Rezension

Two Boys Kissing: Jede Sekunde zählt

von David Levithan

Originaltitel: Two Boys Kissing

S. Fischer Verlag, 285 Seiten

Preis: 14,99€

Inhalt

Harry küsst Craig und spürt etwas, das größer ist als sie beide, etwas, das über den Kuss hinausreicht. Er greift nicht danach – noch nicht. Aber er weiß, dass es da ist. Und damit wird dieser Kuss anders als all ihre anderen Küsse zuvor. Das weiß er sofort.

Craig und Harry wollen ein Zeichen für alle schwulen Jungs setzen. Dafür küssen sie sich. 32 Stunden, 12 Minuten und 10 Sekunden lang. So lange dauert es, um den Weltrekord im Langzeitküssen zu brechen. 32 Stunden, 12 Minuten und 10 Sekunden, die auch das Leben anderer schwuler Jugendlicher in der Gegend verändern –  das von Neil und Peter, die im Grunde die perfekte Beziehung führen, das von Avery und Ryan, die sich gerade erst kennengelernt haben, und aus denen vielleicht noch mehr wird, und auch das von Cooper, der niemanden hat außer sich selbst, sich schon seit Jahren mehr tot als lebendig fühlt, und dessen Eltern sein großes Geheimnis nie erfahren dürfen: ihr Sohn liebt Männer.

Meine Meinung

Ich muss ehrlich zugeben, dass „Two Boys Kissing“ ein Buch ist, welches mich trotz seiner großen Präsenz im Bereich der Jugendbuchblogger und seines eindeutig queeren Inhalts bisher nie wirklich angesprochen hat. Es wurde dann aber zum diesmonatigen Zwitscherbooks Buchclub-Buch gewählt, und weil meine Bücherei es auf Lager hatte, habe ich es mir einfach mal ausgeliehen.

Das erste, was einem an „Two Boys Kissing“ auffällt, und auch das, was das Buch so besonders macht, ist seine Erzählinstanz. Es gibt nämlich keinen Erzähler wie er – vor allem im Jugendbuchbereich – sonst so üblich ist: sehr personal und beinahe unsichtbar tritt er hinter das Geschehen zurück und lässt die Protagonisten ihre Geschichte mehr oder weniger selbst erzählen. „Two Boys Kissing“ jedoch wird erzählt vom sogenannten Chor der Toten – genauer gesagt handelt es sich hierbei um die kollektive Stimme der AIDS-Toten aus den 80ern und frühen 90ern. Laut Nachwort wollte Levithan mit „Two Boys Kissing“ ein Buch über „die Generation der Schwulen vor mir und ihren Blick auf die Generation der Schwulen nach mir“ schreiben, und genau das tut er. Dieses Kollektiv ist im Buch so präsent, dass es schon beinahe selbst wieder einen Charakter bildet – es macht das Ganze wirklich sehr einzigartig und interessant.
Die Handlung(en) innerhalb des Buches sind zwar durchgehend interessant, teilweise locker unterhaltsam und teilweise mitreißend schmerzvoll, jedoch – das muss ich zugeben – nicht immer unbedingt außergewöhnlich. Aber darum geht es Levithan auch gar nicht. Ganz im Gegenteil, er will in den etwa zwei Tagen, die das Buch behandelt, zwei Tage im ganz gewöhnlichen Leben von ganz gewöhnlichen schwulen Jugendlichen zeigen – von solchen, deren Eltern sie akzeptieren, von solchen, deren Eltern sie unterstützen, und von solchen, deren Eltern beides nicht tun. Von solchen, die verliebt sind, die gerne verliebt wären, oder mit dem Thema Liebe schon lange abgeschlossen haben. Von Teenagern, die nicht nur schwul sind, sondern außerdem auch transgender, Kinder von Migranten, oder schlicht und ergreifend nicht weiß – und die somit oft an mehr als nur einer Front zu kämpfen haben. Er hat ein Buch geschrieben, indem ganz klar ein erwachsener Schwuler zu jüngeren Schwulen spricht, die selbst noch kämpfen und sich finden müssen, und ihnen sagt: Wir waren schon immer da und werden auch immer da sein, ihr seid nicht allein, ihr seid nicht falsch, ihr schafft das. Es ist ein Buch, das klar und stark vor allem eines sagt „Bleibt am Leben“, und das ist wunderschön.
„Two Boys Kissing“ nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Homofeindlichkeit unserer Gesellschaft geht – es ist aber trotzdem ein wahnsinnig positives Buch, das trotz all der schlimmen Dinge, die es behandelt, nie seinen Lebensmut verliert. Es ist genau das Buch, das jemand wie Cooper oder Craig oder Tariq vielleicht in seiner eigenen Jugend gebraucht hätte.
Zudem liest es sich sehr schnell, und zwar nicht nur aufgrund der relativ gerinen Seitenzahl – hätte ich es nicht für den Buchclub über drei Wochen verteilt gelesen, so hätte ich es mit Sicherheit innerhalb eines Abends durch gehabt. Man möchte es einfach nicht mehr aus der Hand legen.

„Two Boys Kissing“ ist ein wichtiges, kraftvolles, manchmal erschreckendes, manchmal wütendes oder trauriges, meistens aber wirklich hoffnungsvolles Buch, das mich zwar nicht immer mit seinen unterschiedlichen Handlungssträngen selbst, wohl aber mit seiner Stimme überzeugen konnte. Es ist nicht besonders lang, und doch stecken darin so wahnsinnig viele Dinge, dass man die Welt nach dem Lesen unmöglich noch mit den gleichen Augen sehen kann wie zuvor.
Ein paar mehr weibliche (Neben-)Figuren hätte ich zwar schön gefunden, verstehe aber natürlich auch, dass es in einem Buch über Schwule hauptsächlich um Männer geht. So oder so wird „Two Boys Kissing“ mir mit Sicherheit noch lange in Erinnerung bleiben!

Anmerken möchte ich zum Schluss nur noch, dass ich das Buch zwar auf deutsch gelesen habe, jedem, der auch gerne auf englisch liest, aber eher die Originalausgabe empfehlen würde. Zwar ist die deutsche Übersetzung nicht schlecht (mal abgesehen von einem ziemlich bösen Fehler, bei dem die Übersetzerin sich wohl verlesen und „far“ mit „fett“ übersetzt hat, was den gesamten betroffenen Absatz leider auf ziemlich ekelhafte Weise verfälscht), aber viele Sachen kommen auf deutsch einfach nicht so rüber wie im Original. Vor allem Levithans viele sehr gute und treffende Wortspiele lassen sich auf deutsch einfach nicht so gut ausdrücken wie auf englisch – hier verpasst man mit der deutschen Ausgabe leider wirklich einiges.

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