gleichen Charaktere. Es ist allerdings keine Fortsetzung oder eine andere Verbindung der beiden Bücher im klassischen Sinne – das Setting, die Ausgangssituation und die gesamte Handlung beider Bücher sind komplett verschieden und hängen absolut nicht miteinander zusammen. Man könnte sagen, dass es sich bei beiden Büchern um eine Art alternative Realität des jeweils anderen Buches handelt, und es ist sehr interessant zu lesen, was King, vor allem im Bezug auf die Charaktere, jeweils genau so beibehalten und was er leicht verändert hat. Als ich die Bücher das letzte Mal gelesen habe habe ich das mit ein, zwei Jahren Pause dazwischen gemacht, weswegen mir viele der Querverweise und Ähnlichkeiten erst bei diesem Mal aufgefallen sind, was wirklich sehr spannend war. Ich habe noch nie zwei Romane gelesen, die auf diese Art und Weise miteinander verbunden waren, und allein diese Verbindung macht sie für mich schon lesenswert.

Ich muss allerdings sagen, dass mir „Desperation“ im Vergleich besser gefällt als „Regulator“. Vielleicht liegt es daran, dass ich es als erstes der beiden Bücher gelesen und deshalb immer als das „Hauptbuch“ betrachtet habe, oder an der unterschiedlichen Länge beider Bücher, aber „Regulator“ wirkt – meiner Meinung nach – einfach etwas unausgereifter und ich fand es auch nicht halb so gruselig wie „Desperation“.
Die Grundidee – eine Kleinstadt wird von der wild gewordenen Fantasie eines autistischen Kindes terrorisiert – gefällt mir wirklich gut. Auch die Charaktere sind natürlich wieder alle sehr interessant, wobei sie meiner Meinung nach etwas flacher geraten sind als in „Desperation“. Man baut in „Regulator“ irgendwie einfach keine so starke Beziehung zu ihnen auf, was ich sehr schade finde.
Alles in allem fand ich Regulator auch einfach weniger packend als Desperation. Es erschien mir weniger strukturiert und irgendwie mehr zusammengewürfelt, was noch dadurch verstärkt wird, dass immer wieder Tagebucheinträge, Briefe oder Drehbücher aus den Lieblingsserien des von „Tak“ besessenen Jungens eingeworfen werden und den Handlungsfluss so unterbrechen. Das Buch ist teilweise so aufgezogen, als handle es sich um eine Sammlung von Dokumenten über ein tatsächlich stattgefundenes Ereignis und obwohl das in manchen Büchern sehr gut funktioniert passt es – meiner Meinung nach – einfach nicht so gut zu diesem.
Zwar hat mir auch „Regulator“ gut gefallen, aber – wie gesagt – einfach nicht so gut wie „Desperation“. Ich hätte es vielleicht trotzdem mit 4/5 Sternen bewertet, weil es auch sehr viel Spaß zu lesen macht, wenn da nicht die Sache mit dem Autismus gewesen wäre.

Ich habe selbst einen autistischen kleinen Bruder und bin deshalb immer sehr empfindlich was Darstellungen von Autismus angeht, wie man sie oft in Filmen, Serien oder auch in Büchern findet – ein Kind, das nicht oder kaum in der Lage ist, mit seiner Umwelt zu kommunizieren, schon gar nicht zu sprechen, das quasi keine Emotionen besitzt, im Grunde auch zu nichts fähig ist, außer zu schreien oder teilnahmslos in der Ecke zu sitzen, das sich für absolut nichts interessiert außer für eine ganz bestimmte Serie oder ein ganz bestimmtes Spiel, nichts isst außer ein ganz bestimmtes Gericht, und so weiter, und unkontrollierbare Wutanfälle bekommt, wenn es diese eine ganz bestimme Sache nicht haben kann – weil solche „schweren“ Formen von Autismus zwar bestimmt durchaus auch mal vorkommen, das aber größtenteils einfach nicht der Realität von tatsächlich autistischen Menschen entspricht.
Diese Darstellung, die natürlich auch in „Regulator“ hemmungslos ausgeschlachtet wird, hätte ich ja an sich noch verkraften können – ich weiß ja, dass es unter Menschen, die keine Ahnung von Autismus haben sehr beliebt ist, autistische Kinder so darzustellen – wenn King es nicht auch noch für nötig befunden hätte, gefühlt alle zwei Seiten zu sagen, wie dumm Autisten doch sind. Das ist so unheimlich falsch, weil es wahnsinnig viele verschiedene Formen von Autismus gibt und das generell hat einfach nichts mit dem IQ eines Menschen zu tun – die Idee, dass alle Autisten außergewöhnlich klug und inselbegabt sind, die ja auch sehr verbreitet ist, ist zwar genauso falsch, aber die herablassende Art, wie hier über autistische Menschen gesprochen wurde, fand ich wirklich einfach nur eklig. Klar, das Buch ist jetzt schon 20 Jahre alt, und das Unwissen der damaligen Zeit ist vielleicht die einzige Entschuldigung dafür, aber trotzdem ist mir jedes „Seth ist nicht so helle, wissen Sie?“, „In seinem Kopf war Seth absolut nicht behindert – im Gegenteil, er war ein Genie!“ oder „Wissen Sie, wenn Seth telepathisch mit mir spricht ist er nicht wie sonst, er ist richtig klug!“ wirklich sehr bitter aufgestoßen.

  • Spoiler
    An einer Stelle meint einer der Charaktere, er „wüsste auch ein bisschen was über Autismus“, da er mal ein Heim für Autisten besucht hätte – was auch immer das sein soll, nebenbei bemerkt – und dabei festgestellt hätte, dass alle Autisten dort konstant abwesend, eigentlich nicht mal richtig lebendig oder menschlich sind, nicht sprechen und sich auch kaum bewegen können. Vielleicht wurden in den 80ern oder 90ern ja solche Heime geführt, in denen autistische Menschen ohne Ende mit Drogen vollgepumpt wurden, um solche Zustände hervorzurufen, anders kann ich mir nicht vorstellen, wo King solche verquerten Vorstellungen von Autismus her hat.

Überhaupt schwang da sehr viel unterschwelliger Ableismus mit, und sehr viel uninformiertes Halbwissen über Autismus, das hat mich einfach wirklich, wirklich wahnsinnig gestört.

Auch „Regulator“ ist also – vor allem in Verbindung mit „Desperation“ – sehr interessant, spannend und unterhaltsam zu lesen, und lohnt sich wirklich, auch wenn es meiner Meinung nach nicht ganz an sein Partnerbuch herankommt. Man sollte sich allerdings davor bewusst machen, dass die Art wie Autismus hier behandelt und beschrieben wird absolut veralteter, ableistischer Blödsinn ist. Vor allem für Menschen, die tatsächlich autistisch sind oder viel mit autistischen Menschen zu tun haben, kann das wirklich sehr verletzend sein, mich hat es vor allem wütend gemacht. Ich hoffe wirklich arg, dass Stephen King seine Meinung zu dem Thema inzwischen etwas weiter entwickelt hat und nicht immer noch auf dem Stand von vor 20 Jahren stehen geblieben ist. Das wäre nämlich wirklich sehr, sehr traurig.

Kommentare

  • Mir waren die Bücher bisher unbekannt. King ist nicht immer unbedingt mein Fall, ich verehrte ihn bisher aber, als sehr guten Schreib-Handwerker, von dem sich die meisten (hoffnungsvollen) Autoren mehrere Scheiben abschneiden können. Das hat sich nun geändert. Bei Autismus werde ich unfreundlich.

    Danke für die Rezension.

    P.S.: Den Zustand den King im Spoiler beschreibt, ließe sich meiner Ansicht nach auch durch Hospitalismus erklären, nicht nur durch Medikamente.

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