Rezension

The Hate U Give

von Angie Thomas

B+B Verlag, 444 Seiten

Preis: 9,49€

Inhalt

Die 16-jährige Starr lebt in zwei Welten: in dem verarmten Viertel, in dem sie wohnt, und in der Privatschule, an der sie fast die einzige Schwarze ist. Als Starrs bester Freund Khalil vor ihren Augen von einem Polizisten erschossen wird, rückt sie ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Khalil war unbewaffnet. Bald wird landesweit über seinen Tod berichtet; viele stempeln Khalil als Gangmitglied ab, andere gehen in seinem Namen auf die Straße. Die Polizei und ein Drogenboss setzen Starr und ihre Familie unter Druck.  Sie muss sich entscheiden – wird sie über das, was an diesem Abend wirklich passiert ist sprechen, auch wenn es ihr Leben in Gefahr bringt?

Meine Meinung

„The Hate U Give“ war nicht nur für mich eine der meisterwarteten Neuerscheinungen dieses Jahres – das Jugendbuch hat eingeschlagen wie eine Bombe, ist seit Monaten in aller Munde und wurde nun sogar im Rekordtempo ins Deutsche übersetzt. Auch einen Film soll es geben – kurzum, „The Hate U Give“ ist seit seinem Erscheinen im Februar wirklich wahnsinnig erfolgreich und das vollkommen zurecht!

Es gibt so unheimlich viel über das Buch zu sagen und ich weiß nicht, ob ich es schaffe, die richtigen Worte dafür zu finden – nicht zuletzt deshalb, weil ich selbst nunmal weiß bin und das Erzählte in diesem Fall wohl niemals hundertprozentig nachfühlen können werde. Meine Aufgabe als Leserin besteht bei diesem Buch eher aus „zuhören und lernen“ als aus „urteilen und bewerten“ – trotzdem möchte ich zu dem Buch nicht einfach schweigen, denn dazu ist es zu wichtig.
Trotz seiner wirklich schweren Thematik habe ich „The Hate U Give“ in nur drei Tagen verschlungen – ich konnte einfach nicht aufhören zu lesen und habe nur dann Pausen gemacht, wenn ich wirklich musste, um über das, was ich gerade gelesen hatte, nachzudenken. Angie Thomas spricht schonungslose über rassistische Polizeitgewalt in den USA – sie legt den Finger nicht nur so tief in die Wunde, dass es wirklich wehtut, sie schafft es auch, die Angst der schwarzen amerikanischen Bevölkerung so treffend und lebensecht auf’s Papier zu bringen, dass sogar ich als weiße Europäerin sie fühlen konnte. Es ist ein starkes, schmerzhaftes, wichtiges Buch, das kein Blatt vor den Mund nimmt und sich dafür auch nicht entschuldigt – allen voran eine schwarze Stimme für schwarze (und andere nicht-weiße, aber vor allem schwarze) Leser_innen, aber definitiv auch eines, das jede weiße Person auf diesem Planeten lesen sollte, und mag es ihr noch so unangenehm sein. Tatsächlich vielleicht sogar gerade dann – denn jeder, der sich beim Lesen dieses Buches auf die Füße getreten fühlt, sollte sich meiner Meinung nach noch einmal genau mit seiner eigenen Position in Bezug auf Rassismus, seinen Privilegienen und seinen Prioritäten auseinandersetzen.
„The Hate U Give“ ist aber nicht nur ein stark politisches Buch, das sich mit systematischem Rassismus auseinandersetzt, es ist auch ein Buch über Selbstfindung und ganz alltäglichen Rassismus im Kleinen –  die Art von passiven Anfeindungen, verletztenden Witzen, Fetischisierung und generellem Schubladendenken, das den meisten weißen Menschen nicht einmal auffällt. Starr muss ihren Platz  finden und dabei irgendwie ihre beiden Leben vereinen – einmal das eines schwarzen Mädchens in einem vorrangig schwarzen Ghetto, und einmal das einer der wenigen schwarzen Schülerinnen auf einer schicken, hauptsächlich weißen Privatschule. Angie Thomas zeigt diesen kräftezehrenden Spagat meisterhaft – die Art, wie Starr spricht und sich verhält unterscheidet sich von Situation zu Situation, und der Druck dem sie dabei ausgesetzt ist, ist enorm. Auch hier sollten gerade weiße Leser_innen genau hinsehen – denn kaum jemand von Starrs Freunden ist sich tatsächlich bewusst, wie sehr Starr sich für sie verstellen muss, und wie viel Schuld sie selbst daran tragen.
Außerdem wirklich faszinierend fand ich, dass Angie Thomas mich mit „The Hate U Give“ quasi in eine komplett andere Welt entführt hat. So naiv das auch klingen mag – ich glaube, mir war bis zum Lesen dieses Buches nie so richtig bewusst, dass von Armut und Kriminalität regierte Ghettos, wie man sie aus amerikanischen Filmen kennt, tatsächlich existieren und dass dort wirklich Menschen leben. Klar, ich wusste, dass es in den USA solche Wohngegenden gibt, aber trotzdem – ich bin zwar selbst nicht gerade in der allerbesten Gegend großgeworden, aber Zustände wie die in Garden Heights sind hier in Deutschland einfach unvorstellbar. Diese Seite von Amerika wird vor allem in Jugendbüchern kaum gezeigt, und umso wichtiger ist es, dass auch sie hier eine Stimme erhält.

„The Hate U Give“ ist ein wunderbares Buch, das vor allem deshalb aus der Masse heraussticht, weil es eben nicht nur wunderbar sondern außerden auch unheimlich bedeutsam ist. Es spricht laut über Dinge, über die unbedingt endlich auch in der literarischen Welt gesprochen werden muss und ist dabei nicht nur spannend und gut zu lesen sondern auch politisch, stark und schrecklich wichtig. Es ist so viel größer als meine (ehrlich gesagt wirklich ziemlich unzulängliche) Rezension es vermuten lässt – man muss es einfach selbst lesen. Definitiv eines der großartigsten Jugendbücher der letzten Jahre!

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