Rezension

The Book of Strange New Things

von Michel Faber

Canongate Verlag, 585 Seiten

Preis: 10,99€

Inhalt

Der tiefgläubige Peter Leigh begibt sich auf die Reise seines Lebens. Er bricht als Missionar auf in die Tiefen des Weltalls, um dort, Lichtjahre von seiner geliebten Frau Bea entfernt, den Bewohnern eines neu entdeckten Planeten das Christentum nahe zu bringen. Diese Aufgabe verlangt ihm Dinge ab, mit denen er zuvor nicht gerechnet hat – und gerade als er beginnt, auf dem neuen Planeten Fuß zufassen, erreichen ihn Schreckensnachrichten von zuhause. Beas Welt zerfällt in rasantem Tempo – und nicht nur ihre Liebe zueinander, sondern auch ihr Glaube an Gott, die Basis ihres bisherigen gemeinsamen Lebens, werden auf die Probe gestellt wie nie zuvor.

Meine Meinung

Als ich den Klappentext von „The Book of Strange New Things“ zum ersten Mal gelesen habe war ich sofort gefesselt davon. Das Buch klang so ganz anders, als alles andere, was ich sonst so lese, und die Fragen, die es stellt, so interessant – was ist es, das einen Menschen ausmacht? Wo setzt er seine Prioritäten? Kann die Liebe zwischen zwei Menschen eine derart große Entfernung überleben? Was braucht es, damit wirklich tiefgläube Menschen von ihrem Glauben abfallen, und was passiert dann mit ihnen? Ich habe mich auf jeden Fall wahnsinnig gefreut, als ich das Buch letzten Monat zum Geburtstag bekommen habe, und mich sofort darangesetzt, es zu lesen.

Und was soll ich sagen? Ich wurde nicht enttäuscht. „The Book of Strange New Things“ ist ein wirklich einzigartiges Buch – ruhig und trotzdem spannend zieht es einen in seinen Bann und lässt einen einfach nicht mehr los.
Als ich das Buch angefangen habe konnte ich weder Bea noch Peter leiden, die beide missionierende Christen sind, wie sie im Buche stehen – ständig nur darauf bedacht, Gutes zu tun und das dann auch an jeder Ecke zu erwähnen, durchgehend sanftmütig und freundlich, aber auf distanzierte und kühle Art und Weise, stets einen abgedroschenen, vermeintlich inspirierenden Spruch auf den Lippen und nicht in der Lage, auch nur zwei Sätze miteinander zu sprechen, ohne Jesus zu erwähnen. Ich bin selbst Christin, aber sogar mir war das zu viel. Ich muss auch sagen, dass ich mir zu Beginn des Buches sehr sicher war, ihre Beziehung scheitern zu sehen – die Beiden schienen ja kaum tatsächlich miteinander zu reden und sich ständig nur gegenseitig Bibelverse um die Ohren zu schlagen.
Michel Faber schafft es aber im Laufe seines Buches, diesem Stereotyp Form und Leben einzuhauchen. Seite um Seite werden Peter und Bea immer mehr zu richtigen Menschen, mit denen man fühlt, um die man sich sorgt oder sich über sie ärgert, die man aber unweigerlich auf kurz oder lang liebgewinnen muss. Keiner von Beiden ist perfekt und oft wollte ich entweder Peter oder Bea (oder ab und zu auch mal alle beide) schütteln, weil sie in ihren Nachrichten ständig so unglaublich aneinander vorbei geredet haben, statt sich gegenseitig einfach einmal zuzuhören. Gerade das ist es aber, was das Buch so interessant macht – sie sind beide Menschen, wie man ihnen auch auf der Straße begegnen könnte, sie aber selten in einem Buch trifft: lebensecht, nicht langweilig, obwohl sie eigentlich absolut nicht außergewöhnlich sind, echte Individuen.
Ich habe dieses Jahr auf der Leipziger Buchmesse einer Lesung des Fantasy- und Sci-Fi-Autors Robert Corvus zugehört, der sagte, das Interessante an diesen beiden Genres sei für ihn, dass es bei Fantasy für gewöhnlich um das Innere des Menschen gehe, also um die Psychologie, während die Science-Fiction meist eher gesamtgesellschaftliche Probleme thematisiert, also Teil der Soziologie ist. Michel Fabers Werk ist hier wohl die Ausnahme – es ist ein zutiefst psychologisches, gleichzeitig aber auch philosophisches Buch, in dem es stets um den Menschen an sich, so gut wie nie aber um sein Zusammenspiel mit dem Kollektiv geht.
Wunderschön geschrieben entführt „The Book of Strange New Things“ einen so nicht nur in eine einzigartige fremde Welt, es stellt auch alle Fragen, die ich von ihm erwartet habe, und dazu noch einige mehr, beantwortet aber interessanterweise kaum welche davon wirklich endeutig. Wenn das Buch eines ganz sicher nicht ist, dann lehrerhaft, und das ist wirklich schön. Besonders gut hat mir gefallen, dass die Frage nach dem Glauben an sich überhaupt nicht gestellt wurde, was ich zu Beginn des Buches eigentlich erwartet hatte – sowohl Peter als auch Bea sind Christen, aber obwohl das mit der wichtigste Faktor der Geschichte ist, ist es einfach nicht wichtig, ob es den Gott, zu dem sie beten, nun gibt oder nicht. So schafft Faber es, ein Buch über Glauben zu schreiben, ohne den Lesern damit seinen eigenen aufzuzwingen, wie auch immer der aussehen mag. Der Schluss ist beinahe frustrierend offen, aber dennoch genau das Ende, das dieses Buch unbedingt gebraucht hat – eines, das gar kein wirkliches Ende ist, eines, das einen auch noch lange Zeit nach dem Lesen darüber nachdenken lässt, was denn nun weiter passiert, und was man selbst von all dem mitnehmen kann.
Ich könnte wahrscheinlich noch Stunden über das Buch reden, ohne ihm jemals wirklich gerecht zu werden – es gibt noch so viele bemerkenswerte Sachen, die mir wirklich gut gefallen haben, wie die Sprache der Oasianer, die Peter missionieren soll, oder die Tatsache, dass jedes Kapitel nach seinem jeweils letzten Satz benannt war. Hunderte liebevoller Kleinigkeiten, die das Buch so einzigartig machen, und die man in seitenlangen Arbeiten analysieren könnte, die hier aufzulisten aber einfach den Rahmen sprengen würden. Es ist schlicht und ergreifend ein Buch, das man selbst gelesen haben muss, um zu verstehen, was das Besondere daran ist.

Klar sagen kann ich allerdings, dass ich „The Book of Strange New Things“ geliebt habe – obwohl meine Erwartungen von Beginn an wahnsinnig hoch waren hat es sie noch weit übertroffen. Das Buch ist fast 600 Seiten lang, von mir aus hätte es auch gerne doppelt so viel sein können. Definitiv eines meiner Highlights, nicht nur in letzter Zeit sondern überhaupt – und ein Buch, das mir mit Sicherheit noch lange im Gedächtnis bleiben wird!

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