Rezension

Simon vs. The Homo Sapiens Agenda

von Becky Albertalli

Deutscher Titel: Nur drei Worte/Love, Simon

Penguin Books Verlag, 303 Seiten

Preis: Gebunden: ab 13,84€, TB: ab 7,99€, eBook: ab 6,99€

Inhalt

Was Simon über Blue weiß: Er ist witzig, sehr weise, aber auch ein bisschen schüchtern. Und ganz schön verwirrend. Was Simon nicht über Blue weiß: WER er ist. Die beiden gehen auf dieselbe Schule und schon seit Monaten tauschen sie E-Mails aus, in denen sie sich die intimsten Dinge gestehen. Simon spürt, dass er sich langsam, aber sicher in Blue verliebt, doch der ist noch nicht bereit, sich mit Simon zu treffen. Dann fällt eine der E-Mails in falsche Hände – und plötzlich steht Simons Leben Kopf.

Meine Meinung

„Simon vs. The Homo Sapiens Agenda“ ist wohl eines der meistgehypten Jugendbücher der letzten Jahre und ich wollte es unbedingt noch lesen, bevor der Film Ende Juni auch hier bei uns in den Kinos anläuft. Somit habe ich es mir anlässlich des diesjährigen Pride Months endlich gekauft und dann auch innerhalb kürzester Zeit verschlungen.

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Rezension

Autoboyography

von Christina Lauren

Simon & Schuster Verlag, 416 Seiten

Preis: Gebunden: ab 15,99€, TB: ab 8,99€, eBook: ab 10,75€

Inhalt

Vor drei Jahren ist Tanner Scotts Familie vom sonnigen Kalifornien ins mormonisch geprägte Utah gezogen – ein Wechsel, der den bisexuellen Teenager dazu gezwungen hat, seine Sexualität wieder zu verheimlichen. Jetzt beginnt das letzte Schuljahr, und Tanner kann es kaum erwarten, aufs College zu gehen, aus Utah zu verschwinden und endlich wieder er selbst sein zu dürfen. Doch dann trifft er auf Sebastian Brother – Mentor eines Schreibkurses, Sohn des Bischofs, Vorzeigemormone, und außerdem unheimlich gut aussehend. Was Tanner zunächst für eine kurzfristige Schwärmerei hält, wird schnell mehr, und Sebastian muss sich entscheiden, zwischen Tanner und seiner Familie, zwischen seinem wahren Selbst und den Regeln der Gemeinschaft, in denen er sein ganzes Leben verbracht hat.

Meine Meinung

Als ich „Autoboyography“ vor ein paar Wochen auf Goodreads entdeckt habe, bin ich sofort darauf aufmerksam geworden – Religion und Queerness verpackt in einem fluffigen YA-Buch, meine Neugierde war geweckt!

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Rezension

Ash

von Malinda Lo

PAN Verlag Verlag, 269 Seiten

Preis: TB: ab 9,49€, eBook: ab 3,99€

Inhalt

Nach dem Tod ihres Vaters ist Ash ihrer grausamen Stiefmutter schutzlos ausgeliefert. Ihre Tage verbringt sie mit harter Arbeit, ihre Nächte mit ihrem alten Märchenbuch – und Träumen davon, von einem Feenprinz entführt zu werden. Als sie im Wald auf den Feenprinzen Sidhean trifft, scheint ihr Wunsch in Erfüllung zu gehen. Als Ash jedoch die königliche Jägerin Kaisa trifft, erweckt die junge Frau nach und nach das Glück und die Liebe in ihrem Herzen wieder. Doch Sidhean hat Ash bereits für sich beansprucht – und nun muss sie eine Entscheidung treffen, zwischen Märchenträumereien und echter Liebe.

Meine Meinung

Ich habe „Ash“ vor ziemlich genau fünf Jahren bereits einmal gelesen und war damals nicht übermäßig beeindruckt von dem Buch – es war zwar schön, ging mir aber auch einfach etwas zu schnell, ich konnte mich in die Protagonistin nicht wirklich hineinfühlen, es kam so gut wie keine Spannung auf und überhaupt war das Buch mir damals auch zu kurz. Als ich vor eineinhalb Jahren von zuhause ausgezogen bin, habe ich es deshalb nichtmal in die neue Wohnung mitgenommen, weil ich nicht dachte, dass ich es nochmal lesen wollen würde. Gerade in den letzten ein, zwei Jahren ist mir aber immer wieder aufgefallen, wie viel besser mir inzwischen ruhige Bücher gefallen, und wie wenig ich beim Lesen eigentlich auf Action angewiesen bin, sodass ich es mir kurzerhand zurückgeholt und dem Buch noch eine Chance gegeben habe.

Ich bin froh, dass ich das getan habe, denn obwohl „Ash“ von mir immer noch keine 5-Sterne-Bewertung bekommt – dafür fehlt ihm an der ein- oder anderen Stelle eben doch noch etwas – so hat mich dieser Reread doch wirklich verzaubert.
Trotz seiner märchentypisch harten Thematik ist „Ash“ ein echtes Wohlfühlbuch, das man gerade aufgrund seiner Kürze gut mal eben an einem Abend lesen kann – genau wie ein etwas längeres Märchen eben. Auch zu kurz fand ich es deshalb nicht mehr unbedingt – ich glaube, als ich es zum ersten Mal gelesen habe, hätte ich nach dem Ende gerne noch etwas weitergelesen, dieses Mal fand ich es aber genau so, wie es ist, wunderschön und perfekt.
Damals, vor fünf Jahren, habe ich in meiner Rezension bemerkt, „Ash“ wäre ein Buch, das einem „das Herz in Seide packt und einem ein Lächeln auf die Lippen zaubert“. Inzwischen würde ich das vielleicht etwas weniger pathetisch formulieren, im Grunde stimme ich dem aber immer noch zu. Weil es so ruhig geschrieben ist und ich dieses Mal die Geschichte ja auch schon kannte, konnte ich es einfach ganz entspannt genießen.
Bei all dem Leid,  das queere Charaktere  oft aushalten müssen, und den schlimmen Enden, die sie dann trotzdem erwarten, war es auch einfach nur richtig schön, Bisexualität hier so positiv präsentiert zu bekommen. Ash muss sich vielleicht mit ihrer Stiefmutter herumschlagen, ihrem niedrigen Stand, ihren eigenen Geheimnissen – aber nicht mit den Gefühlen, die sie neben Sidhean auch für Kaisa entwickelt, denn dazu gibt es in ihrer Welt einfach keinen Grund. In vielen Rezensionen findet man gerade darüber Ärger, weil Queerness in Verbindung mit Märchen scheinbar immer provokativ sein muss – ich fand jedoch gerade diese stille Natürlichkeit, die ganz ohne viele Worte oder dramatische Gesten auskommt, ganz wunderbar. Überhaupt finde ich Ash als bisexuelle Protagonistin fantastisch – mir fällt von allen Büchern, die ich bisher in meinem Leben gelesen habe, spontan nur eines ein, bei dem die Protagonistin ebenfalls bisexuell ist, und das ist „Love in the Time of Global Warming“ von Francesca Lia Block. „Ash“ hat in dieser Hinsicht also wirklich Seltenheitswert, und allein das verdient schon eine Empfehlung.

Ich habe „Ash“ auf jeden Fall gern gelesen – jetzt mit 22 sogar noch etwas lieber als damals mit 17 – und es wird seinen Platz in meinem Bücherregal auf jeden Fall zurückerhalten. Auch wenn die Geschichte im Großen und Ganzen doch recht linear ist, und nicht mit allzu vielen Überraschungen aufwarten kann, hat das Buch mir wirklich Spaß gemacht. Ich habe sowohl Ash, als auch vor allem Kaisa unheimlich ins Herz geschlossen und war wie gesagt vor allem von ihrer gerade aufkeimenden Beziehung begeistert. Ich denke, dass „Ash“ auf keinen Fall mein letztes Buch von Malinda Lo sein wird – ihr Roman „Huntress“ ist zumindest direkt auch auf meiner Wunschliste gelandet!

Rezension

Ali und Ramazan

von Perihan Mağden

Originaltitel: Ali ile Ramazan

suhrkamp nova Verlag, 192 Seiten

Preis: TB: 13,95€; eBook: 11,99€

Inhalt

Ali und Ramazan wachsen zusammen in einem Waisenhaus in Istanbul auf. Aus der spontanen Zuneigung entwickelt sich eine Liebe ebenso zärtlich wie grausam. Als sie mit 18 Jahren in eine ungewisse Zukunft entlassen werden, gibt ihnen nur diese Liebe Kraft. Doch der Traum vom Glück zu zweit währt nicht lang. Ramazan, der für beider Unterhalt sorgt, gleitet ab in die Welt der Stricher, während Ali seine Einsamkeit mit Drogen und dem Schnüffeln von Lösungsmitteln betäubt. Eine Katastrophe bahnt sich an…

Meine Meinung

Ich habe „Ali und Ramazan“ vor ein paar Wochen zufällig auf einer Liste mit queeren Buchempfehlungen gefunden und es mir dann relativ spontan aus der Bücherei mitgenommen. Ich hatte zuvor noch nie etwas davon gehört und auch noch nie etwas von Perihan Mağden gelesen, weswegen ich auch keine großen Vorstellungen oder Erwartungen an das relativ schmale Buch hatte – ich wollte mich einfach darauf einlassen und sehen, wohin es mich führt.

Dass ich „Ali und Ramazan“ beendet habe liegt nun schon fast zwei Wochen zurück, und ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, was ich nun eigentlich über das Buch denke.
Ich habe mich quasi von Anfang an in die beiden Protagonisten verliebt, die Mağden in wenigen Worten so eindringlich charakterisiert, dass man sofort das Gefühl hat, sie zu kennen. Ich mochte auch die emotionale, bildreiche Weise, auf die der Roman geschrieben ist, sehr gerne, obwohl der Schreibstil die Balance zwischen poetisch und kitschig nicht immer ganz meistert. Zwischendurch haben einige Sätze sich dann doch recht holprig gelesen – hier bin ich mir aber ziemlich sicher, dass das eher an der Übersetzung als am Text selbst liegt.
Die Geschichte war – obwohl man von vornherein ahnt, dass es im Grunde kein wirklich gutes Ende für sie geben kann – unheimlich mitreißend. Sie war jedoch auch wirklich sehr tragisch, schwer und dramatisch, und das ist irgendwie fast mein größter Kritikpunkt an dem Buch. Ali und Ramazan haben von Anfang an keine Chance – vor allem, weil sie Waisenkinder sind, um die niemand sich schert. So weit, so gut – im Roman kam es für mich aber stellenweise beinahe so rüber, dass sie deshalb keine Chance haben, weil sie schwul sind. Und in diesem Sinne auch nicht, weil sie schwul in einer homofeindlichen Gesellschaft sind, sondern einfach nur, weil sie schwul sind. Es mag sein, dass ich in dieser Hinsicht auch nur übermäßig empfindlich bin, aber tatsächlich kommen in „Ali und Ramazan“ eine ganze Menge schwuler Männer vor, und keiner von ihnen gibt auch nur ein halbwegs positives Bild ab. Ich glaube nicht, dass Mağden das beabsichtigt hat, da ihr Vorwort eigentlich sehr laut und klar genau dagegen angeht, aber ich fand es dennoch irgendwie problematisch – vor allem, da Mağden selbst ja offensichtlich kein schwuler Mann und diese Zuschreibung von außen also meiner Meinung nach wirklich… schwierig ist.
Dazu kommt noch, dass im Roman oft homofeindliche Schimpfwörter verwendet werden, die ich so eigentlich von niemandem hören möchte, der nicht selbst von eben diesen Schimpfwörtern betroffen ist. Vor allem gestört hat mich hier, dass diese auch oft auf sehr negative Weise zur Abgrenzung vor sich selbst verwendet wurden. Klar verstehe ich, vorauf Mağden hinauswollte – auf die Schwierigkeit, die eigene Identität in einer homofeindlichen Gesellschaft zu akzeptieren – Sätze wie „Ich bin keine Schw*chtel, wir sind einfach  nur ineinander verliebt.“ finde ich von einem nicht homosexuellen Autor aber trotzdem mehr als nur daneben, vor allem, da gerade in dieser Hinsicht im Buch eigentlich gar keine Entwicklung stattfindet. Auch hier ist mir natürlich klar, dass ich nur eine Übersetzung gelesen habe – vielleicht ist das Ganze im Original weniger problematisch, mir ist es bei meiner Lektüre aber auf jeden Fall stark aufgefallen.

Alles in Allem stehe ich „Ali und Ramzan“ also wie ihr seht wirklich sehr zwiespältig gegenüber. Einerseits ist es ein wirklich sehr besonderes Buch, das einem in Erinnerung bleibt, andererseits gibt es aber eben doch Dinge, die mich sehr gravierend gestört haben. Ich kann auch ehrlich nicht sagen, ob ich das Buch weiterempfehlen würde oder nicht – ich fände einen Vergleich von Original und Übersetzung aber auf jeden Fall sehr interessant.

Rezension

A Little Life

von Hanya Yanagihara

Deutscher Titel: Ein wenig Leben

Doubleday Verlag, 720 Seiten

Preis: Hardcover: 13,99€ | TB: 7,99€ | eBook: 6,09€

Inhalt

Hanya Yanigaharas Roman handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe – ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Immer tiefer werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten.
Ein rauschhaftes, mit kaum fasslicher Dringlichkeit erzähltes Epos über Trauma, menschliche Güte und Freundschaft als wahre Liebe, das sich an die dunkelsten Orte, an die Literatur sich wagen kann, begibt, und dabei immer wieder zum hellen Licht durchbricht.

Meine Meinung

Am Ende dieser Rezension findet ihr eine Liste mit Triggerwarnings zum Ausklappen. So wird niemand ungewollt gespoilert, es hat aber jeder die Möglichkeit, sich zunächst über die – unter Umständen wirklich extrem triggernden – Dinge zu informieren, die in diesem Buch behandelt werden, und Retraumatisierungen so zu vermeiden.

Ich hatte „A Little Life“ schon eine ganze Weile auf dem Schirm, allerspätestens aber nachdem die liebe Liesa es letztes Jahr gelesen hat und so wahnsinnig begeistert davon war stand es auf meiner Prioritätenliste ganz, ganz oben. Als ich das Buch dieses Jahr zum Geburtstag bekommen habe, habe ich mich also natürlich gefreut wie sonst was – und habe das Buch dennoch nicht gleich gelesen, weil ich bereits wusste, dass es wohl ein sehr intensives Buch werden würde, und es mir deshalb gerne für die Ferien aufheben wollte, damit ich auch wirklich genug Kraft dafür habe.

Das war eine gute Idee, denn „A Little Life“ ist wirklich wahnsinnig heftig – und das nicht nur stellenweise sondern fast durchgehend. Obwohl ich das bereits erwartet hatte, war ich trotzdem nicht wirklich darauf vorbereitet, wie unglaublich krass es teilweise werden würde. Das Buch nimmt einen gefangen und lässt einem dann absolut keine Atempause mehr – ich habe es von Anfang an geliebt und obwohl die beschriebenen Dinge teilweise so schlimm waren, dass ich gefühlt alle zwei Seiten eine Lesepause einlegen musste, habe ich diesen 720-Seiten Schinken in gerade mal einer Woche gelesen. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören und war so in der Welt von Jude, Willem, Malcom und JB gefangen, dass ich gar nichts mehr mit mir anzufangen wusste, wenn ich das Buch mal zur Seite gelegt hatte – ich musst einfach immerzu darüber nachdenken, und auch jetzt bin ich noch absolut überwältigt.
Es ist sehr schwer, „A Little Life“ zu rezensieren, weil es einfach ein derart großes Buch ist. Man begleitet die Protagonisten des Buches über Jahrzehnte hinweg, lebt, lacht und leidet mit ihnen, als wäre man selbst ein Teil der Gruppe. Es ist spannend, mitreißend und schmerzhaft – und dabei auch noch fantastisch geschrieben. Ein Buch, das einen tief berührt, ein Epos über Freundschaft, über romantische und platonische Liebe und die Punkte, an denen diese Grenze verschwimmt, aber auch eines über unfassbare Gewalt, körperliche wie seelische, und die tiefen Spuren, die sie auf und in einem Menschen hinterlässt – für immer. Es ist ein Buch über das Leben, in all seiner Schönheit aber vor allem auch in all seiner Hässlichkeit, über Leid und Schmerz und Kraft. Ich habe noch nie derart viele schreckliche, schwere Themen in nur einem Buch angetroffen, und doch ist es, was die Glaubwürdigkeit angeht, an keiner Stelle zu viel, was hier feinfühlig aber gleichzeitig auch sehr schonungslos geschildert wird.
In einem Interview mit Dennis Scheck sagte Hanya Yanagihara, sie habe bewusst auf das Foto auf dem Cover („The Orgasmic Man“ von Peter Hujar) bestanden, weil es genau das widerspiegelt, was sie mit ihrem Buch erreichen wollte – irgendetwas zwischen Schmerz und Lust, das zugleich faszinierend und beim Ansehen beinahe unangenehm ist, weil es einem das Gefühl gibt, etwas verboten Intimes beobachtet zu haben. Genau so hat „A Little Life“ sich für mich tatsächlich angefühlt.
Eindringling erzählt Hanya Yanagihara ihre Geschichte aus fünf verschiedenen Perspektiven – jede davon einzigartig und extrem persönlich. Noch nie habe ich mich einer Gruppe von Figuren näher gefühlt. Es ist in jeder Hinsicht wahnsinnig intim und intensiv. Wie ein Mahlstrohm zieht das Buch einen immer weiter hinein in das Auf und Ab, die Wirrungen und Wendungen von vier wirklich dramatischen aber dennoch niemals überzeichneten Leben, während es gleichzeitig auch immer tiefer in Judes grauenvolle Vergangenheit vordringt.
Ich habe jeden der vier Protagonisten auf seine Weise lieben gelernt – vor allem, weil jeder von ihnen so realistisch und dreidimensional war. Niemand ist „nur“ gut oder „nur“ schlecht – jeder von ihnen ist ein kompletter Mensch mit mehr als nur einer Seite. Zudem war ich begeistert davon, wie queer und nicht-weiß das Buch war. Von den vier Protagonisten ist nur ein einziger weiß, und so richtig heterosexuell wohl keiner – und nicht nur das, auch bei den Nebencharakteren wird vor allem Queerness immer mal wieder nebenbei erwähnt, ohne dass weiter darauf eingegangen wird. Dass Menschen nicht cisgender, hetero- oder allosexuell sind, dass sie in Beziehungen sind, zusammenleben, heiraten, ist so absolut normal, dass es keiner weiteren Erklärung bedarf, und auch das hat mir wirklich gefallen. Denn neben allem, was „A Little Life“ behandelt, ist es eben auch ein fundamental queeres Buch, ein Buch über queeres Leiden, queere Liebe, queere Heilung. Der einzige Unterschied zu anderen queeren Büchern ist der, dass dieses komplett ohne die sonst üblichen kollektiven Traumata von Coming-Out und der Aids-Krise auskommt, die – ebenso wie alle anderen größeren politischen und historischen Ereignisse – in diesem Buch schlichtweg keine Erwähnung findet, was dem Ganzen nicht nur einen sehr interessanten, zeitlosen Aspekt verleiht sondern es auf seltsame Art und Weise noch enger und noch intimer macht.

Als ich das Buch beendet hatte wusst ich für einen schrecklichen Moment wirklich gar nicht mehr, was ich nun mit mir selbst anfangen soll – dass man nach der Lektüre eines wirklich guten Buchs fast das Gefühl hat, es hätte einen Teil des eigenen Herzens mit sich genommen, ist ja nicht weiter ungewöhnlich, aber „A Little Life“ ist das erste, bei dem ich das Gefühl hatte, ich hätte ein gewaltiges Stück meines Lebens und meiner Seele bei ihm gelassen. Das hört sich wahnsinnig pathetisch an, aber genau so war es. Ich habe mich noch nie so voll und und gleichzeitig so leer, so ausgehöhlt gefühlt – das Buch hat mir so viel gegeben und mich gleichzeitig einfach nur fertig gemacht.
Es war grausam, es war großartig, es war schrecklich fantastisch – ich habe es geliebt. Ich glaube, es ist ein Buch, mit dem ich von nun an jedes andere Buch, das ich lese, vergleichen werde, und ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals darüber hinweg sein werde. Andererseits habe ich auch das Gefühl, dass ich das vielleicht gar nicht will. „A Little Life“ ist ein einzigartig kraftvolles, beeindruckendes, überwältigendes Buch und ich bin wahnsinnig dankbar dafür, dass ich es lesen durfte.

  • Triggerwarnings:

    Suizid & (graphisch) Suizidalität,
    (sehr graphisch) selbstverletzendes Verhalten,
    (emotionale und körperliche) Kindesmisshandlung,
    (emotionale und körperliche) Misshandlungen in der Beziehung,
    sexueller Missbrauch von Kindern,
    Vergewaltigung,
    Pädophilie,
    Zwangsprostitution,
    Drogenmissbrauch & Sucht,
    (gewalttätiger) Ableismus,
    (graphisch) körperliche Gewalt

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